Risikokapital: jetzt auch eine Option für Pensionskassen

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Von Eugen Stamm, Verve Ventures

In der Schweiz haben sich die Pensionskassen bisher kaum für Risikokapital und Investitionen in nationale Startups interessiert. Trotz der Renditen, der wirtschaftlichen Stringenz und der Dynamik des Sektors. Die jüngsten Initiativen des Bundesrates könnten die Pensionskassen jedoch zum Umdenken bewegen und den Weg für neue Anlagelösungen aufzeigen.

Schweizer Startups erhalten für ihre Entwicklung zunehmend Kapital. Noch vor zehn Jahren beliefen sich die Investitionen in Startups auf unter 400 Millionen Schweizer Franken. Im letzten Jahr warben sie über 3 Milliarden Franken ein. Im Vergleich zu Italien muten diese Zahlen auf den ersten Blick beeindruckend an – verglichen mit Israel und seinen 25 Milliarden US-Dollar schon deutlich weniger. Die Investitionen werden jedoch schnell weiter zunehmen. Im ersten Halbjahr 2022 legten Investoren bereits 2,6 Milliarden Franken für Schweizer Startups auf den Tisch.

In frühen Phasen ihrer Entwicklung können sich Startups relativ leicht einige Millionen bei lokalen Business Angels oder Schweizer Risikokapitalfonds beschaffen. Doch besonders kapitalintensive Startups mit einem Finanzierungsbedarf von mehreren zehn oder hundert Millionen hängen meistens von ausländischen Risikokapitalfonds ab. Grund ist die nach wie vor beschränkte Schlagkraft der Schweizer Fonds, die in Zahl und Grösse jedoch ein gesundes Wachstum verzeichnen.

Die Situation scheint paradox. Warum nur verfügt die Schweiz als Weltmarktführer der Vermögensverwaltung über eine derart bescheidene Risikokapital-Branche?
Bei den Erklärungsansätzen fällt ein Aspekt besonders ins Auge: Die meisten Pensionskassen, die rund 1 Billion Schweizer Franken verwalten, interessieren sich nicht für die Anlageklasse ‚Risikokapital‘. Und wenn sie sich dafür interessieren, geben sie ihr Kapital bisweilen lieber grossen US-amerikanischen Playern, statt lokalen, also europäischen oder Schweizer Akteuren. Dabei könnten sie jedoch bis zu 5% ihrer Asset-Allokation in Risikokapital investieren, doch dies ist ein sehr theoretischer Schwellenwert.

Tatsächlich überrascht nicht, warum die Schweizer Pensionskassen kaum in Risikokapital investieren. In dieser Hinsicht liegen sie mit ihren europäischen Pendants gleichauf, die sich gerade einmal mit 0,018% in diesem Segment engagieren. So haben die Pensionskassen der Eurozone von einem Vermögen in Höhe von insgesamt 3 Trillionen Euro laut Atomico lediglich 700 Millionen Euro in europäische Venture Capital-Fonds investiert. Ein Tropfen im Ozean. Wenn sie nur 1% investieren würden, käme der Effekt am Markt einem Beben gleich, so ein Teilhaber von Atomico.

Wenn sie diesen Weg entschlossen gehen würden, könnten europäische Investoren einen Grossteil des von europäischen Startups generierten Mehrwerts, von dem bisher überwiegend US-Investoren profitieren, für die Wirtschaft in Europa sichern. In einem Artikel von Barron‘s aus dem letzten Jahr war zu lesen: „Seit Jahrzehnten verzeichnen US-amerikanische Universitätsfonds aufgrund des Höhenflugs der Börse und der hervorragenden Ergebnisse von Risikokapital und Private Equity höhere Renditen.“ Risikokapitalinvestitionen sind in den USA attraktiver sind als in Europa? Irrtum! Im letzten Jahrzehnt schnitt europäisches Risikokapital 3% besser ab der US-Risikokapitalmarkt.

Fest steht, dass Schweizer Risikokapitalfonds gerne mehr Gelder von den Pensionskassen des Landes verwalten würden, statt hauptsächlich Kapital von Privatanlegern und Family-Offices. Natürlich fliesst auch die politische Variable in die Gleichung ein. Der Bundesrat hofft auf deutlich mehr Finanzierungskapital für neue Technologien, die in der Schweiz entwickelt werden – dieser Weg ist jetzt nach der Anfang 2022 erfolgten Änderung des Rechtsrahmens frei. Dank dieser Änderung können Pensionskassen künftig bis zu 5% in Risikokapitalfonds investieren. Bisher waren Risikokapitalinvestments möglich, sie fielen jedoch in die Kategorie der „Alternativen“ Anlagen.

Steht somit alles zum Besten? Steht mehr Kapital zur Förderung von nationalen Innovationen und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze für Hochqualifizierte zur Verfügung? Erzielen Pensionsfonds höhere Renditen und kann die Schweiz ihre Wettbewerbsfähigkeit besser sichern?

Zunächst einmal sollte nichts überstürzt werden. Realistisch gesehen muss man davon ausgehen, dass sich der Ist-Zustand nur sehr langsam verändern wird. Einige der Gründe, die Pensionskassen von Risikokapitalinvestitionen abhalten, sind noch immer aktuell.
Erstens hat jede Pensionskasse ihr eigenes Risikobudget. Und dieses ist möglicherweise bereits ausgeschöpft. Die Asset-Allokation der meisten institutionellen Investoren enthält mehr Risiken als in der Vergangenheit. Da Anleihen nicht mehr dieselbe Sicherheit bieten wie bisher, macht ihr Ersatz durch eine andere illiquide und riskante Anlageklasse möglicherweise schlichtweg keinen Sinn.

Zweitens besteht eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, zwischen der Art und Weise, wie Vermögensverwalter Risikokapital effizient nutzen könnten und dem tatsächlichen Nutzen, den Risikokapital ihren Portfolios bringt. Viele Vermögensverwalter sind mit den Mechanismen von Risikokapital nicht vertraut. Diese Mechanismen unterscheiden sich grundlegend von der Funktionsweise der Aktien- und Immobilienmärkte. Die Wahl eines Fondsmanagers und die Kenntnis der Branchendynamik sind mit zusätzlichem Arbeitsaufwand verbunden, der beispielsweise bei einer geringfügigen Änderung der Allokation um rund 0,5% schnell ausufern kann.

Drittens halten sich in der Schweiz noch immer bestimmte falsche Vorstellungen über Risikokapital. Daher ziehen noch immer viele Investoren diese Anlageklasse nicht in Betracht, obwohl dies ratsam wäre. Die Anlageklasse gilt nach wie vor als ein handwerkliches, unbedeutendes und wenig transparentes Segment, das keine relevanten Erfolge aufweist. Wenn es denn so attraktiv ist, wie seine Verfechter behaupten, warum investiert dann nicht alle Welt in Risikokapital?

Angesichts der allseitigen und unablässigen Empfehlungen, der dauernden Vorschläge und Ratschläge ist leicht nachvollziehbar, warum die Nerven der Manager der Pensionskassen irgendwann blank liegen. Einige Politiker erwägen sogar, die Pensionskassen zu zwingen, 1% in Startups zu investieren, die einen „öko-sozialen Wandel“ vorantreiben – was auch immer diese Bezeichnung bedeuten mag. Anscheinend wird schnell vergessen, dass die wichtigste Arbeit der Manager von Pensionskassen darin besteht, die Interessen ihrer Begünstigten zu schützen. Stichwort: Treuhandpflicht. Das ist doch ihre vorrangige Aufgabe. Die Förderung und Unterstützung des Schweizer Startup-Ökosystems fällt nicht in diesen Aufgabenbereich. Sie interessierten sich weder für gute Absichten, technologischen Fortschritt noch die Schaffung neuer Stellen, sondern für risikobereinigte Renditen.

An diesem Punkt sollten Pensionskassen und Risikokapitalfonds mit ihrer Diskussion ansetzen, denn das richtige Vehikel eines Risikokapital-Fondsmanager mit hervorragendem Ruf und solider Erfolgsbilanz wird durch die eigenen Leistungsmerkmale überzeugen. Risikokapital ist zwar eine riskante Anlageklasse, sie bringt aber gleichzeitig auch aussergewöhnliche Renditen. Cambridge Associates zufolge belief sich die durchschnittliche jährliche Rendite von 173 europäischen Risikokapitalfonds in einem Jahrzehnt auf 19,7%. Wenn es gelingt, einen Manager mit überdurchschnittlicher Performance zu finden, können die Renditen sogar noch höher ausfallen.

Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, sie überzeugen. Trotz der genannten Schwierigkeiten haben mehrere Pensionskassen begonnen, massgeblich in Schweizer Risikokapitalfonds zu investieren. So konnten beispielsweise Swisscom Venture und Swisscanto über ein Dutzend Pensionskassen als Investoren gewinnen. Bestimmte Pensionsfondsmanager haben sich sogar zu überzeugten Verfechtern der Causa Risikokapital „made in Switzerland“ entwickelt. Mit anderen Pensionsfondsmanagern geteilte Erfahrungen im Bereich Risikokapital und gründlicheres Wissen zu diesem Thema werden wahrscheinlich viele veranlassen, den gleichen Weg zu gehen. Vorreitern die Bedenken derjenigen ausräumen können, die neue Wege einschlagen wollen. Die Risiken für die Portfolios oder auch für die Karriere werden so gesenkt.
Die Annäherung zwischen Risikokapital und Pensionsfonds wird Zeit in Anspruch nehmen. Es braucht Zeit, um strategische Besprechungen und Anlageausschüsse zu organisieren, und bis dann Entscheidungen getroffen werden, braucht es noch länger. Auch wenn sich ein Konsens herauskristallisiert, sind die Reaktionsketten sehr langsam. Startups brauchen Jahre, bis sie für eine Übernahme oder einen Börsengang reif sind. Das bedeutet, dass ein Fonds sehr lange braucht, um die Gesamtperformance zu realisieren. Kein Grund für versierte institutionelle Investoren, sich nicht langfristig zu engagieren.

Ein Wendepunkt könnte jedoch schon früher kommen, denn der Bundesrat hat die Auflegung eines Schweizer Innovationsfonds beschlossen. Investitionen an Seiten der Eidgenossenschaft und anderen öffentlichen Organen ist für viele Pensionsfonds eine Chance, ihre Risikokapital-Exposure zu erhöhen und Erfahrungen in diesem Bereich zu sammeln. Auch wenn die Einzelheiten des Fonds noch nicht feststehen und seine Auflegung wahrscheinlich erst in einigen Jahren erfolgt, kann diese Initiative Pensionskassen veranlassen, ihre Einstellung in Bezug auf diese Anlageklasse ernsthaft zu überdenken.

Vor zehn Jahren steckten Startups in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Dieser Sektor ist dank diversifizierter Akteure, einer höheren Professionalität und unbestreitbarer Erfolgs-Stories heute robuster. Wenn schon bald 10 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr in Schweizer Startups investiert werden, dann stocken die Pensionskassen ihre Exposure vielleicht von null auf ein bisschen. Dies würde vielleicht kein Beben auslösen, aber sich mit Sicherheit positiv auf die Entwicklung der Startups und auf die Renditen der Pensionskassen auswirken.

Eugen Stamm ist Fachjournalist bei Verve Ventures, einer 2010 von mehreren privaten Investoren gegründeten Schweizer Risikokapitalgesellschaft.
Stamm kann auf über zehn Jahre Erfahrung im Finanzjournalismus verweisen und hat sich für die Neue Zürcher Zeitung intensiv mit dem Bereich „Investitionen“ beschäftigt.
Er ist neben Jorge Frey von Marcuard Family Office Co-Autor eines Buches über Family Governance mit dem Titel „Von Geld und Werten“.
Er studierte an der HEC Lausanne und verfügt über einen Master in Jura der Universität Zürich.

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