„Mir geht es darum, nun endlich eine Reform durchzubringen“

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Interview mit Doris Bianchi, Direktorin, Publica

Von Andreas Schaffner – Fotos: Jürg Kaufmann

Doris Bianchi übernahm vor zwei Jahren die Leitung von Publica, der Pensionskasse des Bundes. Heute arbeitet sie an der Entwicklung einer neuen Strategie, die mit einer notwendigen Reform des Systems der beruflichen Vorsorge einhergehen soll. Zu diesem heiklen Thema äussert sie sich in diesem Interview.
Ein politisch heisses Eisen, bei dem sie sich klar für eine rasche Lösung einsetzt.

Sie haben Ihre Stelle als Direktion von Publica mitten in der Pandemie angetreten. Wie war das?
Doris Bianchi: Die Schweiz musste ja von einem Tag auf den anderen in den Krisenmodus schalten. Ein Ereignis, das viele nicht so schnell vergessen werden. Ich hatte den Beginn der Pandemie noch im Departement des Innern miterlebt. Danach war ich beeindruckt wie gut bei Publica die Umstellung auf das Arbeiten im Homeoffice geklappt hat.

Als persönliche Mitarbeiterin des Gesundheitsministers Alain Berset waren Sie ganz nahe an den Entscheidungen. Wie war das?
Das war unglaublich anstrengend und fordernd. Für die Verwaltung – aber natürlich auch für alle anderen Menschen in der Schweiz.

Sie haben sich vor dem Wechsel zu Publica besonders mit gesundheitspolitischen Fragen auseinandergesetzt. Nun der Wechsel in die berufliche Vorsorge. Können Sie die Bereiche vergleichen?
Nun, ich hatte ja vor meiner Zeit im Departement schon sehr stark mit Pensionskassen-Fragen zu tun, als Stiftungsratspräsidentin der Auffangeinrichtung BVG und jener des Sicherheitsfonds. Insofern war es für mich eine Rückkehr zu einer mir bekannten Welt. In beiden Welten geht es um die Sozialversicherung, jedoch mit unterschiedlichen Finanzierungen. Im Vergleich zu den Krankenkassen kann die zweite Säule, so auch Publica, besser auf die steigenden Ausgaben reagieren.

Wie meinen Sie das?
Das Gesundheitswesen ist von steigenden Gesundheitskosten geprägt. Entsprechend steigen bei der obligatorischen Versicherung (KVG) die Prämien. In der zweiten Säule sind die Beiträge in den letzten Jahren ebenfalls gestiegen, aber auch die Leistungsseite stand im Fokus. Pensionskassen haben aufgrund der steigenden Lebenserwartung und somit den anwachsenden Ausgaben ihre Leistungen überprüft und teilweise auch gekürzt.

Und da wären wir schon beim Thema, der Reform der zweiten Säule.
Die Notwendigkeit ist klar gegeben, Stichwort Demografie. Aber bisher sind alle Reformvorhaben gescheitert. Woran liegt das?
Ich glaube, es wird nie eine Lösung geben, die alle vollends überzeugt. Es wird immer Kröten zu schlucken geben. Das wird auch bei der gegenwärtigen Revision, über die wir wohl irgendwann im kommenden Jahr abstimmen werden, nicht anders sein.

Sie rechnen also schon mit einem Referendum?
Ja, die berufliche Vorsorge ist ein Thema das sehr bewegt. Vorlagen, die zu finanziellen Einbussen führen, finden eine breite Gegnerschaft. Das Nein-Lager hat bei Reformen der Altersvorsorge immer einen Vorteil. Deshalb brauchen wir jetzt eine Vorlage, die den meisten Leuten nicht nur mehr kostet, sondern etwas bringt. Die gegenwärtige, von Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden ausgearbeitete Lösung, die vom Bundesrat übernommen wurde, ist hier ein gangbarer Weg.

Die wird aber nicht von der Branche unterstützt. Der Nationalrat hat eine neue Lösung präsentiert. Und auch der Arbeitgeberverband ist inzwischen schon wieder anderer Meinung hört man.
Letztlich würde aber die Lösung des Bundesrates am ehesten eine Mehrheit beim Stimmvolk finden. Genau um das geht es, eine BVG Reform, die angenommen wird. Die bisherigen Versuche im 2010 und 2017 sind alle gescheitert.

Liegt ihr Ja zur «Bundesratslösung» an der Nähe zum ehemaligen Departement und zu den Gewerkschaften?
Nein, mir geht es darum, nun endlich eine Reform durchzubringen. Wenn wir den Mindestumwandlungssatz jetzt richtigerweise senken, muss das vermittelbar sein. Ausserdem ist die berufliche Vorsorge eine Angelegenheit der Sozialpartner also der Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden. Bringen die gemeinsam eine Lösung zustande, ist das doch eine sehr gute Ausgangslage.

Die Reform der beruflichen Vorsorge (BVG) wird ja auch noch von der AHV-Abstimmung im September überlagert, die das Rentenalter für Frauen erhöhen könnte.
Ja, die AHV-Abstimmung wird sicher ein wichtiger Hinweis sein, inwiefern sich das Stimmvolk auf Reformen in der Altersvorsorge einlassen.

Hier wird vor allem von linker Seite beides, AHV- und BVG-Revision, miteinander vermischt. Als ehemalige Gewerkschafterin: Macht diese Vermischung Sinn oder ist das Polemik?
Im Rentenalter fliesst die AHV-Rente und jene der Pensionskasse in ein Portemonnaie. Folglich macht es Sinn, beide Rentensysteme im Visier zu haben. Denn schliesslich sollten die erste und zweite Säule gemeinsam die bisherige Lebensführung in angemessener Weise im Alter finanzieren.

Da hört man schon noch die Politikerin in Ihnen? Den eigentlich haben die beiden Systeme nichts miteinander zu tun.
Das hat nichts mit Politik zu tun. Das ist unser verfassungsrechtlicher Leistungsauftrag in der Altersvorsorge. Daran hält sich auch Publica. Die berufliche Vorsorge ist eine Sozialversicherung mit einem Leistungsauftrag. Reformen der beruflichen Vorsorge, die an der Urne scheitern, schwächen die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die Pensionskassen. Dies gilt es zu vermeiden. Auch mit Blick auf die jüngeren Generationen.

Bei der gegenwärtigen Umverteilung von Jung zu Alt ist es kein Wunder, wenn die Jungen die Faust im Sack machen. Einige Fragen sich, zu recht oder nicht, ob es dann bei Ihrer Pensionierung wirklich noch genügend Sparguthaben hat.
Einen Generationenkonflikt herbeizureden bringt nichts. Denn keine Generation lebt nur auf Kosten einer anderen. Die Jungen profitieren auch davon, dass die ältere Generation mittels Steuergelder viel Geld im Bildungsbereich oder in der Infrastruktur investiert. Aber trotzdem: Der Reformbedarf ist in der obligatorischen beruflichen Vorsorge gegeben.

Wie sehen die konkreten Auswirkungen aus bei einer BVG-Revision – etwa bei der Pensionskasse? Sie werden ja die Leistungen an die bestehenden Rentner nicht senken können.
Laufende Renten können nicht gesenkt werden, was gut ist. Die BVG-Revison würde sich bei Publica nur punktuell auswirken. Wir führen eine umhüllende Kasse, die uns viele flexible Möglichkeiten bietet.

Als Direktorin haben Sie auch die Aufgabe, Publica zu reformieren. Sie betreuen als Vorsorgewerke mit unterschiedlichen Beständen – sieben sind geschlossen,
elf sind offen. Wie sieht die neue Strategie aus?
Aktuell befinden wir uns im Strategieprozess. Diese Arbeit findet in Zusammenarbeit mit dem obersten Organ statt, der Kassenkommission, die paritätisch zusammengesetzt ist. Uns geht es darum, die Herausforderungen, die sich abzeichnen, anzugehen.

Das heisst?
Wir müssen dem demografischen Wandel Rechnung tragen, aber auch der neuen Situation auf den Arbeitsmarkt. Hier ist vieles im Umbruch. Die Zeiten, in denen die Menschen bei einem Arbeitgeber angefangen haben und auch pensioniert wurden, sind auch beim Bund vorbei. Ausserdem müssen wir den Wert einer guten Vorsorgelösung stärker betonen, etwa als Bestandteil in Anstellungsgesprächen.

Wie packen Sie dies an? Die Generation, die heute 20-30 Jahre alt ist, kümmert sich kaum darum, was die Pensionskasse leisten wird in 35 Jahren.
Ja, ich stelle auch fest, dass viele ihren Kassenzettel beim Grossverteiler länger studieren als ihren Pensionskassenausweis. Dabei ist die Wichtigkeit des Pensionskassenausweises ungleich höher. Ein bedeutender Teil des Lohns wird hier zwangsweise abgeführt. Für die meisten Menschen in der Schweiz ist das Pensionskassenguthaben ihr grösstes Sparguthaben. Ich weiss, dass das Thema sperrig ist und man sich damit nicht so gerne befasst. Das heisst für uns, dass wir unsere Leistungen klarer und glaubwürdiger darlegen müssen.

Sie betreuen sehr unterschiedliche Arbeitgeber, vom Bund und ETH bis hin zu Swissmedic. Hier sind unterschiedliche Bestände ein wiederkehrendes Thema. Die Leistungen der Pensionskasse selbst sind die gleichen. Macht das noch Sinn?
Regulatorisch sind wir heute so aufgestellt, dass wir nur zwei Anlagestrategien für die Vorsorgewerke haben: Eine sehr defensive bei den geschlossenen Rentnerkassen und eine Strategie mit leicht höherem Risiko bei den offenen Vorsorgewerken. Wir haben jedoch unter den Vorsorgewerken unterschiedliche Bestände und entsprechend andere Risikostrukturen. Die Institutionen, die mehr jüngere versicherte Personen ausweisen, wünschen sich eine risikoreichere Anlagestrategie.

Was heisst das für Sie?
Diese Anliegen nehmen wir ernst. Wir haben deshalb beim Eidg. Finanzdepartement eine Anpassung unserer gesetzlichen Grundlagen angeregt. Diese sollte uns den Ausbau der Anlagestrategien ermöglichen. Aktuell laufen dazu die Abklärungen im Departement.

Bleiben wir bei der Anlagestrategie. Wo sind sie heute, und wo wird es Anpassungen geben?
Wir sehen ja heute schon, dass das Thema «mündelsichere» Anlagen, also der Bereich Fixed Income, nicht mehr die Erträge abwirft wie in der Vergangenheit. Wir werden daher Möglichkeiten prüfen, unsere Anlagestrategien flexibler und risikoreicher zu gestalten. Aber auch hier handeln wir immer nach unserem obersten Ziel, die finanzielle Stabilität von Publica zu wahren und so die Renten zu sichern.

Wo stehen sie denn dort im Bereich ESG oder ist alles schon umgewandelt oder die ganze Anlagestrategie nach ESG-Kriterien?
Unsere beiden Anlagestrategien geben den Kurs punkto Diversifizierung unseres Portfolios vor. Mit der Umsetzung von nachhaltigen Investitionen im Sinne der ESG-Kriterien hat Publica bereits vor Jahren begonnen. Das Konzept «verantwortungsbewusst investieren» ist die Basis unserer Anlagetätigkeit. Den SVVK (Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen) hat Publica mit anderen grossen Pensionskassen mitgegründet und ist eine gute Partnerin, wenn es darum geht, mit Unternehmen, die die ESG-Kriterien verletzen, in den Dialog zu treten.

  • Publica, die von Doris Bianchi geleitete Pensionskasse des Bundes, ist als Sammeleinrichtung organisiert und vereint derzeit 18 Vorsorgewerke.
  • Publica betreut rund 65’000 versicherte Personen und 42’000 Rentnerinnen und Rentner der Bundesverwaltung und verschiedener dezentralisierter Verwaltungseinheiten, darunter der ETH-Bereich, sowie rund 70 weitere Organisationen, die dem Bund nahe stehen.
  • Mit einer Bilanzsumme von 44 Milliarden Schweizer Franken per 31. Dezember 2021 gehört Publica zu den grössten Pensionskassen in der Schweiz.

Doris Bianchi ist seit Oktober 2020 Direktorin der Pensionskasse des Bundes, Publica. Zuvor war sie drei Jahre lang die persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Alain Berset. Zu Beginn ihrer Karriere war sie bei der Schweizerischen Universitätskonferenz tätig, danach wechselte sie als leitende Sekretärin zum Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Sie war auch Präsidentin des Stiftungsrats der Auffangeinrichtung BVG und des Sicherheitsfonds. Doris Bianchi ist ausgebildete Juristin und hat an der Universität Zürich zur Doktorin der Rechtswissenschaften promoviert.

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