Meereswirtschaft: blaue Wachstumsquellen

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Von Emeline Ozhan, Silex Investment Partners

Bis 2030 wird die Meereswirtschaft aufgrund der neuen ökologischen Herausforderungen tiefgreifende Umwälzungen erfahren. In diesem Zeitraum dürften die betroffenen Sektoren dank der erwarteten Welle technologischer Innovationen ein stärkeres Wachstum als die Weltwirtschaft verzeichnen.

Laut Schätzungen des World Wildlife Fund beträgt der Wert der Meeresressourcen 24.000 Milliarden US-Dollar – fünfzig Mal das BIP der Schweiz. Das Meer ermöglicht gewaltige materielle und immaterielle Produkte und Dienstleistungen in industrieller und ökosystemischer Hinsicht.

Die Meereswirtschaft beruht in erster Linie auf den Wertschöpfungsketten der Schifffahrt, der Energieerzeugung und der Aquakultur. Die Weltmeere leisten uns aber auch unschätzbare Dienste: Sie regulieren das Klima, denn sie speichern einen wesentlichen Teil der menschengemachten CO2-Emissionen, und das Phytoplankton der Meere produziert einen Grossteil unseres Sauerstoffs. Die blaue Wirtschaft muss künftig alle durch die ökologische Wende entstehenden Branchen koordinieren – für eine nachhaltige Nutzung der Ozeane und die Erhaltung der Produkte und Dienstleistungen, die sie uns ermöglichen.

Die Dringlichkeit der ökologischen Wende beschleunigt die schöpferische Zerstörung, von der Joseph A. Schumpeter erstmals sprach. Die Weltmeere sind von Übersäuerung, Überfischung und Verschmutzung bedroht. Die einzelnen Branchen der Meereswirtschaft müssen umdenken und wachstumsstarke Segmente entwickeln. Mittelfristig werden einige Branchen jedoch verschwinden. Wichtigste Wachstumsvektoren werden Technologien sein, die eine Reduzierung der CO2-Emissionen und der Verschmutzung durch Chemikalien und Plastikmüll sowie die Entwicklung eines nachhaltigen Aquakultursektors ermöglichen.

Die wichtigste Aktivität der Meereswirtschaft ist noch immer die Offshore-Erdölförderung. Zwar repräsentierte sie 2010 über 34% des Mehrwerts der maritimen Aktivitäten, die OECD rechnet bis 2030 jedoch mit einem Rückgang auf 22%. Beschleunigt wird die Obsoleszenz dieser Branche zudem durch den steigenden Kohlenstoffpreis und die sinkenden Produktionskosten für erneuerbare Energien. Sie wird Offshore-Windkraftwerken weichen, die ein gewaltiges Wachstumspotenzial besitzen. Für die Nordsee haben Unternehmen wie Talisman, die in der Vergangenheit an der Erdölförderung beteiligt waren, Projekte entwickelt, um alte Ölplattformen einer erneuten Nutzung für die Windkraft zuzuführen. Dieser Markt, den es vor wenigen Jahren nicht einmal gegeben hat, dürfte bis 2030 ein Volumen von 24 Milliarden US-Dollar erreichen.

Bis 2030 wird sich der weltweite Verbrauch von Fisch und Meeresfrüchten aufgrund des rückläufigen Fleischkonsums in den Industrieländern und der steigenden Nachfrage der neuen Mittelschicht in den Schwellenländern voraussichtlich verdoppeln. Die massiv subventionierte und unrentable Schleppnetzfischerei bedroht mehr als 80% der weltweiten Fischbestände. Angesichts der hohen Nachfrage ist die Aquakultur heute der Bereich der Lebensmittelindustrie, der am schnellsten wächst. Unternehmen wie Corbion bieten Lösungen an, damit diese Branche nachhaltiger wird, z.B. durch die Entwicklung energiereicher, antibiotikafreier Inhaltsstoffe für Fischfutter auf der Basis von Mikroalgen. Das Unternehmen rechnet für dieses Segment bis 2030 mit einem Umsatzwachstum von über 20%. Bis dahin wird Aquakultur nach Angaben der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, 62% der weltweiten Fischproduktion ausmachen.

Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, muss der Schiffsverkehr seine CO2-Emissionen im Vergleich zu 2008 bis 2030 um 40% reduzieren. Die Energieeffizienz der Schiffe und Infrastrukturen steht im Mittelpunkt der Innovationen im Schiffsbau und in der Hafenlogistik. Einige Schiffsausrüster wie Wärtsilä nutzen die starke Nachfrage nach Schiffsumrüstungen, um hybride Navigationslösungen zu installieren, die Batterien und Biokraftstoffe kombinieren. Wärtsilä geht davon aus, dass sich die Kapazität von Schiffsantrieben mit erneuerbaren Energien zwischen 2018 und 2040 verfünffachen wird.

Im kommenden Jahrzehnt werden die Weltmeere unweigerlich im Fokus technologischer Innovationen stehen. Die OECD rechnet für die Meereswirtschaft bis 2030 mit einem jährlichen Wachstum von 3,7%. Durch den Schwerpunkt auf innovative Segmente der blauen Wirtschaft dürfte das Umsatzwachstum zwischen 5% und 10% liegen. Dies entspricht in etwa den Zahlen, die für die Wasserstoffbranche erwartet werden. Ein ‚Meer‘ an Möglichkeiten mit Investitionen in dieses Anlagethema.

Emeline Ozhan kam 2021 als Managerin für thematische Aktien zu Silex Investment Partners. Sie begann ihre berufliche Laufbahn 2012 als Aktienanalystin bei Sycomore Asset Management. 2014 wechselte sie zur Pictet-Gruppe, wo sie an der Aktienauswahl für einen europäischen Long-Short-Aktienfonds beteiligt war. 2018 wurde sie Analystin für Nachhaltigskeitsthemen bei Lombard Odier und wirkte an der Auflegung und Verwaltung von Impact-Strategien mit. Ozhan studierte an der Universität Paris IX Dauphine (Master 203 Financial Markets) und ist ferner Absolventin der Universität Paris I Panthéon Sorbonne (Master MoSEF quantitatives Finanzwesen). Seit 2018 ist sie CFA-Charterholder.

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