„Vermögensverwalter dürfen den Arbeitsaufwand für ihre Bewilligung nicht unterschätzen“

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Interview mit Christian Wolf, Partner, Claritis

Von Elsa Floret

Laut Christian Wolf sind die unabhängigen Vermögensverwalter für den regulatorischen Rahmen, in dem sie sich demnächst bewegen werden, noch nicht gerüstet. Das grösste Risiko droht jedoch, wenn sie die erforderlichen Bedingungen für die Bewilligung innerhalb der gesetzten Fristen nicht erfüllen.

Mit Lisa Desjardins haben Sie Ihr auf Risikomanagement und Compliance für Finanzinstitute spezialisiertes Unternehmen gegründet. Wer sind Ihre grössten Kunden?
Wir arbeiten vor allem mit kleinen und mittelgrossen Finanzintermediären in der Schweiz und in Luxemburg zusammen – überwiegend mit Vermögensverwaltern und Treuhändern, aber auch mit Fondsmanagern. Wir unterstützen sie bei ihrem Bewilligungsantrag bei der FINMA und bieten ihnen Outsourcing-Dienstleistungen für ihr Risikomanagement und ihre Compliance an. Darüber hinaus übernehmen wir punktuelle Beratungs- oder Support-Missionen für kleine Banken, auch wenn sie über eigene Risikomanagement- und Compliance-Abteilungen verfügen.
Wir beraten ferner auch immer mehr innovative Finanzunternehmen. Grund ist die vor kurzem von der FINMA geschaffene Bewilligung mit erleichterten Anforderungen, die sogenannte „Fintech-Bewilligung“, welche die Entgegennahme von Publikumseinlagen in der Höhe von maximal 100 Millionen Schweizer Franken oder kryptobasierte Vermögenswerte erlaubt, wobei die Publikumseinlagen oder Vermögenswerte weder angelegt noch verzinst werden dürfen. Dies eröffnet viele Möglichkeiten, denn noch bis vor kurzem musste ein Finanzdienstleister, der Publikumseinlagen entgegennehmen wollte, erst eine Bewilligung für die Tätigkeit als Bank oder Wertpapierhaus einholen.

Welche sind die grössten Risiken für die Vermögensverwalter?
Anders als die Verwalter von Kollektivvermögen, für die aufsichtsrechtliche Prüfungen zur Routine gehören, sind die unabhängigen Vermögensverwalter für den regulatorischen Rahmen, in dem sie sich demnächst bewegen werden, noch nicht gerüstet. Die Entscheidung, die Vermögensverwalter in Bezug auf die Erfüllung ihrer regulatorischen Pflichten treffen müssen, besitzt eine echte strategische Dimension. Sie müssen sich von Fachleuten oder auch einfach von ihrer Aufsichtsorganisation beraten lassen – das ist extrem wichtig. Unverhältnismässig aufwändige Vorkehrungen gemessen an ihrer Grösse können ein echtes Problem werden. Das grösste Risiko droht allerdings, wenn sie die erforderlichen Bedingungen für die Bewilligung innerhalb der gesetzten Fristen nicht erfüllen. Die FINMA hat Vermögensverwaltern empfohlen, ihren Antrag bis spätestens 30. Juni 2022 bei der Aufsichtsorganisation einzureichen. Diese Frist muss eingehalten werden.

Auf welche Schwierigkeiten stossen Vermögensverwalter bei ihren Unterstellungsformalitäten?
Die grösste Schwierigkeit, auf die Vermögensverwalter stossen, ist die erfolgreiche Umsetzung aller für sie künftig geltenden Regeln in einfache und an ihre Grösse angepasste Abläufe. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Unterstellung nur eine Etappe darstellt und dass Vermögensverwalter künftig immer alle neu verabschiedeten Richtlinien und Verfahren einhalten müssen.
Vermögensverwalter dürfen den Aufwand und die Arbeitszeit, die sie für die Vorbereitung ihrer Mitgliedschaft benötigen, nicht unterschätzen.
Wir haben festgestellt, dass sich einige Vermögensverwalter ausschliesslich auf ihre Unterstellungsformalitäten konzentriert und dabei bestimmte Verpflichtungen im Rahmen des FIDLEG ausser Acht gelassen haben, obwohl die Übergangsfrist am 31. Dezember 2021 abläuft. Auch Vermögensverwalter, die mit ihrem Bewilligungsantrag noch am Anfang stehen, müssen die Anforderungen des FIDLEG ab dem 1. Januar 2022 erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt müssen sie bestimmte Pflichten erfüllen, wie beispielsweise Informationspflichten oder die Verpflichtung zur Klassifizierung von Kunden.

Erhalten Sie Unterlagen von neu gegründeten Vermögensverwaltern, die für die Attraktivität der Branche sprechen würden?
Wir haben mehrere neu gegründete Unternehmen bei diesem Antragsverfahren betreut, doch dies ist noch eine marginale Erscheinung, so dass sich daraus keine Schlussfolgerungen ziehen lassen. Allerdings erwägen einige Vermögensverwalter den Umstieg auf Kollektivanlagen und nutzen die Bewilligungspflicht, um den Sprung zu wagen.

Christian Wolf besitzt einen Hochschulabschluss (Maîtrise) in Wirtschaftswissenschaften, Schwerpunkt Wirtschaft und Betriebswirtschaft der Universität Pierre Mendès in Grenoble und ein Certificate of Advanced Studies (CAS) in Compliance-Management der Universität Genf. Er begann seine berufliche Laufbahn im Bankensektor im Jahr 1999. Bei mehreren Finanzinstituten und Wertpapierhäusern war er als Risikomanager und Compliance Officer tätig. Neben seinem Einsatz für Claritis ist Christian Wolf Leiter des Bereichs Risk & Compliance bei AtonRâ Partners in Genf und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Dynamic Asset Management Company, Luxemburg.

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