„Die Krise hat gezeigt, dass es Fälle von übermässiger Risikobereitschaft gibt“

6
0
Share:

Interview mit Nicholas Hochstadter, Performance Watcher
Von Hans Linge

Die Portfoliobewertungs- und -vergleichsplattform Performance Watcher verfolgt und bewertet täglich und in anonymisierter Weise mehrere Tausend Konten unter Bezugnahme auf die risikobereinigte Rendite. Das so beobachtete verwaltete Vermögen beläuft sich auf über 40 Milliarden Franken. Die auf diesen Daten basierenden Performance-Watcher-Indizes geben die Qualität der von den schweizerischen Vermögensverwaltern erreichten Performances präzise wieder. Auf Grundlage dieser Indizes ergibt sich ein genaues Bild der Performances im ersten Halbjahr 2020.

Wie fällt Ihre Analyse der von den Ver-mögensverwaltern im ersten Halbjahr 2020 erzielten Performances aus?
Nicholas Hochstadter: Zunächst einmal möchte ich daran erinnern, dass sie im Vorjahr, also 2019, hervorragende Ergebnisse erzielt haben. 8 Prozent in der Kategorie „geringes Risiko“ und 15 Prozent in der Kategorie „hohes Risiko“. Ich glaube aber, dass sich hinter diesen guten Ergebnissen eine teilweise etwas übertriebene Risikoneigung verbirgt. Dafür hat dieses Jahr, das vom Coronavirus und den Folgen für die Märkte geprägt ist, einen Beleg geliefert. 2019 war die Lage noch sehr ruhig, niemand sah einen Sturm aufziehen. Dies sollte man sich vor Augen führen, wenn man sich mit den Performances des ersten Halbjahrs 2020 beschäftigt. Ein sehr interessanter Aspekt ist beispielsweise, dass Low-Risk-Portfolios die Volatilität lange nicht so gut verarbeitet haben wie High-Risk-Portfolios. Im Vergleich zu dem Market-Neutral-Index, den wir verwendet haben, weisen diese Portfolios nicht nur eine leichte Underperformance, sondern vor allem eine höhere Volatilität auf. 12 Prozent für die Portfolios gegenüber 8 Prozent für den Index. Die High-Risk-Portfolios liegen jedoch sowohl in Bezug auf die Performance als auch die Volatilität praktisch gleichauf mit dem Index.

Wie erklären Sie sich diese überdurchschnittliche Volatilität der Low-Risk-Portfolios?
Ich glaube, dass ihre Manager Schwierigkeiten hatten, sich in Bezug auf das Risiko zu positionieren, und unter der Marktkorrektur gelitten haben. In einem schwierigen, von niedrigen Zinsen und schwacher Inflation geprägten Umfeld haben sie sich leider dazu verleiten lassen, die Renditen, die traditionelle Anleiheprodukte nicht mehr hergaben, in risikoreicheren Anlageklassen zu suchen. In gewisser Weise handelte es sich um eine Flucht nach vorne. Und dieser Flucht wurde von der Coronavirus-Krise, einem perfekten schwarzen Schwan, schliesslich ein Ende gesetzt. Dieses Ereignis hat einfach nur klar gemacht, wie die Lage ist. Es hat die Risiken aufgedeckt, die die Vermögensverwalter in den Anleihen-segmenten der Portfolios eingegangen sind. Im Gegensatz dazu haben sich so genannte High-Risik-Portfolios, die vor allem in Aktien angelegt sind, viel besser aus der Affäre gezogen, nicht zuletzt dank der schnell einsetzenden Markterholung.

Welche Lehren sollte man aus Ihrer Sicht daraus ziehen?
Es ist offensichtlich, dass der Frage des Risikobudgets im derzeitigen Umfeld mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Dieses Risikobudget muss sowohl für die Vermögensverwalter als auch ihre Kunden wieder zu einer wesentlichen Richtschnur bei der Erarbeitung von Strategien zur Portfolioallokation und -konstruktion werden. Es ist natürlich möglich, grössere Risiken einzugehen, um positive Renditen auf Anleihen in Franken oder Euro zu erzielen, aber dann müssen auch Risikominderungsstrategien eingerichtet werden. Heutzutage ist es notwendiger denn je, die Komplexität jeder Anlage zu beherrschen und bei der Anlageverwaltung wieder mehr Urteilsvermögen und Disziplin an den Tag zu legen.

Share: