„Tatsache ist, dass die Kunden ihren Ansatz überdenken“

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Interview mit Anton Simonet, Leiter Wealth management, UBS Schweiz
Von Hans Linge – Fotos: Juerg Kaufmann

Nachhaltige Entwicklung, Performance, Risikomanagement, Customer-Relationships, thematische Anlagen, Digitalisierung, Kommunikation etc. Anton Simonet weiss, dass die Kunden „besser informiert, anspruchsvoller, aber zugleich sehr flexibel sind“ und ganz andere Erwartungen haben als zuvor, so dass die Vermögensverwalter ständig neue Lösungen entwickeln müssen. Diese strategische Stossrichtung hat sich die UBS vorgegeben.

Mit einem Marktanteil von 25% ist die Schweiz nach wie vor weltweit führend in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung. Warum geht es der Branche mit verwalteten Vermögen von insgesamt über 8 Billionen CHF so gut?
Anton Simonet: Dass wir in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung immer noch das führende Land der Welt sind hat seine Gründe: Die politische Stabilität, das verlässliche Rechtssystem, unsere Neutralität, die soliden öffentlichen Finanzen, unsere starke Währung und vor allem unser innovativer und wettbewerbsfähiger Wirtschafts- und Finanzplatz sind global betrachtet starke Trümpfe. Darüber hinaus sprechen auch die Mehrsprachigkeit und die hohe Professionalität im Bankensektor für den Finanzplatz Schweiz.

Was sind die spezifischen Fähigkeiten oder Eigenschaften der Schweizer Vermögensverwalter, die sie so wettbewerbsfähig machen?
Zunächst einmal muss ich hervorheben, dass die Branche hart umkämpft ist. Es herrscht ein reger, aber fairer Wettbewerb. Das führt sicherlich dazu, dass sich die Finanzinstitute im hiesigen Markt stets aufs Neue erfinden müssen. Auch gegenwärtig findet ein Wandel statt, mehr Digitalisierung, ein verändertes Kundenverhalten, in der Tendenz weniger Geschäftsstellen.

Inwieweit begünstigt das derzeitige turbulente makroökonomische Umfeld die Schweiz als sicheren Hafen?
Die Corona-Krise hat alle Länder unterschiedlich tangiert. Jene Staaten, die schon vor der Pandemie finanziell instabil waren, sind besonders hart getroffen worden. Gleichzeitig werden stabile Länder wie die Schweiz in Krisenzeiten von Anlegern vermehrt als sicheren Hafen betrachtet. Ein Beispiel: Die Schweizerische Nationalbank hat im ersten Halbjahr 2020 mit 90 Milliarden Franken interveniert, um die starke Aufwertung des Schweizer Frankens abzufedern. Das zeigt, wie sehr unsere Währung gefragt ist.

Wie kann man das Vermögensverwaltungsgeschäft «made in Switzerland» noch wettbewerbsfähiger machen?
Trotz unserer starken Position können wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir müssen innovativer werden und uns auf das sich verändernde Umfeld, auch was die Kundenbedürfnisse betreffen, möglichst rasch anpassen. Das ist für grosse Organisationen eine besondere Herausforderung. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir – gerade auch was unsere Marktführerschaft im Digital Banking betrifft – auf dem richtigen Weg sind.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?
Die traditionelle Vermögensverwaltung basiert auf dem persönlichen Kontakt. Dies ist nach wie vor wichtig und notwendig. Aber das Bankgeschäft ist im Wandel, orts- und zeitunabhängige Beratung wird immer wichtiger und dies nicht nur bei der jüngeren Klientel. Die Corona-Krise hat diesen Wandel zusätzlich beschleunigt. Dies ist eine Herausforderung für alle Banken. Wir bei UBS haben diesen Trend schon sehr früh antizipiert und stark in unsere digitalen Kanäle investiert, lange vor Covid-19. Davon profitieren wir heute. Aber wir sind noch lange nicht am Ende dieser Entwicklungen angelangt.

Welche Veränderungen haben das Vermögensverwaltungsgeschäft seit der Finanzkrise 2008 am meisten beeinflusst?
Die Finanzkrise war natürlich 2008 nicht plötzlich vorbei. Durch die verschärften regulatorischen Vorschriften wurden die Vermögensverwalter in der Schweiz vor grosse Herausforderungen gestellt. Damit beschäftigen wir uns heute noch. Und dies hat auch dazu geführt, dass die Banken über deutlich mehr Eigenmittel verfügen als noch vor der Finanzkrise. Prägend für die Branche war darüber hinaus die konsequente Umsetzung der Weiss-Geld-Strategie sowie ein erweitertes Produktangebot.

Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Bedürfnisse und Erwartungen Ihrer Kunden verändert?
Die Kunden von heute sind besser informiert, wollen orts- und zeitunabhängig und vor allem ganzheitlich beraten werden. Mit unserem holistischen Ansatz und dank der zahlreichen digitalen Applikationen haben wir eine gute Antwort auf die veränderten Kundenbedürfnisse gefunden. Zudem sind heute die Erwartungen der Kunden betreffend der Performance in der Vermögensverwaltung stark angestiegen, was speziell im Negativzinsumfeld eine grosse Herausforderung für viele Marktteilnehmer darstellt.

Wie haben sich auch die Allokationsstrategien verändert?
Der kontinuierliche Rückgang der Zinssätze in den vergangenen 30 Jahren – und vor allem 2015 in den negativen Bereich – haben die Rolle von festverzinslichen Instrumenten in Portfolios völlig verändert. Aus Gründen der Diversifikation wird nach wie vor ein gewisser Anteil an Investment-Grade-Staatsanleihen empfohlen. Aber wir haben sie nach und nach durch Unternehmens- und Schwellenländeranleihen ersetzt, die immer noch positive Renditen erzielen. Wir haben auch Immobilientitel oder Aktien mit hoher Dividende und spezifische Investment-Themen im Bereich der Nachhaltigkeit einbezogen. Auf diese Weise können wir unseren Kunden im Rahmen des Mandats weiterhin langfristig angemessene positive Renditen bei überschaubaren Schwankungsrisiken bieten.

Was hat sich in den Portfolios verglichen mit vor zehn Jahren geändert?
In erster Linie alternative Anlagen wie Private Equity haben heute einen viel grösseren Stellenwert. Dort sind auch die Einstiegshürden für Investments in den vergangenen Jahren gesunken. Deshalb sind diese Anlagen heute in den Portfolios unserer Kunden viel häufiger zu finden als noch vor einigen Jahren. Das gilt auch für thematische Investitionen in nachhaltige Entwicklung oder in bestimmte Sektoren wie Gesundheit und Fintech.

Welche Trends sehen Sie bei der Art und Weise, wie Ihre Kunden investieren wollen?
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass ein langfristiger Erfolg nur dann realistisch ist, wenn man das Anlagekonzept vorgängig entlang dem Risiko-/Renditeprofil definiert. Mit UBS Wealth Way versuchen wir, genau dies abzubilden, das Vermögen wird dabei in drei Kategorien aufgeteilt: Liquidität, Langlebigkeit und Legacy. In dieser 3-L-Strategie zielt die «Liquidität» darauf ab, Ausgaben und Verbindlichkeiten in den nächsten zwei bis fünf Jahren zu decken. Die «Langlebigkeits»-Strategie zielt auf langfristige finanzielle Ziele durch diversifizierte Investitionen über mehrere Anlageklassen mit einer Wachstumsorientierung. Die «Legacy»-Strategie kann auchAnlagen mit einer höheren Volatilität oder einer tiefen Liquidität beinhalten, da der Anlagehorizont sehr langfristig ist.

Welche Arten von ESG-Investments favorisieren Sie heute?
Es geht nicht darum, was wir bevorzugen, sondern was die Kunden wünschen. Mit einer breiten Palette an nachhaltigen Anlagelösungen können Kunden ihre eigenen Prioritäten setzen. Mit unserem vollständig auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes UBS Manage SI Mandat kann dies bequem umgesetzt werden. In diesem Mandat sehen wir seit längerem die meisten Zuflüsse. Wir haben zudem massgeschneiderte Anlagelösungen entwickelt, mit denen Kunden beim Aufbau ihres Portfolios einen Beitrag zur Transformation in eine nachhaltigere Zukunft leisten können.

Wie gehen Ihre Kunden mit der schleppenden Weltwirtschaft und lebhaften Finanzmärkten um?
Unser Ziel ist es gerade in einer Krisensituation, die Kunden davon zu bewahren, auf Emotionen basierende Entscheidungen zu treffen. Die Weltwirtschaft steht unseres Erachtens nicht so schlecht da, denn tatsächlich gibt es heute einen grossen Unterschied zwischen den direkt von den Schliessungen betroffenen KMUs und den grossen börsennotierten Unternehmen, die kaum tangiert sind und mit voller Kapazität arbeiten. So erwarten wir in diesem Jahr in China ein Wachstum von rund 9% und in den USA von fast 7%. Die positive Entwicklung an den Finanzmärkten ist daher in vielen Märkten gerechtfertigt.

Was sind Ihre aktuellen Prioritäten in Bezug auf die digitale Technologie?
Wir wollen unsere digitalen Initiativen und Applikationen ausweiten, damit die Berater und Kunden alle Werkzeuge haben, um die entsprechenden Bedürfnisse zeit- und ortsunabhängig zu erfüllen. Damit sind wir in der Lage, interaktiv ein massgeschneidertes Investmentportfolio zu erstellen, Anlagevorschläge anzupassen oder passende Angebote auszuwählen und dies wenn immer möglich kombiniert mit einer elektronischen Unterschrift.

Welche neuen Dienstleistungen werden Sie Ihren Kunden in Zukunft anbieten?
Unsere Kunden können bereits jetzt ihre finanzielle Situation und den Status ihres Portfolios einsehen, überall und jederzeit.
Zudem werden wir unseren Kunden noch gezieltere, auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Anlagevorschläge direkt über weitere Kanäle zur Verfügung stellen können. Wir werden unsere digitale Pipeline weiter füllen, seien sie gespannt.

Wo sehen Sie heute, im Zeitalter von Enterprise 4.0, die Notwendigkeit, sich neu zu erfinden?
Moderne Kunden interessiert es nicht, wie Unternehmen intern organisiert sind. Wichtig ist, dass die verschiedenen Geschäftsbereiche reibungslos zusammenarbeiten, um die bestmögliche Lösung für den Kunden zu finden. Einfach ausgedrückt: Wir müssen im Sinne unserer Kunden schneller und agiler bei der Problemlösung sein.

Anton Simonet leitet seit 2017 das Wealth Management der UBS für die Schweiz. Nach seinem Eintritt in die Gruppe 2010 leitete er den Bereich Wealth Management International im Nahen Osten, in Asien, in Israel und in Afrika und wurde dann Regionaldirektor der UBS Ostschweiz. Vor seinem Wechsel zur UBS war Anton Simonet bei der Dresdner Bank tätig. Dort begann er als Anleihen-Trader und stieg später zum weltweiten Chef der Vermögensverwaltung auf. Er ist Absolvent der AZEK und CEFA-Certified European Financial Analyst.

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