Pasha Bakhtiar, Reyl-Gruppe: „Alpian braucht seinen eigenen Freiraum ausserhalb der Reyl-Gruppe“

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Von Jérôme Sicard – Fotos Karine Bauzin

Das Projekt stand einige Zeit im Raum. Mehrere Akteure standen in den Startlöchern, aber schliesslich handelte die Reyl-Gruppe als erste, indem sie Alpian lancierte, eine auf Private Banking und den Schweizer Markt ausgerichtete Digitalbank. Die Bank soll nächstes Jahr in den Markt einsteigen. In der ersten Zeit soll Alpian unter der Leitung von Reyl & Cie stehen, später aber aus der Gruppe ausgegliedert werden. Pasha Bakhtiar, Gesellschafter der Bank, erläutert das Vorhaben.

Welche Projektstationen waren in den ersten 18 Monaten am wichtigsten?
Pasha Bakhtiar: Das Projekt bestand aus zwei grossen Phasen. Es begann mit der Definition und Planung des Projekts. Dann folgte die Validierungsphase. Ausgangspunkt war ein intensiver Informationsaustausch mit allen Partnern der Bank zur Festlegung unserer digitalen Strategie und des entsprechenden Angebots. Alles war möglich, von der Einführung eines E-Banking-Angebots bis hin zur Neugründung einer Digitalbank. Letztendlich haben wir letztere Option gewählt.
Wir haben sehr schnell gemerkt, dass das Projekt einen eigenständigen Weg ausserhalb der Bank einschlagen kann und soll, solange wir die Kontrolle hinsichtlich Governance und Aktionärsstruktur behalten. Dies war die Geburtsstunde von Alpian – ein Projekt eines kleinen hochmotivierten Teams, das grünes Licht erhielt, um „out-of-the-box“-Ideen in Bezug auf neue, digitale Produkt- und Serviceangebote für Private Banking-Kunden zu entwickeln.
Auf diese erste Phase folgte die Validierungsetappe. Wir kamen zum Schluss, dass sich die Relevanz und Stichhaltigkeit dieses Projekts am besten im Rahmen einer Serie-A-Finanzierungsrunde mit externen Investoren testen lässt. Diese Finanzierungsrunde konnten wir sehr zügig abschliessen, was die Tragfähigkeit unseres Konzepts bestätigte.

Wie lange haben Sie dafür gebraucht?
Sechs bis sieben Wochen. Das ist extrem wenig. Ende letzten Jahres haben wir das Projekt in Angriff genommen und es im Februar unter Dach und Fach gebracht.

Wie erklären Sie sich das?
Die Teilnehmer der ersten Finanzierungsrunde haben nicht nur das Konzept für gut befunden, sondern auch unsere konsequente und zügige Umsetzung. Ich glaube, es hat sie beruhigt, dass eine Bank dahinter steht. Tatsächlich wird Alpian eine von der Finma beaufsichtigte Bank mit regulierten Transaktionen und komplexen Verfahren sein. Deshalb sind einem vollständig disruptiven Ansatz Grenzen gesetzt.

Sie haben im Rahmen dieser Serie-A-Finanzierungsrunde 12 Millionen Franken eingesammelt. Welcher Beteiligung am Kapital entspricht dies?
Die Beteiligung der rund ein Dutzend Investoren der Serie-A-Runde in Höhe von 12 Millionen Franken entspricht 23% des Kapitals. Die Partner von Reyl & Cie halten 15%. Den Rest hält die Bank, die die Anfangsfinanzierung gestellt hatte.

Wie viele Finanzierungsrunden planen Sie in Zukunft?
Wir rechnen noch mit einer oder zwei Runden im Verlauf eines Jahres, sobald wir die Banklizenz von der Finma erhalten haben. Insgesamt wollen wir noch 20 bis 30 Millionen Franken einwerben. Dann wird Alpian wohl den klassischen Weg eines Private Equity-finanzierten Unternehmens nehmen – entweder durch den Kapitaleintritt eines institutionellen Grossinvestors oder einen Börsengang.

In welcher Rolle sieht sich die Bank Reyl, wenn Alpian an den Start geht?
Alpian wird nicht unbedingt im Konsolidierungskreis der Reyl-Gruppe bleiben. Wir könnten in Zukunft jedoch eine beträchtliche Minderheitsbeteiligung behalten, mit einem Sitz im Verwaltungsrat, und Alpian bei der Unternehmensführung und Generierung von Synergien zwischen den beiden Einheiten unterstützen. Wenn das gelingt, haben wir ein solides Unternehmen gegründet, das seinen Erfolg sichern kann, ohne dass wir als Aktionär eine Kontrollfunktion ausüben.

Inwiefern haben Ihnen die Erfahrungen mit der US-Neobank Aspiration, deren Minderheitsaktionär die Bank Reyl ist, bei diesem Projekt geholfen?
Für die Umsetzung des Projekts brachte unsere Beteiligung an Aspiration an sich keine Vorteile. Aber wir haben gesehen, dass ein relativ junges und in Finanzangelegenheiten unerfahrenes, in Sachen Digitalisierung dagegen hochqualifiziertes Team mit Startup-Mentalität eine völlig neue Bank gründen und mehrere Hunderttausend Kunden von diesem Projekt überzeugen kann! Diese Erfolgsphilosophie hat uns stärker inspiriert als alle technologischen Weichenstellungen oder das Format der Produkt- und Dienstleistungsangebote.

Wie würden Sie das Angebot zum Start von Alpian in groben Zügen beschreiben?
Das Angebot von Alpian beruht auf drei Säulen: Erstens – das Execution Only-Prinzip. Unsere Kunden müssen ihre klassischen Bankgeschäfte selbst ausführen können. Zweitens – diskretionäre Verwaltungsmandate. Und drittens wollen wir eine Investment-Boutique mit innovativen Lösungen und Produkten aufbauen, zu denen vermögende Kunden – unser Zielsegment – in der Regel keinen Zugang haben.

Zum Beispiel?
Wir arbeiten mit einer offenen Architektur, um unterschiedliche Lösungen für Impact Investing, Private Equity oder auch Immobilien anzubieten. Auf diese Weise können wir unseren Kunden eine grosse Produktvielfalt zur Verfügung stellen. Entscheidend ist jedoch, dass wir das Angebot – entsprechend den Anforderungen unserer Kunden oder wenn ihrerseits Interesse besteht – auf der Alpian-Plattform anpassen können. Zudem können wir unseren Kunden anhand der von uns entwickelten KI-Programme Vorschläge für Allokationen oder Investments unterbreiten, die ihrem Risikoprofil entsprechen.

Sie erwähnten aussergewöhnliche Anforderungen an die Servicequalität für sämtliche Interaktionen mit Kunden. Um welche Anforderungen geht es?
Derzeit existieren rund zehn Neobanken in Europa, die vor allem das Retail-Segment bedienen. Will man eine Digitalbank etablieren, deren Kerngeschäft das Private Banking ist, muss man einen wirklich aussergewöhnlichen Service bieten. Dieser Service umfasst zwei Dimensionen. Die erste ist der zwischenmenschliche Kontakt. Wir möchten, dass die Kunden von Alpian jederzeit alle Belange ihres Portfolios per verschlüsselter Video-App mit einem Kundenberater besprechen können, wenn sie dies wünschen.
Die zweite Dimension betrifft die Technologie, denn Alpian ist eine fantastische Kombination aus Mensch und Maschine. Unser Ziel war der optimale Einsatz von Künstlicher Intelligenz und ein Angebot, das sich grundlegend von einem einfachen Robo-Advisor unterscheidet. Wir wollen alle denkbaren KI-Ressourcen ausschöpfen, um uns ein lückenloses Bild von unseren Kunden zu machen. Daraus wollen wir ein extrem personalisiertes Angebot entwickeln, das für vermögende Kunden in dieser Form noch neu sein dürfte. Das ist es, was ich unter herausragender Servicequalität verstehe.

Was müssen Sie bis zum Start im kommenden Jahr noch erreichen?
Wir müssen vor allem noch technische Herausforderungen bewältigen. Vom Wealth Management und Private Banking bis hin zum Asset Management decken wir mehrere Wertschöpfungsketten ab, die auf verschiedenen Ebenen natürlich ineinandergreifen. Dies bedeutet eine enorme Integrationsarbeit. Glücklicherweise verfügen wir über sehr erfahrene Teams, die diese Komplexitätsniveaus stemmen können und in der Lage sind, diese Integration von A bis Z problemlos zu sichern.

Von welchen Schlüsselfaktoren hängt der Erfolg von Alpian ab?
Zunächst müssen wir eine reibungslose technologische Integration erzielen. Hier sehe ich allerdings keinerlei Probleme. Wir sind auf dem richtigen Weg. Dann müssen wir natürlich die Banklizenz von der Finma, der Finanzmarktaufsichtsbehörde in der Schweiz, erhalten. Wir haben unseren Antrag bereits eingereicht, der meiner Ansicht nach sehr solide ist.
Grundsätzlich – und dies bei weitem das Wichtigste – müssen wir unsere künftigen Kunden davon zu überzeugen, dass wir ihnen die richtigen Lösungen bieten. Dafür brauchen wir Zeit. Sie müssen unser Angebot verstehen, testen, Feedback in den Sozialen Medien und Referenzen finden, bevor sie sich entscheiden. Doch wenn die erste Erfahrung positiv verläuft, wird die Mundpropaganda erfolgreich sein. Die digitalen Kanäle und Netze sind stark auf dem Vormarsch, was Alpian ein schnelles und exponentielles Wachstum verspricht. Denn sicherlich wollen Kunden für ihre Vermögensverwaltung neue Angebote nutzen.

Ihrer Marktanalyse zufolge verfügen 2,6 Millionen Personen in der Schweiz über ein Vermögen zwischen 100.000 und einer Million Franken. Das ist Ihr Zielsegment. Wie wollen Sie diese Kunden gewinnen?
Mit 80›000 bis 100›000 Kunden ist unser Projekt rentabel. Das ist im Vergleich zu Digitalbanken im Retail-Segment sehr wenig. Aber wir visieren ein rentableres Segment an. Natürlich sind die Kunden dieses Segments auch schwieriger zu gewinnen und zu überzeugen. Aber ich glaube fest, dass das Leistungsversprechen von Alpian für sie attraktiv ist. Wir haben sehr gute Argumente, die für uns sprechen.

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