Vierte Industrielle Revolution: Es geht los

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Von Grégoire Haenni, CPEG, Jérôme Spichiger, CPEG und Tim Radjy, AlphaMundi

Um bei dem Megatrend «Vierte Industrielle Revolution» mitzumachen, will Staatliche Genfer Pensionskasse (CPEG) nun bevorzugt in Grossprojekte investieren, in die sowohl öffentliche als auch private Finanzströme fliessen. Die CPEG hat sich daher zusammen mit AlphaMundi an den Europäischen Investitionsfonds gewandt, um eigenständige Programme aufzulegen, deren Grundsätze von Grégoire Haenni, Jérôme Spichiger und Tim Radjy, hier erläutert werden.

Für eine industrielle Revolution müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein: eine neue Energiequelle und ein technologischer Durchbruch. Ein Beispiel dafür sind die Kohle und die Erfindung der Dampfmaschine am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Schlüsselfragen lauten nun: Stehen wir jetzt, zweieinhalb Jahrhunderte später, am Anfang der vierten Industriellen Revolution? Und wenn ja, welche Chancen ergeben sich daraus?

Die Klimakonferenz COP 26 hat im November des vergangenen Jahres erneut deutlich gemacht, welch grosse Herausforderung der Klimawandel ist und wie dringend gehandelt werden muss. Die Herausforderungen in politischer, wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Hinsicht sind zahlreich.

Der ökologische Wandel beinhaltet zwar Risiken, birgt aber auch Chancen für Unternehmen, ganze Wirtschaftsräume und Anleger. Gemäss den Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) würde eine Energiewende unter Einhaltung der Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens Investitionen in Höhe von ungefähr 3’000 Milliarden Dollar pro Jahr erforderlich machen.

Das bedeutet, dass der Übergang zu einer weniger kohlenstoffintensiven Wirtschaft erhebliche Summen an privatem und öffentlichem Kapital erfordert.
Impact Investing (wirkungsorientiertes Investieren) ist eine der vier Forderungen der Europäischen Union an institutionelle Anleger. Öffentlich-private Partnerschaften haben den Vorteil, dass sie die Finanzierung von grossangelegten Projekten ermöglichen, eine konkrete, messbare ökologische und soziale Wirkung gewährleisten und von bestimmten Garantien profitieren. Ausserdem sind diese Partnerschaften in Europa so aufgebaut, dass sie die EU-Taxonomie einhalten.

Impact Investing in Europa
Die Investitionen werden in Unternehmen, Organisationen, Projekte und Fonds mit dem Ziel getätigt, neben einer finanziellen Rendite auch eine positive und messbare soziale und/oder Umweltauswirkung zu generieren. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir genügend Gewissheit, dass diese Ziele auf einmal zu erreichen sind.

Europa war ein Pionier bei der Bekämpfung des Klimawandels. Der 2020 in Kraft getretene Europäische «Green Deal» soll beispielsweise die Europäische Union in einen modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaftsraum verwandeln.

Die EU hat einen Investitionsplan mit einem Umfang von mindestens 1’000 Milliarden Euro an Investitionen ausgearbeitet.
2023 werden die Mitgliedstaaten ihre Klimapläne aktualisieren, um das EU-Klimaziel für 2030 einzuhalten. Die prioritären Bereiche sind folgende:

  1. Vorrang für Energieeffizienz
  2. Entwicklung eines Energiesektors, der überwiegend erneuerbare Ressourcen nutzt
  3. Gewährleistung einer bezahlbaren Energieversorgung in der EU
  4. Verwirklichung eines europäischen Energiemarkts, der vollkommen integriert, vernetzt und digitalisiert ist

Das erwartete Wachstum im Bereich der kohlenstoffarmen Energieträger und Technologien ist beträchtlich. Gelegenheiten für Anleger bestehen in den folgenden Tätigkeitsbereichen:

  • Grüne oder erneuerbare Energien: Solarenergie, Windkraft oder Wasserkraft; Biomasse, Geothermie
  • Energieeffizienz
  • Energiespeicherung
  • Infrastrukturen und Technologien, die gegenüber Klimaänderungen resistent sind

Damit die vierte Industrielle Revolution Wirklichkeit wird, ist es aus unserer Sicht notwendig, die öffentlichen und privaten Finanzströme in diese grossangelegten Projekte zusammenzuführen, und dies vor allem dann, wenn sie mit weniger Mitteln ausgestattet sind.

Das Impact Investing Project
Für institutionelle Anleger gelten zahlreiche Anlagebeschränkungen. Sie müssen sich beispielsweise zum einen in Bezug auf Projekte und Regionen diversifizieren, ein attraktives Performanceziel verfolgen, eine Anlagelösung im Einklang mit der EU-Taxonomie anbieten oder konkrete und messbare ökologische und soziale Auswirkungen erzielen. Zum anderen sind sie mit der Managerauswahl konfrontiert. Hier geht es darum, diejenige Gesellschaften zu finden, die sowohl ein hohes verwaltetes Vermögen als auch nachgewiesenes langjähriges Fachwissen oder übereinstimmende Interessen in Bezug auf das Verhältnis von Kosten und Performance aufweisen.

Die Zusammenarbeit mit dem Europäischen Investitionsfonds war für uns eine echte Chance, denn dieser Manager erfüllte die meisten dieser Kriterien. Der EIF, der 1994 in Luxemburg gegründet wurde, ist Teil der Europäischen Investitionsbank. Dieser Fonds ist für sein Finanzresearch, seine Auswahl von Impact-Projekten in Europa, seine Portfolioverwaltung und seine Fähigkeit zur Generierung attraktiver Renditen bei gleichzeitig positiven Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft bekannt. Beispielsweise konnten bisher über eine Million KMU dank der Finanzinstrumente des EIF einfacher auf Finanzierungen zugreifen.

Die CPEG und AlphaMundi beabsichtigen, eine öffentlich-private Partnerschaft mit dem EIF zu gründen und ein Impact-Investing-Programm aufzulegen. Wir hoffen, dass wir ein Anlagemodell schaffen, das replizierbar und erweiterbar ist. Es wird ganz klar ein Skaleneffekt angestrebt, um den Wandel, die tiefgreifende Dekarbonisierung der Wirtschaft und die Finanzierung von Projekten etwa im Bereich der Natur, die nur wenig Kapital anziehen, zu beschleunigen.

Dies wäre eine der allerersten öffentlich-privaten Partnerschaften dieser Art für Impact-Investitionen.

Dieses Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass es ein spezifisches Anlagevehikel und einen für die Auswahl der Anlagen zuständigen Beratungsausschuss aus Anlegern umfasst, der Gelegenheiten ausnutzen soll und gleichzeitig ein Widerspruchsrecht besitzt. Ausserdem kann der Beratungsausschuss selektive Co-Investments genehmigen, die zwar nicht zum Anlageuniversum des EIF gehören, im Hinblick auf das Performancepotenzial aber am attraktivsten sind.

Das Investitionsprogramm hält die Ziele der nachhaltigen Entwicklung ein. Seine Wirkung wird in quantitativer und qualitativer Hinsicht an den von den Investoren gesetzten Zielen gemessen. Ausserdem bemisst sich der Erfolg des Programm an der Zahl der beteiligten Pensionsfonds und deren Anlagevolumen.

Die Verwaltungskosten richten sich ferner danach, inwieweit die Impact-Ziele erreicht werden.

Die Pariser Klimaziele werden ohne die wesentliche Beteiligung der Industrieländer unerreichbar bleiben. Wir halten die öffentlichen und privaten Finanzströme in grossangelegte Projekte, die eine konkrete Umweltauswirkung haben können, für eine ernsthaft zu erwägende Option; zudem dürfte die Zusammenarbeit mit dem EIF eine Lösung sein, die für institutionelle Anleger ausgesprochen gut geeignet ist.

Allerdings ist dies nur ein erster Schritt. Der Erfolg wird sich am Anlagevolumen messen lassen, das sich entweder dadurch ergibt, dass weitere Fonds in dieses Projekt einbezogen werden oder dass dieses öffentlich-private Partnerschaftsmodell mit anderen Akteuren wiederholt wird.

Das Projekt ist insofern ambitiös, weil es eines der allerersten ist, das die schweizerischen institutionellen Anleger in eine europäische Impact-orientierte öffentlich-private Partnerschaft einbinden will. In jedem Fall werden wir aus dieser Initiative konstruktive und positive Schlüsse ziehen.

Die Industrie 4.0 könnte eine neue Ära einläuten, in der die neuen Technologien im Dienst der Umwelt und der Gesellschaft stehen. Man muss nur jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen.

Grégoire Haenni hat an der Fakultät für Ökonometrie der Genfer Universität in mathematischer Statistik promoviert und ist seit 2014 CIO der Pensionskasse des Staates Genf (CPEG). Zuvor war er Investmentdirektor des Pensionsfonds des CERN und hatte davor die Abteilung für Investmentresearch der Banque de Chine (Suisse) Fund Management geleitet. Vor dieser Leitungsfunktion hatte er Bedrock Alternative Asset Management gegründet, wo er für das Research und das Portfoliomanagement zuständig war. Von 2001 bis 2007 war Grégoire Haenni Analyst und Fondsmanager in der Abteilung „Alternative Investments“ bei Pictet & Cie. Er begann seine berufliche Laufbahn 1997 als Finanzanalyst und Portfolio-Manager bei Merchiston Management.

Jérôme Spichiger ist Finanzspezialist und Berater des CIO der Pensionskasse des Staates Genf (CPEG). Er befasst sich hauptsächlich mit Fragen der Asset-Allokation einschliesslich Research und Analysen von Themenanlagen der Pensionskasse. Ausserdem beaufsichtigt er die strategische Umsetzung der Allokationen unter Berücksichtigung ihrer Limits für Risiken und operative Margen. Ferner wirkt er aktiv an den Engagementaktivitäten der Pensionskasse und ihren Impact-Investing-Projekten mit. Bevor er 2013 zur CPEG kam, fungierte Jérôme als Manager des institutionellen Portfolios und Relationship Manager bei Synchrony Asset Management, der BCGE und der Credit Suisse.

Tim Radjy ist Gründer der Genfer AlphaMundi-Gruppe, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 2007 ausschliesslich auf das Impact-Financing konzentriert. AlphaMundi hat über 50 Unternehmen aus Bereichen wie der finanziellen Eingliederung, nachhaltigen Lebensmitteln und erneuerbaren Energien in Afrika und Lateinamerika in Höhe von über 100 Millionen Dollar finanziert. Zuvor war Tim für die UBS tätig, wo er zu den Gründungsmitgliedern der UBS Philanthropy Services gehörte. Ferner unterstützte er den WWF International als Berater bei der Kapitalbeschaffung und analysierte während seines schweizerischen Zivildienstes das Mikrokredit-Programm der DEZA in Bolivien. Tim verfügt über einen Abschluss (Licence) in Politik-wissenschaften der Universität Genf und ein Privatbank-Diplom der UBS.

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