Rodolfo de Benedetti, Decalia „Wir können in Europa eine wesentliche Rolle in Private Markets spielen“

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Interview mit Rodolfo de Benedetti, Decalia
Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

Rodolfo de Benedetti hat vor sechs Jahren gemeinsam mit Alfredo Piacentini Decalia gegründet, um die Verwaltung seines Privatvermögens zu optimieren. In einem von Negativzinsen und Abwärtskorrekturen der Renditen geprägten Umfeld will er seine Allokationsstrategie mehr auf das Segment der Private Markets ausrichten, das in Europa weiterhin boomt. Mehr dazu in diesem Interview.

Wie ist das Familienvermögen aufgeteilt, das sie verwalten?
Rodolfo de Benedetti: Es besteht aus zwei Teilen: Auf der einen Seite gibt es das Familien- und auf der anderen das Privatvermögen. Das Familienvermögen besteht aus der Holdinggesellschaft, die mein Vater 2014 meinen beiden Brüdern und mir übertragen hat. Ich leite den Verwaltungsrat dieser Holdinggesellschaft namens Fratelli De Benedetti, die Hauptaktionär der an der Mailänder Börse kotierten CIR-Gruppe ist.
Das Privatvermögen beinhaltet unter anderem meine Beteiligung an Decalia. Die Boutique habe ich 2014 zusammen mit meinem langjährigen Freund, Alfredo Piacentini, gegründet. Privat bin ich auch als Co-Investor in sämtlichen Anlagelösungen von Decalia investiert. Dadurch bringe ich – wie auch alle meine Partner bei Decalia – zum Ausdruck, dass wir zusammen mit unseren Kunden investieren, was einer Übereinstimmung der Interessen mit unseren Kunden entspricht.

Was sind die komplexesten Aspekte, die es im Zusammenhang mit hohen Vermögen zu beachten gilt?
Wir müssen mit einem schwierigen Umfeld zurechtkommen, in dem die Zinsen in den meisten wichtigen Währungen negativ sind. Den momentanen Zustand bezeichnet man als «finanzielle Repression». Daraus ergibt sich eine Nachfrage nach Rendite, die bei sämtliche Anlegern zu beobachten ist. Dieses Suchen nach Rendite in Kombination mit den immer weniger angebotenen Finanzierungsformen der Banken ist der Hauptgrund, wieso Decalia ausgewählte Anlagestrategien in Private Markets anbietet. Dazu machen wir beim Konsumverhalten klare Trends ausfindig: Damit Investoren davon profitieren können, haben wir als Pionier für thematische Investments die Fonds Decalia Silver Generation, Decalia Millenials sowie den Decalia Circular Economy lanciert.
Die Renditeerwartungen sind auf breiter Front rückläufig. Sinnvolle Diversifikation mit angemessener Performance sowie abschätzbare Risiken in einem Portfolio zu vereinen, ist schwierig geworden. Um als Vermögensverwalter erfolgreich zu sein, sind neben Disziplin, talentierte Teams, Kompetenzen in sämtlichen Anlageklassen sowie ein klare Einschätzung des makroökonomischen Umfeldes erforderlich. Zudem ist es unabdingbar, sich auf bestimmte Bereiche zu konzentrieren.

Worin unterscheidet sich aus Ihrer Sicht die Vermögensverwaltung von der Führung eines Unternehmens?
Wenn man ein selbst gegründetes Unternehmen leitet tendiert man dazu, seine gesamte Energie darauf zu verwenden und folglich persönliche Angelegenheiten zu vernachlässigen. Diese erscheinen dann meistens zweitrangig. In einem Unternehmen entwickelt man ein hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber den verschiedenen Beteiligten. Die gemachten Erfahrungen als Unternehmer helfen mir in der Vermögensverwaltung, unterstützen sie doch dabei, Firmen ganzheitlicher beurteilen zu können.

Wie beurteilen Sie zurzeit die Finanzmärkte?
Zunächst gibt es einen positiven Aspekt, den ich betonen möchte: Die Finanzmärkte funktionieren offensichtlich gut, als dass sie liquide sind – obwohl seit Februar-März eine schwere Krise herrscht. Sie haben zwar heftig reagiert, aber sich trotzdem gut gehalten Dies ganz im Gegensatz zur Subprime-Krise von 2007 und 2008. Allerdings sind die Marktteilnehmer sehr besorgt wegen der Abkopplung der Märkte von der Realwirtschaft, die bis auf wenige Ausnahmen wie China in den meisten Wirtschaftsräumen in einer Rezession steckt. Ich glaube jedoch nicht, dass die Börsenindizes die Lage der Märkte getreu widerspiegeln. Die Gewichtung der Titel entsprechend ihrer Marktkapitalisierung ist irreführend. Wären alle gleich gewichtet, würde sich gleich ein düstereres Gesamtbild ergeben. So ist die Entwicklung des S&P 500 zum grössten Teil durch die FAANG Stocks (Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Alphabet) getrieben, die heute ein Gewicht von über 20 Prozent im S&P 500 ausmachen.

Aber trotzdem legen Sie weiter in diesen Märkten an!
Ja, aber auf unsere Art. Wir bevorzugen für uns und für unsere Kunden einen mittel- bis langfristigen Anlagehorizont von mehreren Jahren. Wir sind überzeugt, dass es illusorisch ist, langfristig eine Performance mit Market-Timing erzielen zu können. Es erscheint uns weitaus angebrachter, uns in langfristigen Themen zu positionieren, die unabhängig von den Unwägbarkeiten und Zyklen der Märkte auch in 20 Jahren noch vielversprechend sind. Ebenso erfordern der Erhalt und die Steigerung des Vermögens in diesem negativen Zinsumfeld Investitionen in die Realwirtschaft und in nicht kotierte Unternehmen mit guten Wachstumsprofilen. Es besteht kein Mangel an solch interessanten Firmen! Dies ist ein weiterer Grund, wieso wir bei Decalia den Bereich «Private Markets» geschaffen haben. Mit solchen Investments lassen sich zurzeit erhebliche Prämien erzielen.

Worin besteht Decalias Strategie in den Private Markets?
Diese Anlageklasse ist für Europa noch relativ neu. Daher sind wir in der Lage, eine wichtige Rolle zu spielen. Es ist uns gelungen, interessante innovative Strategien zu lancieren und damit Kunden zu gewinnen. Für diese illiquiden Anlagen wurde ein Team von aktuell acht Personen gebildet. Mit diesen Spezialisten suchen wir in den verschieden Bereichen nach idealen, hochprofessionellen Partnern, mit welchen wir dann die Produkte zusammen konzipieren und verwalten. Das Vermögen in diesen Strategien beträgt über 800 Millionen Franken. 70 Prozent davon entfällt auf Private Debts. Wir gehen selektiv vor und lancieren zwei oder drei interessante Strategien pro Jahr. Analyse- und Due-Diligence-Verfahren stehen bei unseren Prozessen im Zentrum. Mit einem klaren Fokus sehen wir uns als Bindeglied zwischen den Investoren, bei denen es sich mehrheitlich um Privatpersonen handelt, sowie den sehr spezialisierten Anlageteams hinter den einzelnen Strategien. Im Bereich von illiquiden Anlagen mangelt es Investoren an Know-how, Ressourcen oder einem Netzwerk, um gute Gelegenheiten ausfindig zu machen. Solchen Investoren bietet Decalia Lösungen, um ihnen Investments in Private-Equity-, Private-Debt- oder Venture-Capital zugänglich zu machen.

Woran denken Sie, wenn Sie von innovativen Strategien sprechen?
Ein Beispiel dafür ist die Prozessfinanzierung oder auch «Litigation Finance» genannt. Kurz zusammengefasst geht es darum, das Recht zu erwerben, sich an einem Gerichtsverfahren zu beteiligen, das als Sammelklage oder «class action» bezeichnet wird. Wir haben uns an einem Verfahren beteiligt, bei dem die Europäische Union einer Unternehmensgruppe eine Strafzahlung wegen Verstössen gegen das Kartellrecht aufgebrummt hatte. Ausserdem sind Konsumenten berechtigt, gerichtlich auf Schadenersatz zu klagen. Wir kaufen ihnen die Rechte ab, die sie haben. Dieses Anlagevehikel verfügt inzwischen bereits über 200 Millionen US-Dollar. Auch Decalia-Kunden waren an diesem Investment beteiligt.

Wie gross ist der Umfang der Geschäfte, die Sie eingehen?
Die Summen bewegen sich zwischen 20 und 100 Millionen Franken und hängen stark vom den jeweiligen Strategien ab.

Was motiviert sie am meisten an der Weiterentwicklung von Decalia?
Was mir an diesem Unternehmen am meisten gefällt, ist die kollegiale Zusammenarbeit. Das ist für mich recht neu. Ich kommen aus der Industrie. Dort war ich ein eher autokratisches Modell gewohnt, bei dem es einen einzigen Chef im Unternehmen gibt. Bei Decalia hat jeder am Tisch eine Stimme und Beschlüsse erfolgen nach dem Mehrheitsprinzip. Wir sind uns nicht immer bei allem einig, aber jeder kann seinen Standpunkt geltend machen. Auf diese Weise kommen wir voran. Bei uns herrscht Teamgeist.
Aber genauso gut gefällt mir der Geist, der uns bei Decalia antreibt. Alle Gesellschafter beteiligen sich als Co-Investor als erste an den Geschäften, die wir unseren Kunden anbieten. Das ist eine der ersten Regeln, die wir uns gegeben haben. Seit der Gründung von Decalia vor sechs Jahren habe ich also einen erheblichen Teil meiner eigenen Mittel in Investments gesteckt, die wir unseren Kunden anbieten. Und ich schätze dieses Engagement sehr.

Welche Ambitionen haben Sie für Decalia?
Wir sind bestimmt ehrgeizig, denken aber nicht nur an die Grösse. Für uns steht die Qualität unserer Dienstleistungen und unserer Produkte an erster Stelle. Wir wollen eine Struktur schaffen, die einen guten Ruf auf dem Markt und bei den Kunden geniesst. Da wir unser eigenes Kapital investieren, ist klar, dass wir gute Renditen erzielen möchten. Wir sind auch nicht wachstumsbesessen, denn wir wollen unsere Boutique-Kultur erhalten, die sich von den «Finanz-Supermärkten» unterscheidet, wie man grössere Finanzdienstleister bezeichnen könnte. Unser Wachstum war bisher zu hundert Prozent organisch und wir waren vom ersten Tag an rentabel. Wir investieren in die Entwicklung des Unternehmens, wollen nicht die kurzfristige Rentabilität zu maximieren, verfolgen dabei langfristige Ziele.

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