Schwellenländeranleihen: Chancen in Asien

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Von Valentin Bissat, Mirabaud Asset Management

In einem turbulenten Umfeld gestaltet sich die Renditesuche im Anleiheuniversum auch heute noch als schwierig. Die besten Anlagechancen für Investoren lassen sich vor allem in den Schwellenländern finden. In seiner Analyse kommt Valentin Bissat zu dem Schluss, dass die Verbindung von hohen Zinsen und moderater Inflation Schwellenländer wirklich attraktiv macht.

Seit Anfang des Jahres sehen sich Anleiheinvestoren einer komplexen Situation gegenüber. In den USA hat die beschleunigte Straffung der Geldpolitik durch die Fed zu einem raschen Anstieg der Renditen von US-Treasuries sowie zu einer Repositionierung der Anleger in Richtung Industrieländermärkte (hauptsächlich in Dollar) geführt – auf Kosten der Schwellenländer. Die Staatsanleihen einiger asiatischer Länder wie Indonesien oder die Philippinen haben besonders gelitten, ohne dass wesentliche Änderungen bei ihren volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten, ihrer Währung oder ihrer Kreditwürdigkeit eingetreten waren. Die Kosten von Staatsanleihen der Schwellenländer werden nämlich nicht nur von den Fundamentaldaten der einzelnen Länder beeinflusst, sondern auch von der Risikoaversion der internationalen Anleger. Die steigende Volatilität an den Aktienmärkten hat die Risikobereitschaft gedämpft und die Kreditspreads erhöht.
Aufgrund der geopolitischen Risiken (Krieg in der Ukraine, Atomverhandlungen mit Iran) und den Anstieg der Energiepreise hat sich dieses Bild weiter verdunkelt.

Obwohl Staatsanleihen traditionell als „sicherer Hafen“ gelten, sind die Renditen im Anschluss an diese Ereignisse gestiegen, was sich aus dem Umschwenken der Zentralbanken und dem Anstieg der Inflation erklärt. 2021 erreichten die Kapitalabflüsse in Schwellenanleihen daher 9 Milliarden Dollar, wobei jedoch ein erheblicher Unterschied zwischen Anleihen in lokaler Währung und solchen in harter Währung bestand. Während Investitionen in erstere mit Ausnahme Chinas stark rückläufig waren, war bei letzteren ein leichter Zuwachs zu verzeichnen. Dieser Trend setzte sich zu Jahresanfang fort.

Während jedoch die Fed, um die Inflation in den USA zu bremsen, erst mit einer Anhebung der Leitzinsen beginnt, haben die Zentralbanken vieler Schwellenländer diesen Prozess bereits vor mehreren Quartalen eingeleitet. Die Kombination aus hohen Zinssätzen und moderater Inflation in den asiatischen Ländern stellt für Anleiheinvestoren eine Chance dar. Allerdings bleiben die Unsicherheiten erheblich und die Null-Toleranz-Politik in Sachen Covid-19 beeinträchtigt weiterhin das Wachstum in China und den Nachbarländern. Eine Flexibilisierung dieser Massnahmen durch den im November anstehenden Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas ist wenig wahrscheinlich. Dennoch könnte jeder weitere Anstieg der Renditen Gelegenheit zum allmählichen Aufbau einer Portfolioposition in Schwellenländeranleihen bieten.

Der US-Dollar dürfte sich ab dem zweiten Quartal abschwächen, wenn die Inflation in den USA ihren Höhepunkt erreicht hat, was zeitlich mit der Talsohle des chinesischen Wachstums zusammenfällt. Auch wenn sich die Zinskurve in den USA abflacht, was bei einer aggressiven Vorwegnahme von Leitzinserhöhungen durch die Anleger möglich ist, wird das lange Ende der Kurve – mit dem grössten Einfluss auf Schwellenländeranleihen – wegen des unveränderten Gleichgewichtszinssatzes gedeckelt bleiben. Die derzeitige Unterperformance könnte sich in den kommenden Monaten umkehren, vor allem bei Staatsanleihen oder Staatsanleihen-ähnlichen Schwellenländerobligationen mit höherer Liquidität auf dem Sekundärmarkt, die gegenüber Marktunsicherheiten widerstandsfähiger sind.

In China hat sich die Zentralbank immer dahingehend geäussert, dass sie die Parameter ihrer Geldpolitik entsprechend dem Binnenwachstum und der Preisentwicklung festlegt. Die Entscheidung für eine Zinssenkung im Januar geht in diese Richtung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der relativ starke Renminbi, der auf robusten Export und geringere Auslandsausgaben im Tourismus zurückgeht. Damit lässt sich eine Fortsetzung der geldpolitischen Lockerung ausreichend rechtfertigen.

Bei einer Exposition gegenüber Schwellenländeranleihen sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen. Punkt 1: Die tendenziell rückläufigen Kosten für die Kreditaufnahme in den letzten zehn Jahren haben viele Staaten – in den Industrie- und in den Schwellenländern – zu Anleihen mit immer längeren Laufzeiten veranlasst. Noch vor kurzem haben Mexiko und Indonesien Staatsanleihen mit 50jähriger, Peru sogar mit 100jähriger Laufzeit, begeben, um die relativ niedrigen Finanzierungssätze festzuschreiben und Rendite orientierte Anleger zufrieden zu stellen. In 2022 haben 23% der Werte in harter Währung des Schwellenländeranleihenindexes eine Laufzeit von 15 Jahren oder mehr. Für Investoren ist das eine Herausforderung, denn ausser den üblichen kurzfristigen Risikofaktoren (Konjunktur- und Rohstoffzyklus, politisches Umfeld, Wechselkurse usw.) müssen sie nun auch längerfristige Trends berücksichtigen: Allen voran den Klimawandel, denn dessen Einfluss auf die Zahlungsfähigkeit und die Kreditspreads mancher Länder wird sich verstärken. Das demografische Wachstum wird sich in vielen Schwellenländern als Katalysator des Wirtschaftswachstums erweisen, wobei dieser Vorteil jedoch durch viele Herausforderungen beeinträchtigt wird: Umwelt- und soziale Risiken aufgrund der Verstädterung, mangelnde Ressourcen und Infrastruktur. In 2018 hat die Rating-Agentur Standard & Poor’s sich auf das Hurrikane-Risiko berufen, als sie die von den Turks- und Caicosinseln in der Karibik begebenen Staatsanleihen herabstufte.

Neue Research-Ergebnisse lassen vermuten, dass Kreditspreadschwankungen bei Schwellenländern zu 24% bis 40% auf ESG-Faktoren zurückgehen. Die wichtigsten Erklärungsvariablen haben mit Governance-Indikatoren (politische Stabilität, effiziente Politik der öffentlichen Hand, Rechtsstaatlichkeit usw.) zu tun, die vor allem aufgrund höherer Produktivität und besserer Bildungssysteme zu überdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum führen. Soziale Faktoren sind ebenfalls von erheblicher Bedeutung, jedoch eher korrelativer als kausaler Natur, denn die sozialen Variablen stehen stellvertretend für andere Effekte. Schlussendlich wird sich der Einfluss ökologischer Variabler in den nächsten Jahren verstärken, auch wenn ihnen historisch weniger Gewicht beigemessen wurde. Klimaereignisse wie der Anstieg des Meeresspiegels, Überschwemmungen, Trockenheit und Stürme können zu Nahrungsmittelunsicherheit und Migration führen und somit Wirtschaftswachstum und Wohlstand beeinträchtigen. Dieselben Faktoren können auch zu geopolitischer Instabilität führen. Die südasiatischen Länder sind dem Extremwetter, das mit dem Klimawandel einhergeht, besonders ausgesetzt.

Wie gesagt, die Integration von ESG-Faktoren hat vor allem zum Ziel, den Einfluss der oben genannten Risiken auf die Kreditspreads und die Zahlungsfähigkeit der betreffenden Länder zu dämpfen. Zudem tragen diese Faktoren zu stabileren Finanzerträgen bei, ohne dass es zu Lasten der Rendite geht. Sie werden nun direkt in den Anlageprozess einbezogen. Unter dem allgemeineren Gesichtspunkt der Portfolioverwaltung streben wir mit der Integration dieser Faktoren eine höhere Diversifizierung an, vor allem in geografischer Hinsicht, da klimatische und politische Risiken über Regionen hinweg miteinander verbunden sind.

Valentin Bissat ist Seniorökonom und Stratege innerhalb des Strategieteams von Mirabaud Asset Management. Als Mitglied des Anlageausschusses arbeitet er an der Seite des Chefökonomen, der für makroökonomische Studien und Analysen verantwortlich ist. Zudem arbeitet er gemeinsam mit dem CIO an ausgewogenen Mandaten, an der Assetallokation und an der Analyse und Erarbeitung von Finanzindikatoren für die Anlagestrategie. Er verwaltet auch die Anlageraster der Bank. Valentin Bissat ist Inhaber eines Bachelors in Wirtschaftswissenschaften der Universität Genf, eines Masters in Bank- und Finanzwesen der Universität Sankt-Gallen sowie der CFA- und CAIA-Zertifizierung.

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