Megatrends definieren Branchen-allokation neu

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Von Anne-Valère Amo, Leiterin ETF-Auswahl, TrackInsight

Durch grosse Tendenzen, sogenannte Megatrends, definiert sich unser Planet ständig neu. Sie lösen langfristig strukturelle Veränderungen aus und verändern auf politischer, wirtschaftlicher, sozialer, demografischer und ökologischer Ebene die Weltordnung grundlegend.
2016 hat PricewaterhouseCoopers fünf Megatrends identifiziert: wirtschaftlicher Machtwechsel zugunsten der Schwellenländer, demografischer Wandel, rasante Urbanisierung, High-Tech-Boom und Klimawandel in Verbindung mit einer Verknappung der Rohstoffe.
Die Pandemie wirkt dabei wie ein Katalysator: Sie beschleunigt einige der genannten Veränderungen und beeinflusst die natürliche Entwicklung einiger Sektoren, wodurch sich unsere derzeitige und künftige Lebensweise schneller, als bislang angenommen, verändert. Das beschleunigte Aufkommen eines neuen Arbeitsmodells, das aus den Unternehmen ausgelagert und völlig digitalisiert ist, ist nur ein Beispiel von vielen. Institutionelle Investoren haben verstanden, dass diese Megatrends einen besonderen Ansatz erfordern.

Chancen durch Megatrends

Diese Megatrends stellen zwar eine potenzielle Bedrohung für unsere heutige Welt dar, eröffnen auf lange Sicht jedoch völlig neue Anlagemöglichkeiten in wachstumsstarken Sektoren. Zu diesen Tendenzen und Megatrends gehören vor allem folgende:
• rascher Aufstieg der Schwellenländer als neue Absatzmärkte sowie neue wirtschaftliche und geopolitische Akteure;
• Aufkommen der Silver Economy als direkte Folge der alternden Bevölkerung, die eine neue Konsumentenkategorie mit spezifischen Bedürfnissen und Erwartungen schafft;
• Umwandlung der Städte in so genannte „intelligente“ Megacities („Smart Cities“) der Zukunft, deren Wachstum durch den demografischen und ökologischen Wandel sowie den massiven Zuzug aus ländlichen Regionen angeheizt wird;
• Vormarsch von Robotik, Automatisierung und künstlicher Intelligenz in immer mehr Sektoren, erkennbar an der Integration disruptiver Technologien in unseren Alltag;
• Dekarbonisierung der Atmosphäre durch die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien oder die vom Pariser Klimaschutzabkommen von 2018 diktierte Nachverfolgung der CO2-Emissionsverläufe.

Fakt ist, dass eine Tendenz den Investment Case untermauern kann, der auf mehreren Megatrends gleichzeitig beruht. Dies trifft beispielsweise auf erneuerbare Energien zu, die einerseits auf disruptiven Technologien basieren und andererseits eine wesentliche Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen.

Ein hilfreiches Anlageinstrument

Mit thematischen Anlagen kann man Anlagechancen nutzen, die sich aus einer Tendenz oder einem Megatrend ableiten lassen. Obwohl thematische Anlagen nicht allgemeingültig definiert sind, können wir bereits ihre wichtigsten Merkmale aufzählen: Generierung von aussagekräftigen Alphas, langfristiger Anlagehorizont sowie ein ganzheitlicher Ansatz, bei dem die traditionellen Grenzen (Geografie, Branchen, Anlagestile) wegfallen und einer High-Conviction-Allokation weichen, die in strukturellen Schwerpunkten resultiert.
Im Rahmen der Titelselektion werden ferner verstärkt Wachstumsvektoren und Innovationsparameter berücksichtigt. Hinzu kommt häufig auch ein Gewichtungsschema, das den Grösseneffekt aushebelt, wobei Small und Mid Caps stärker und Einzeltitel gleich gewichtet werden.

Anlageuniversum mit exponentiellem Wachstum

Das Anlageuniversum thematischer Anlagen ist immens, extrem heterogen und bietet eine Vielfalt von Implementierungslösungen. Die genaue Anzahl der Themenfonds, ob aktiv gemanagte Investmentfonds oder ETFs, ist derzeit nicht bekannt. Dass dieses Anlageuniversum ein treues Publikum gefunden hat – unabhängig von der Datenquelle –, lässt sich an den Mittelzuflüssen in Themenfonds ablesen.

Die jüngste Morningstar-Studie beziffert das per Ende März 2021 in Themenfonds aller Anbieter und Strukturen investierte Vermögen weltweit auf 595 Milliarden US-Dollar. Dieser Wert hat sich in den vergangenen drei Jahren somit mehr als verdreifacht. Allein für das ETF-Universum zählte Trackinsight per Ende Juni fast 600 Themen-ETFs für Europa, Nordamerika und den Asien-Pazifik-Raum, die ein Vermögen von 302 Milliarden US-Dollar verwalten. Für dieses Universum ermittelt Trackinsight seit 2018 die gleiche Zuwachsrate. Ein Drittel der 2021 neu aufgelegten ETFs sind Themen-ETFs, die mehr als 65 Milliarden US-Dollar eingesammelt haben.

Sorgfaltspflicht

Diese Anlageinstrumente, die von manchen Anlegern, die sich in den Trends von morgen positionieren möchten, sehr geschätzt und von anderen aufgrund ihrer niedrigen Überlebensquote geschmäht werden, haben in den vergangenen fünfzehn Monaten für viel Wirbel gesorgt. Die Polemik hat im Übrigen die Grundsatzdiskussion über aktives und passives Management neu entfacht.

Tatsache ist, dass Themen-ETFs – von wenigen Ausnahmen abgesehen – entweder aktiv gemanagt und benchmarkunabhängig sind oder passiv aktive Indexstrategien nachbilden. Somit müssen sämtliche Themenfonds, unabhängig von ihrer Struktur – einer eingehenden Analyse des Fondsmanagers unterzogen werden: seiner Strategie, seiner Expertise auf dem betreffenden Gebiet und seiner Fähigkeit, die zeitliche Entwicklung abzubilden. Manche Anbieter wie zum Beispiel BlackRock verfolgen mit ihrem Themenfonds-Angebot konsequent beide Strategien.

Genauso wie man angesichts der Vielzahl von Fonds, die sich das Anlagethema des Klimawandels zunutze machen, vom „Greenwashing“-Risiko spricht, ist nunmehr ein ähnliches Phänomen bei thematischen Anlagen festzustellen.
Analog dazu kann man also vom „Thematic Washing“-Risiko sprechen, so dass Investoren die „reinste“ und im zeitlichen Verlauf widerstandsfähigste Themenstrategie wählen müssen. Zudem müssen solche Strategien von einem Fondsanbieter entwickelt werden, der die technischen Aspekte des Themas oder der Grundtendenz genauso gut beherrscht wie die Portfolioverwaltung. Anders ausgedrückt: Die Anleger dürfen sich nicht von einem attraktiven Produktnamen blenden lassen, sondern müssen sich vergewissern, dass sie ihr Geld einem auf beiden Gebieten versierten Experten anvertrauen.

Natürlich sind Robotik, Automatisierung oder künstliche Intelligenz keine Fachgebiete, auf denen man einfach so improvisieren kann. So sind sämtliche Themenfonds, die auf diese disruptiven Technologien setzen, eine repräsentative Stichprobe der verschiedensten Strategien, die sich auf ein bestimmtes Thema oder einen Trend konzentrieren. In den vergangenen 12 Monaten reichte die Performance der Fonds, die sich die Anlagechancen dieser drei Technologien zunutze machen wollen, von 29 bis 54 Prozent. Dies entspricht einer Performance-Diskrepanz von 25 Prozent. Bei der „Reinheit“ der Exposure ist die Korrelation zwischen jedem dieser Fonds und Leitindizes wie dem Nasdaq 100, dem Branchenindex S&P 500 Information Technology oder dem MSCI ACWI keinesfalls homogen. Sie schwankte in den beiden vergangenen Jahren zwischen 48 und 92, 49 und 93 bzw. 62 und 91 Prozent. Diese von Trackinsight ermittelten Zahlen gelten sowohl für aktiv verwaltete Investmentfonds als auch ETFs.

Themen oder Sektoren 2.0

Tatsächlich scheinen thematische Anlagen den Portfolioaufbau von morgen immer stärker zu bestimmen. Globalen Themenstrategien, die sowohl Industrie- als auch Schwellenländer umfassen, kommt in der Asset-Allokation eine zunehmende Bedeutung zu.

Obwohl es sich um High-Conviction-Strategien handelt, werden beim Portfolioaufbau Branchen- und geografische Schwerpunkte festgelegt. Die Herausforderung besteht darin, diese Schwerpunkte auf der Ebene der Asset-Allokation zu diversifizieren und sicherzustellen, dass die thematische Exposure nicht mit der Kernpositionierung des Portfolios korreliert. Es muss also sichergestellt werden, dass die thematische Allokation bestmöglich von den Leitindizes wie dem MSCI World, dem S&P 500, dem Nasdaq 100 oder sogar einem Branchenindex dekorreliert ist; dies ist ein wichtiges Unterscheidungskriterium für Themenfonds.

Im Übrigen kann durch eine dynamische Allokation auf die verschiedenen Anlagethemen zur Besetzung eines Megatrends im zeitlichen Verlauf ein langfristiger Anlagehorizont verfolgt werden, und zwar in zweierlei Hinsicht: Sie ermöglicht einen Schutz vor den negativen Auswirkungen bestimmter zyklischer Veränderungen, die sich nachteilig auf manche Themen auswirken können. Umgekehrt lassen sich die positiven Effekte bestimmter zyklischer Veränderungen nutzen, die sich vorteilhaft auf manche Themen auswirken können.

So kann ein systemischer Schock eine Tendenz von ihrem ursprünglichen Verlauf abbringen, indem er sie beschleunigt oder verlangsamt – die Krise von 2020 ist dafür ein mustergültiges Beispiel, denn sie hat allen mit der Digitalisierung verbundenen Themen immensen Schub verliehen.
Obwohl sie kein neues Phänomen sind, rückten thematische Anlagen in der Krise vom März 2020 ins Rampenlicht und verzeichnen seither eine rasante Entwicklung, die sich so schnell nicht abschwächen dürfte. Ihre Berücksichtigung beim Portfolioaufbau hat die Regeln und Erwartungen hinsichtlich der Asset-Allokation neu definiert. So wurde vor allem die Branchenallokation durch den Wegfall der klassischen Branchen- und geografischen Grenzen zugunsten der Globalisierung neu definiert und verstärkt auf eine Exposure in einem Thema und einer Tendenz ausgerichtet.

Grundlagen des Erfolgs

Im Rahmen des Portfolioaufbaus steht durch die thematische Allokation ein neues Modell zur Verfügung, eine neue Generation der Branchen-Allokation. Mehr denn je ist bei der Wahl einer adäquaten Implementierungslösung innerhalb eines wachstumsstarken Universums höchste Sorgfalt geboten, da Wettbewerbsfähigkeit und Heterogenität die Voraussetzung dafür sind, um sich vom Wettbewerb abzuheben. Investoren müssen deshalb noch anspruchsvoller sein und dürfen sich nicht nur auf emotionale Überlegungen konzentrieren, wenn sie aussagekräftiges Alpha generieren wollen.

Anne-Valère Amo verantwortet bei TrackInsight die ETF-Auswahl für institutionelle Investoren sowie die Bereiche Due Diligence-Prüfung, Beratung und Aufbau von Modellportfolios. Vor ihrem Wechsel zu TrackInsight war sie 20 Jahre im Bank- und Finanzsektor tätig, vor allem bei der Bank Lombard Odier, wo sie für das quantitative Research, das Risikomanagement, die Auswahl von ETFs und die diesbezügliche Beratung zuständig war. Bei der Union Bancaire Privée war sie als quantitative Analystin und bei MSCI als leitende Statistikerin tätig. Anne-Valère Amo hat in fraktaler Analyse im Finanzwesen promoviert. Ihren Doktortitel erwarb sie an der Universität Genf, wo sie als Lehrassistentin für Mathematik und Statistik beschäftigt war.

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