„Neben der Performance bieten Themenfonds auch Sinn“

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Interview mit Alexander Roose, Decalia

Von Hans Linge – Fotos : Karine Bauzin

Themenfonds werden immer beliebter, und das nicht nur wegen ihrer generell guten Performance. Es gibt immer mehr vielversprechende Themen: Kreislaufwirtschaft, Automatisierung, Alterung der Bevölkerung bis hin zur Cybersicherheit – dem derzeitigen Hot Topic. Was den Trend noch verstärkt, ist die zunehmende Bedeutung von ESG-Anlagen. Alexander Roose geht dem Phänomen auf den Grund.

Das AUM der Themenfonds betrug Ende 2020 bereits 600 Milliarden. Wie erklären Sie sich den Erfolg dieser Fonds in den letzten Jahren?
Alexander Roose: Der Höhenflug der Themenfonds hängt eindeutig mit der Performance zusammen, die sie in den letzten Jahren erzielt haben. Das hat die Anleger zwangsläufig angezogen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt musste man sich auch zwischen aktivem und passivem Management entscheiden. Wie sich herausstellte, lieferten ETFs meist jedoch nicht die erwarteten Ergebnisse und die Anleger wandten sich wieder anderen Renditequellen zu.
Meiner Ansicht nach sind Themenfonds aktuell auch deshalb so beliebt, weil sie den tiefgreifenden Veränderungen in unserer Gesellschaft gerecht werden – vor allem bei Konsum und Nachhaltigkeit. Themenfonds haben ganz klar einen nachhaltigen, langfristig orientierten Charakter, da sie sich auf ausgedehnte strukturelle Trends positionieren. Neben der Performance bieten sie auch Sinn.

Inwiefern beeinflussen Themen-fonds die Entwicklung der Asset-Management-Branche?
Themenfonds sind eigentlich nichts Neues. Die ersten kamen vor etwa zwanzig Jahren auf. Ich habe selbst in den 2000er Jahren bereits einen Ernährungsfonds aufgelegt. Heute gibt es sie vermehrt, weil sie perfekt in die Zeit passen. Alle Asset Manager arbeiten an thematischen Lösungen. Man muss nur begreifen, dass die Beliebtheit von thematischen Invest Beliebtheit von thematischen Investments parallel zum Anstieg der ESG-Anlagen zu sehen ist. Beide lassen sich sehr gut miteinander koordinieren. Aus mehreren Gründen, vor allem aber weil beide sich auf sehr lange Zeiträume konzentrieren. Sie nutzen die wichtigsten Trends, die die Welt von morgen prägen. Ausserdem ist es einfacher, die Auswirkungen eines Themenfonds auf dieses oder jenes Ziel der nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen, als die eines allgemeinen Fonds, der an seinem Index klebt.

Nach welchen Kriterien bewerten Sie das Potenzial eines Themas?
An erster Stelle steht die Nachhaltigkeit. Ein Thema muss sowohl strukturell als auch auf Dauer tragfähig sein. Man muss langfristig investiert bleiben wollen. Dann muss man auch über ein ziemlich breit gestreutes Anlageuniversum verfügen können. 3D-Druck, Weltraumforschung oder Metaversum sind interessante Konzepte, aber sie sind von der Grösse her etwas begrenzt.

Was verstehen Sie unter einem breit gestreuten Anlageuniversum?
Mindestens 500 Einzeltitel. Die Menge spielt dabei keine Rolle, sondern die Diversifizierung, die bei Sektoren und Marktkapitalisierungen möglich ist.
Wir halten es auch für sehr wichtig, uns auf die „pure Players“ konzentrieren zu können. Bei der Titelauswahl zu den verschiedenen Themen sehen wir uns zuerst die Unternehmen an, deren Haupttätigkeit mit diesen Themen zu tun hat. Ich sehe keinen Sinn darin, Alphabet in einem Robotikfonds zu haben, obwohl der Konzern in diesem Bereich mehrere Eisen im Feuer hat. Im Vergleich zur Grösse der Gruppe ist das zu unbedeutend.
Und wenn man sehr langfristig denkt, möchte man zwangsläufig in die richtigen Umwelt- und Sozialthemen investiert sein, wo man einen Mehrwert für den Aktionär erzielen wird.

Wie unterscheiden Sie zwischen Modeerscheinungen und strukturellen Trends?
Wir verwenden dabei mehrere Ansätze. Zunächst betrachten wir die dynamischen Entwicklungen, die durch den Gene-
rationswechsel entstehen. Natürlich unterscheidet sich eine neue Verbrauchergeneration durch neue Konsumgewohnheiten, ganz besonders in der heutigen Zeit. Wir sehen uns auch die demografischen He-rausforderungen an, vor allem die weltweite Bevölkerungsalterung. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt der digitalen Entwicklung und der Durchdringung sehr vieler Sektoren mit dieser Technologie, die immer mehr an Einfluss gewinnt.
Und schliesslich wollen wir die besten Anlagechancen auf ökologischem und sozialem Gebiet identifizieren, denn in diesen beiden Bereichen müssen Unternehmen aller Sektoren heute unbedingt Lösungen finden – und sei es nur wegen des Klimawandels.

Sie haben bei Decalia kürzlich den Fonds SOCIETY aufgelegt. Er fokussiert sieben Themen – Security, O2 & Ecology, Cloud & Digitalization, Industrial 5.0, Energy Consumption, Tech Med, Young Generation. Was haben sie gemeinsam?
Mit diesen sieben recht breit gefassten Themen wollen wir in Unternehmen investieren, die das Aussehen der Gesellschaft von morgen bestimmen. Dabei sehe ich drei Schwerpunkte: Digitalisierung, ökologische und soziale Herausforderungen wie z.B. den Zugang zum Gesundheitssystem durch das sogenannte „value based Healthcare“. Aber das Grundgerüst des Fonds ist wirklich die Gestaltung der Welt von morgen und die Chancen, die sich daraus unweigerlich ergeben.

Nach welchen Kriterien identifizieren Sie die Unternehmen, die in den nächsten zehn Jahren sehr attraktiv sein werden?
Wir fangen nicht gleich mit dem Stock-Picking an. Ausgehend von unseren Hauptthemen analysieren wir zuerst die Wertschöpfungsketten der für uns wichtigen Unterthemen und versuchen, die Segmente herauszufiltern, die den grössten Mehrwert generieren dürften. Dann versuchen wir, die Wettbewerbsvorteile, die Innovationsfähigkeit und das Defensivpotenzial genau zu bestimmen.
Ich möchte das am Beispiel von Elektroautos verdeutlichen. Die grossen Autobauer investieren sehr viel Geld, um gegenüber Tesla aufzuholen. Wir halten es für wenig sinnvoll in dieser Branche auf die Hersteller zu setzen, denn die künftigen Gewinner sind schwer vorherzusagen. Uns sind die Zulieferer lieber, die bei Elektroautos ein äusserst spezifisches Know-how besitzen. Vom defensiven Standpunkt aus ist das relevanter.

Zum Beispiel?
Wir investieren schon länger in Hersteller von Leistungschips. Sie machen zwar nur einen winzigen Teil der Endkosten aus, sind jedoch aus Gründen der Sicherheit und Energieeffizienz von entscheidender Bedeutung. Ausserdem werden beim Umstieg von einem Verbrennungs- auf ein Elektroauto vier- bis fünfmal so viele dieser Chips benötigt. BMW wird seinem Zulieferer Infineo gegenüber nicht kleinlich sein, wenn es um das Budget für diese Teile geht. BMW wird sich nicht auf irgendeinen Zulieferer einlassen wollen. Bei den Chips in unserem Beispiel wollen wir die klügsten Herangehensweisen finden, um diesen Trend zu nutzen. Um bei den Elektroautos zu bleiben: In Batterien haben wir nicht investiert, denn es handelt sich um einen sehr wettbewerbsintensiven Sektor mit wenig Differenzierungsfaktoren. Zudem machen Rohstoffe zwei Drittel der Kosten aus!

Wie gehen Sie mit den aktuell sehr hohen Multiplikatoren auf dem US-Markt um?
Wir berücksichtigen das Kurs-Gewinn-Verhältnis nicht. Decalia meidet Unternehmen mit zu hohen Multiplikatoren und solche, die nicht profitabel sind oder in absehbarer Zeit sein werden. Alle unsere Fonds sind so ausgerichtet. Wir konzentrieren uns vor allem auf Unternehmen, die zu erheblichen Steigerungen des Free Cashflow in der Lage sind. Im derzeitigen Umfeld mit einer recht aggressiven Fed neigen die Fondsmanager dazu, bevorzugt in Unternehmen mit sehr kurzer Duration zu investieren, nicht nur weil die Zinsen steigen, sondern auch weil das nominale Wachstum in den nächsten Monaten etwas höher ausfallen wird. Meines Erachtens handelt es sich dabei um eine vorübergehende Situation.

Welches von den Unternehmen, die in den SOCIETY-Fonds aufgenommen wurden, würden Sie gerne als CEO leiten?
Idealerweise würde ich gern ein Unternehmen leiten, das meine Werte teilt und auf die Trends setzt, von denen ich überzeugt bin. Dabei denke ich zum Beispiel an DSM, ein niederländisches Unternehmen, das bereits sehr gut geführt wird und keinen Wechsel an der Spitze braucht. DSM ist ein ehemaliger Bergbaubetrieb, der sich völlig neu erfunden hat: Das Unternehmen ist nun auf Nahrungsmittel – für Mensch und Tier – spezialisiert und hat eine sehr gute Innovationspipeline. Das Know-how im Bereich Fermentierung ist enorm. Die Leute arbeiten an Naturprodukten, die in der Tierzucht Antibiotika ersetzen können. Die menschliche Antibiotika-Resistenz nimmt nämlich zu, weil dem Tierfutter zu viele Antibiotika zugesetzt werden. Die Firma DSM ist ein Visionär auf diesem Gebiet. Sie begleitet Landwirte und Viehzüchter beim Übergang zu natürlichen Lösungen. Das ist ein Unternehmen nach meinem Geschmack, denn Umwelt und biologische Vielfalt waren mir schon immer sehr wichtig.

Alexander Roose ist seit September letzten Jahres Leiter des Bereichs Aktienfonds bei Decalia. Zuvor war er bei Degroof Petercam Asset Management als CIO für fundamentale Aktien und als Leiter für nachhaltige Aktien tätig. Unter seiner Führung stieg das Aktienvermögen bei DPAM von 3 auf 10 Milliarden Euro und 75% der Fonds wurden von Morningstar mit 5 oder 4 Sternen bewertet. Alexander begann seine Karriere 2001 als Analyst bei Strategus und arbeitete anschliessend für Joalco im Bereich Long/Short-Strategien. Er ist Inhaber eines Masters in angewandter Ökonomie der EHSAL Management School, Belgien.

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