Orange, die vierte Dimension in der önologischen Farbenlehre

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In jeder Ausgabe werden Ihnen von den beiden Weinkennern Catherine Cornu und Stéphane Meier die Schätze des Schweizer Weinbaugebiets vorgestellt. Dieses Mal beschäftigen sie sich mit dem Pinot Noir von Nadine Besson-Strasser und Cedric Besson.

Ist der Orange Wine nur eine Modeerscheinung? So könnte man meinen – abgesehen davon, dass diese rot ausgebauten Weissweine bereits vor 8.000 Jahren in Georgien produziert wurden.

Sie sind ätherisch, blumig, fruchtig, mit rauchigen Anklängen, die an Bienenwachs oder Röstaromen erinnern: Sie betören zuerst die Nase, dann erst die Geschmacksnerven. Sie sind tanninreich und bekömmlich, aber erschliessen sich nicht auf den ersten Schluck. Man ist zuerst fassungs- und dann orientierungslos, und – wie so oft, wenn man auf Unbekanntes trifft: Man neigt dazu, es abzulehnen.

Aber damit täte man diesem Wein Unrecht, denn wer sich, von Neugier geleitet, unvoreingenommen auf ihn einlässt, wird verzaubert.
Bernard Bosseau hat die Cave de Sézenove mit dem Jahrgang 2018 vom allseits geschätzten Jacques Bocquet übernommen, der das Weingut bis zu seinem Tod zusammen mit Claude Bocquet-Thonney geleitet hatte. Als erstes hat er einen Teil der Chardonnay- und Pinot Gris-Ernte des Jahres 2018 für diese originelle Cuvée reserviert. Er war einer der ersten in der französischen Schweiz und der erste in Genf, der diese Art von Wein produzierte. Auf eine 8-wöchige Maischegärung mit Schale folgen die beiden Fermentierungen ohne Zuckerzuführung. Der Wein wies schon bei der Pressung eine orange Farbe auf, nicht zuletzt dank des 40prozentigen Anteils von Pinot Gris, dessen Beere violett ist. Anschliessend wurde der Wein 8 Monate auf der Hefe sowie 7 Monate im Holzfass ausgebaut, bevor er im April 2020 gefiltert und in Flaschen abgefüllt wurde. Der Jahrgang ergab 700 Flaschen.

Im Kaukasus und in Nordostitalien, in Julisch Venetien, wo sie Ramato („kupfrig“) oder Macerato („gebeizt“) heissen, werden die Orange Wines häufig in Ton-Amphoren, sogenannten Kvevris, ausgebaut. Ihr Fassungsvermögen reicht von 2.000 bis 6.000 oder 8.000 Liter. Vor dem Befüllen werden sie bis zum Hals im Boden vergraben, da sie sonst auseinanderbrechen würden.

Anmerkungen zur Verkostung
Farbe orange, durchsetzt von bernsteingelb und kupfer. Blumig-kraftvolles Bukett mit Trockenfrüchten: Rosinen, Aprikosen, Papaya und Mango sowie Bitterorangenmarmelade, süsse Gewürze, Zimt, Muskat, Balsam und Kiefer. Tanninbetonter Auftakt mit Trockenfrüchten und Aprikosenschale. Die Maischegärung verleiht ihm Körper. Der Wein ist lang mit eleganter Säure sowie einer frischen Eukalyptus-Note, er macht Lust auf ein zweites Glas. Die ideale Trinktemperatur beträgt 14 Grad Celsius. Er ist die perfekte Begleitung für Geflügel mit Pilzen, einen Ziegenkäse mit Ascherinde oder einen Parmesan- oder Schafskäse wie Manchego oder Ossau Iraty. ⊕

 

Catherine Cornu und Stéphane Meier sind zwei grosse Liebhaber des Weins, dem sie ihre Freizeit widmen. Sie nehmen an zahlreichen Verkostungen teil und haben mit der Schweizer Mannschaft bei der von der Revue des Vins de France veranstalteten Weltmeisterschaft für Weinverkostung 2018 den 6. Platz belegt. 2011 gründeten sie «VINvitation», um ihre Weinleidenschaft mit anderen zu teilen. Über VINvitation organisieren sie Events à la carte für Privatpersonen und Unternehmen mit Themenabenden, die nach dem Prinzip «Aufeinander abgestimmte Weine und Speisen» gestaltet werden. Mehr informationen:  www.vinvitation.ch

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