„Es gibt viele Aspekte, die wir heute mit den Thesen von Hayek analysieren sollten“

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Interview mit Peter Boettke, George Mason University
Von Jérôme Sicard

Im Jahr 1947, also vor fast 75 Jahren, gründete Friedrich August von Hayek die Mont Pèlerin Society. Anlass war eine Konferenz von rund dreissig renommierten Wirtschaftswissenschaftlern am Mont Pèlerin nahe Vevey. Peter Boettke leitete diese Gesellschaft von 2016 bis 2018. Als Referenzexperte für die Österreichische Schule und für Hayek, dem er ein Buch gewidmet hat, zeichnet er für uns ein Kurzporträt dieses massgeblichen Wirtschaftswissenschaftlers und Meisterdenkers des Wirtschaftsliberalismus.

Worin bestand das ursprüngliche Ziel der Mont Pèlerin Society?
Peter Boettke: Sie verfolgte das Ziel, ein internationales Diskussionsforum für die Verfechter des Sozialismus und die Verteidiger des Kapitalismus zu organisieren. Mit der Gründung der Mont Pèlerin Society im Jahr 1947 wollte Hayek ursprünglich Gegner des Sozialismus aus der Intelligenzija, der Politik und dem privaten Sektor zusammenbringen, um ein Bollwerk gegen den Vormarsch des Sozialismus in den westlichen Demokratien zu errichten. Seine Kritik richtete sich dabei sowohl gegen den aus dem Marxismus hervorgegangenen Sozialismus in „heisser“ planwirtschaftlicher Vollendung als auch gegen den „kalten“ Sozialismus der sozialdemokratischen Länder, die sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für den Wohlfahrtsstaat entschieden hatten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Vision von Hayek eine Geschichte der durch die Mikroökonomie fundierte Makroökonomie sei. Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung?
Hayek war grundsätzlich ein technischer Ökonom, dem die langfristige Wirtschaftsordnung am Herzen lag, sowie ein politischer Ökonom, der den institutionellen Rahmen der Wirtschaftstätigkeit im Auge hatte. Hayek war ein bahnbrechender und brillanter Wirtschaftswissenschaftler, dessen Erkenntnisse die wahre Bedeutung von Marktprozessen erklären, die der formalistische Ansatz nicht mit den gleichen Nuancen und der hohen Granularität entschlüsseln kann wie die informelle und naturalistische Theorie. Hayek verstand Wirtschaft als Wissenschaft, die sich mit Tendenzen und Entwicklungen beschäftigt und nicht mit absoluten mathematischen Formulierungen.

Welcher ist Ihrer Ansicht nach der wichtigste Beitrag von Hayek zur Wirtschaftswissenschaft?
Ich würde sagen, der prioritäre Stellenwert, den er der Identifikation, Verbreitung und Verwendung von Wissen in einem Wirtschaftssystem beigemessen hat. Sein Ansatz ermöglichte nicht nur präzisere Erkenntnisse aus der Markttheorie und zu den Eigenschaften des Preismechanismus, sondern leistete auch einen Beitrag zur allgemeinen Lehrmeinung über die langfristige Koordinierung von Wirtschaftsaktivitäten. Darüber hinaus hat er die institutionelle vergleichende Analyse der rechtlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen vorangetrieben, unter denen wirtschaftliches Handeln staffindet.

Welche grossen Probleme würde Hayek heute in Angriff nehmen, vielleicht Probleme infolge der „Komplexität unserer modernen Industriegesellschaft“?
‚Wissen‘ wäre meines Erachtens ein Punkt. Doch ich denke auch an andere praktische Beispiele wie etwa die Herausforderungen der Geldtheorie, der Geld- und Haushaltspolitik, der Wettbewerbsmechanismen sowie die institutionelle Analyse des Rechts, der Politik und gesellschaftlicher Problemstellungen oder auch Fragen des Rechtswesens. Es gibt viele Aspekte, die wir heute mit den Thesen von Hayek analysieren sollten.

Wären die Auswirkungen der Kreditexpansion auf die Kapitalstruktur einer Volkswirtschaft ein weiteres Metathema für ihn?
Dies ist in der Tat heute eine gewaltige Herausforderung, vor allem in praktischer Hinsicht, denn die seit 2009, insbesondere aber seit 2020 implementierte Politik ist beispiellos. Lassen Sie mich hierzu zwei Dinge klarstellen – erstens in bezug auf die zentrale Bedeutung von Geld und zweitens in bezug auf das Wesen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems. Erstens repräsentiert Geld in einer modernen Wirtschaft per definitionem die Hälfte aller Transaktionen. Wenn Sie also an der Stellschraube ‚Geldpolitik‘ drehen, beeinflussen Sie auch die Wechselkurse in der Wirtschaft. Und wie wir bereits anhand unseres Diskurses über Eigentum, Preise und Markterfolg gesehen haben, sind es ebendiese Wechselkurse, die Produktions- und Transaktionsentscheidungen bestimmen.
Dreht man also an einer Stellschraube, sind die Voraussetzungen für eine mangelnde Koordinierung gegeben, wodurch wiederum die Prämissen für die monetär induzierte Konjunkturtheorie entstehen. Zweitens umfasst ein kapitalistisches Wirtschaftssystem eine Vielzahl von Investitionsprojekten für unterschiedliche spezifische Einsatzmöglichkeiten, ausgehend von heterogenen Ausrüstungsgütern. So wird Leder beispielsweise für die Herstellung von Schuhen, Handtaschen oder Jacken verwendet, nicht aber für Brücken, Eisenbahnschienen oder Fahrzeugmotoren. Für die Wahl der verschiedenen Einsatzmöglichkeiten des Kapitals braucht man Orientierungshilfen wie Preise, wobei die Motivation immer der Gewinn ist, gemäss dem Zuckerbrot- und Peitschen- Prinzip, also von Gewinn und Verlust. Kommen geldpolitische Interventionen mit ins Spiel, wird klar, warum sich Phasen des Aufschwungs und der Rezession abwechseln.

Ich zitiere Sie: Institutionelle Probleme erfordern institutionelle Lösungen und die politische Ökonomie bietet institutionelle Lösungen. Auf welche Lösungen für welche Probleme spielen Sie an?
Nehmen wir als Beispiel die Covid-Pandemie. Diese Pandemie war ein massiver weltweiter exogener Schock, der sehr unterschiedliche Interventionen ausgelöst hat: zentralisierte oder dezentralisierte staatliche Vorgaben und Beschränkungen, Richtlinien der Regierungen und Empfehlungen der Gesundheitsbehörden, staatliche Vorschriften oder private Selbstregulierung. Unabhängig von der gewählten Option kann man bei Frustration oder Misserfolg einzig über eine Reorganisation der Institutionen das Problem beheben. Die Behebung institutioneller Probleme durch institutionelle Lösungen setzt voraus, dass politische Optionen realitätsorientiert entschieden werden – jegliche ideale Wirtschaftstheorie, derzufolge allwissende, allmächtige und altruistische politische Entscheidungsträger unsere Probleme schon lösen werden, gilt als praxisfern.

Wo steht mittlerweile der ewige Ideenstreit zwischen Keynes und Hayek?
Leben wir nicht in einer keynesianischen Welt, in der die Umsetzung der hayekschen Grundsätze nie gelungen ist?
Genau das ist mein Punkt: Seit dem Zweiten Weltkrieg oszillieren wir lediglich zwischen konservativem Keynesianismus, d.h. Steuersenkungen auf der Angebotsseite, und liberalem Keynesianismus, das heisst Deficit Spending (Defizit-Finanzierung). Im Sinne der Neo-Keynesianer wie zum Beispiel Samuelson oder Krugman kommen auch geldpolitische Instrumente zum Einsatz. Dieser Ansatz hat sich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa eindeutig durchgesetzt. Milton Friedman, der möglicherweise leidenschaftlichste Gegner des Keynesianismus, hat nichtsdestotrotz den keynesianischen Ansatz für eine effizientere immanente Kritik des Keynesianismus verwendet. Ausserhalb des keynesianischen Systems stellen Hayek mit seinem geldpolitischen Ansatz und Buchanan mit seinem haushaltspolitischen Ansatz meiner Ansicht nach die beste Alternative für die Reflexion über den Keynesianismus dar. Dieser Ansatz lehnt die Makroökonomie aus methodischen und analytischen Gründen ab und beschäftigt sich vielmehr auf mikroökonomischer Ebene mit der Preisbildung und der Produktion, mit Transaktionsbeziehungen und dem institutionellen Rahmen, in dem diese Transaktionen stattfinden. Interessierten Lesern würde ich das Buch von Hayek „Tiger by the Tail“ empfehlen, um die geldpolitischen Auswüchse der keynesianischen Politik besser zu verstehen, und „Democracy in Deficit“ von Buchanan und Wagner, das die haushaltspolitischen Auswüchse erläutert. Ausgehend von diesen Feststellungen können wir uns in eine vom keynesianischen Ansatz unabhängige Richtung hineindenken.

Was war der wichtigste Kritikpunkt von Hayek an den Theorien von Keynes?
Hayek war der Auffassung, die fundamentalen Schwachstellen der Wirtschaftstheorie von Keynes aufgedeckt zu haben, das heisst, Keynes‘ Unfähigkeit, die Rolle der Zinsen und der Kapitalstruktur in einer Marktwirtschaft zu verstehen.
Die Überbewertung der Aggregation ist das erste Problem, das übermässige Vertrauen in den Regierungsapparat bzw. die Staatsmaschinerie das zweite, während das dritte Problem die grundlegende Fehleinschätzung der Rolle ist, die Eigentum, Preise und Markterfolg bei der Koordinierung der Wirtschaftspolitik spielen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie angesichts ihres Hayekschen Hintergrunds aus der weltweiten Finanzkrise, der Art und Weise ihres Ausbruchs und ihrer Steuerung?
Die Volatilität der Wirtschaft, die 2007 eingesetzt hat, ist das indirekte Ergebnis eines „perfekten Sturms“ durch Fehler bei der Steuerung der makroökonomischen Politik, wobei diese Fehler schon mindestens zwei Jahrzehnte vor der Krise begangen wurden. In bezug auf die Finanzkrise von 2008 und im Gegensatz zur weit verbreiteten Deflationstheorie der Verschuldung in wirtschaftlichen Depressionsphasen ist es logischer, sich mit der Inflationstheorie der Verschuldung zu beschäftigen.
Dieser Ansatz sieht die Staatsverschuldung als Auslöser von geldpolitischen Massnahmen und Kreditinterventionen durch die Währungshüter. Die Staatsverschuldung bewirkt wirtschaftliche Verhaltensweisen, die zu einer fehlenden Koordinierung führen, wie dies in der Krise erkennbar war.
Aus Sicht zahlreicher Ökonomen wurde die Finanzkrise durch das „irrationale“ Verhalten verschiedener Wirtschaftsakteure wie der Kreditnehmer und der kreditgebenden Banken ausgelöst. Selbst wenn diese Theorie zutrifft, sollte man sich dennoch fragen, warum Menschen begonnen hatten, „irrational“ zu investieren. Dem Hayekschen Ansatz zufolge verhielten sie sich so, weil durch die Steuerung der Geld- und Kreditpolitik durch die US-amerikanische Notenbank – und durch andere haushaltspolitische Massnahmen – die Anreizmechnismen geändert wurden. Demnach wäre ein vermeintlich „irrationales“ Verhalten letztendlich nichts anderes als eine „rationale“ Reaktion auf die Anreize gewesen, die ihnen geboten wurden.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Hauptprobleme der weltweiten expansiven Geldpolitik der Zentralbanken?
Wie Roger Koppl dies vor Kurzem so treffend erklärt hat, bewirkt die Geldmengenausweitung die „Schuldenkrankheit“ und gleichzeitig auch die „Dollar-Krankheit“. Ursache der Schuldenkrankheit ist die Flutung des Finanzsystems mit „falschen Krediten“. Auslöser der Dollar-Krankheit ist die fehlende Hyperinflation, da sich das Geldmengenwachstum entgegen den Erwartungen verlangsamen und zu einer Liquiditätskrise führen dürfte.
Gerade weil die Steuerung der Geld- und Kreditpolitik ein Mechanismus mit Schwächen ist, kann sie Investitions- und Produktionsprozesse verzerren, diese Verzerrung gleichzeitig aber auch korrigieren, wenn die wirtschaftliche Realität gegenüber der ursprünglich entstandenen Illusion letztendlich Oberhand gewinnt. Aufschwungs- und Rezessionsphasen im Konjunkturzyklus sind deshalb von der Steuerung der Geld- und Kreditpolitik durch die Währungshüter bedingt, die eine Monopolstellung inne haben.

Wie würden Sie den Liberalismus heute definieren?
Der Liberalismus zeichnet sich durch Fortschrittlichkeit aus. Er entspricht einer Philosophie der Emanzipation und ist eine freudige Zelebrierung der kreativen Energie verschiedener Menschen in allen Teilen der Welt. Die liberale Wirtschaftsordnung funktioniert nach einem Regelwerk, das diese Kreativität kultiviert und positive Interaktionen mit anderen Personen aus unterschiedlichen sozialen Schichten fördert und gleichzeitig Barrieren wie Sprache, Herkunft, Religion und geografische Zone überwindet.

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