Maurizio Caputo, bridport & co „Die unabhängigen Vermögensverwalter sind für die Vermögensverwaltung, was wir im Brokerage sind“

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Interview mit Maurizio Caputo, bridport & co
Von Marine Ulrich – Fotos: Karine Bauzin

bridport, seit Inkrafttreten des FINIG ein „Wertpapierhaus“, feiert im kommenden Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Seit seiner Gründung in Genf im Jahr 1991 begleitet bridport seine zahlreichen Kunden durch das Labyrinth eines immer komplexer werdenden Rentenmarktuniversums. CEO Maurizio Caputo erklärt uns, wie.

bridport ist nunmehr ein „Wertpapierhaus“ im Sinne des FINIG. Ist die neue Regelung für Sie von Vorteil?
Maurizio Caputo: Aber sicher. Bereits nach der alten Gesetzgebung waren wir der Aufsicht durch die FINMA unterstellt, und zwar mit dem Status des „Effektenhändlers“, der im Hinblick auf aufsichtsrechtliche Anforderungen in etwa mit dem Status von Banken vergleichbar ist. Das FINIG dagegen ist für „Wertpapierhäuser“ weniger streng, denn es setzt den proportionalen und risikoorientierten Ansatz um, den die FINMA angestrebt hat. Der mit Abstand wichtigste Effekt für bridport sind die geänderten und dadurch stark vereinfachten Anforderungen an Eigenmittel und Risikoverteilung. Dadurch sind wir gegenüber unseren europäischen Wettbewerbern nicht mehr im Nachteil, sondern auf Augenhöhe. Wir halten jedoch an bestimmten strengeren Grundsätzen der alten Regelungsstandards fest, zum Beispiel in bezug auf die Unternehmensführung. Wir wollen immer dann höhere Standards anwenden, die noch strikter sind als neuen aufsichtsrechtlichen Anforderungen, wenn diese Standards einen echten Mehrwert für unsere Arbeit bringen.

Haben sich für Sie durch diese Regelung neue Chancen ergeben?
FINIG und FIDLEG haben – wegen des zusätzlichen Aufwands und der Kosten, die diese Gesetze verursachen – für viel Gesprächsstoff gesorgt, vor allem bei den unabhängigen Vermögensverwaltern. Doch man sollte vielmehr die Chancen und das Potenzial des besonderen Status berücksichtigen, von dem wir künftig profitieren, denn er ist ein Garant für Qualität und Anerkennung. 1997 waren wir nach Inkrafttreten des BEHG und seinen stellenweise schlecht angepassten und unverhältnismässigen Vorschriften mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass die Vorteile eines derartigen Status die Kosten bei weitem überwiegen. Dies ist auch ein Grund für unsere derzeitige Position.

Welche Dienstleistungen bieten Sie Ihren Kunden für Rentenmarktanlagen?
Der Service-Gedanke ist Dreh- und Angelpunkt unseres Angebots – damit unterscheiden wir uns von typischen Brokern. Der Verkauf oder Wiederverkauf von Produkten zählt nicht zu unserem Leistungsspektrum, und wir haben auch keine Eigenhandelsaktivität. Wir sind de facto reine Marktintermediäre. Unsere Kunden begleiten wir über den gesamten Investmentzyklus, der mit einer persönlichen Betreuung beginnt. Wir haben mehrere Entscheidungshilfen entwickelt wie zum Beispiel ein System namens Keox, mit über 30.000 Anleihen, die unser Research-Team täglich auf dem Radar verfolgt. Mit Keox können wir nicht nur Listen mit massgeschneiderten Anleihen für unsere Kunden anlegen, sondern gleichzeitig auch Limit-Order verwalten und Portfolioanalysen erstellen. Darüber hinaus haben wir mehrere Indikatoren entwickelt – etwa unser liquidity ranking und unser credit scoring model. Zur Wertschöpfungskette gehören aber auch die Front Office-Aktivitäten. Zudem ist Kundendienst bei uns eine Priorität, weshalb wir über ein eigenes Back Office verfügen, das die Abrechnung der Transaktionen akribisch kontrolliert.

Wer sind Ihre typischen Kunden?
Wir betreuen professionelle Kunden, das heisst unabhängige Vermögensverwalter, Banken, Family Offices, Anlagefonds, aber auch Pensionskassen und Treasury-Abteilungen von Unternehmen. Einer unserer Vorteile ist der breite Marktzugang dank eines Netzwerks von fast 250 professionellen Gegenparteien in der ganzen Welt und fast 500 institutionellen Kunden. An den Over-the-Counter-Märkten ist die Ausführungskapazität und Bereitstellung von Liquidität oftmals ausschlaggebend, damit wir den Anforderungen unserer Kunden gerecht werden können, vor allem in Phasen hoher Volatilität wie in diesem Frühjahr.
Man sollte nicht vergessen, dass nebst den Gründern der Firma  auch das Management-Team und  die Mitarbeiter Aktionäre der Firma sind. Dank dieser stabilen Aktionärsstruktur können wir mit Bedacht in die Entwicklung neuer Märkte mit hohem langfristigem Wachstumspotenzial investieren. Neben unseren historischen Stamm-Märkten – der Schweiz und Europa – befinden sich unsere Kunden inzwischen in der ganzen Welt, denn wir sind auch in Asien, im Nahen Osten, Osteuropa und Lateinamerika bekannt. Infolgedessen können wir Expertise entwickeln und erhalten Zugang zu fast dem gesamten Anleihenuniversum. Dies schätzen unsere institutionellen Kunden in der Schweiz über alles, und dieser Zugang erfüllt wiederum die Anforderungen ihrer eigenen internationalen Kunden.

Als Wertpapierhaus bieten Sie Dienstleistungen für unabhängige Vermögensverwalter an und stehen deshalb im Kontakt mit den Depotbanken. Wie handhaben Sie diese Dreierkonstellation?
Die unabhängigen Vermögensverwalter stellen eine wichtige Kundenkategorie für bridport dar, nicht nur zahlenmässig, sondern auch deshalb, weil wir mit einigen von ihnen schon einen langen Weg zurückgelegt haben. Wie sie haben auch wir uns zum Vorteil unserer Kunden für Unabhängigkeit entschieden. Die unabhängigen Vermögensverwalter sind für die Vermögensverwaltung, was wir im Brokerage sind. Unsere Beziehungen erfordern zwangsläufig Kontakte zu den Depotbanken, unseren Gegenparteien, da die Schweizer Gesetzgebung UVVs keinen Handel im eigenen Namen erlaubt.
Diese Kontakte haben eine ganze Reihe von Vorteilen: Die Vermögensverwalter können sich auf unsere Rentenmarktexpertise stützen und von unserer personalisierten Betreuung profitieren. Für die Depotbanken, weil sie eine Aktivität auslagern können, die viel Manpower erfordert und häufig nicht zu ihren jeweiligen Kernkompetenzen gehört. Im Rahmen trilateraler Verträge arbeiten wir inzwischen mit fast 50 Depotbanken zusammen. Die meisten sind für ihren eigenen Anleihenhandel (Liquiditätsmanagement, Asset Management, Private Banking-Aktivität) ebenfalls Direktkunden von uns.
Einige Depotbanken sehen in uns allerdings eher Wettbewerber als Partner. Die Vermögensverwalter müssen dann entscheiden, wer ihnen den besten Service bietet. Wir bemühen uns unsererseits um konstruktive Beziehungen mit den Depotbanken und suchen die besten Lösungen für die Vermögensverwalter und deren Endkunden.

Wie schätzen Sie die Zukunft Ihres Geschäftsmodells ein angesichts ständig sich ändernder Regulierungen und Märkte?
Die lückenlose Einhaltung der aufsichtsrechtlichen Vorschriften bildet die Basis für unseren Fahrplan und die etwaige Anpassung unseres Geschäftsmodells. In der Schweiz hat man sich inzwischen mit dem FINIG und dem FIDLEG abgefunden. Auf europäischer Ebene werden Leerverkäufe nach dem neuen Regulierungsstandard (Settlement Discipline Regime, CSDR) verboten und sanktioniert. Dies wird sich auf die gesamte Branche auswirken.
Abgesehen von der Regulierung wird die technologische Entwicklung weit mehr disruptive Folgen für gut etablierte Geschäftsmodelle haben. Bereits seit einigen Jahren ist eine Disintermediation unseres Berufsstands und eine starke Zunahme von Plattformen zu beobachten, die das menschliche Wirken ersetzen wollen. Angesichts der Vielfalt des Anleihenuniversums und seiner Besonderheiten im Vergleich zu anderen, stärker standardisierten Anlageklassen glauben wir nicht an pauschale Lösungen von der Stange. Wir halten auch künftig an unserer auf Service, Kundennähe und Spezialisierung beruhenden Nischenposition fest, integrieren aber Plattformen, die einen echten Mehrwert generieren, in unsere Workflows.
Herausforderungen gibt es zuhauf – doch wir sehen sie als Chance. So können wir unsere Systeme besser in die Kundensysteme integrieren und auf diese Weise effizienter zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang arbeiten wir an mehreren Interfacing-Projekten mit den PMS-Systemen, um den Datenaustausch zwischen den UVV, bridport und den Depotbanken zu verbessern. Die Nachhaltigkeit von Investments ist ebenfalls von zunehmender Bedeutung. Deshalb haben wir eine Partnerschaft aufgebaut, die unseren Kunden die Integration von ESG-Grundsätzen in ihre Investmentprozesse und die ex-post-Überprüfung ihrer Einhaltung ermöglicht.
Investitionen in Mitarbeiter und Technologie sind ein kontinuierlicher Prozess, wenn man leistungsfähig bleiben will. Die Konsolidierung, die der Bankensektor gerade durchläuft, hat auch Folgen für unsere Branche, so dass wir eine aktive Rolle in diesem Bereich spielen wollen.

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