Vietnam im Aufwind

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Von Gianluca Castrilli und Hugues de La Rochefoucauld, Trillium

Trotz der Schwierigkeiten der Schwellenländer in den letzten zwölf Monaten hellen sich die Perspektiven nunmehr wieder auf, so dass neue Anlagechancen entstehen. Dies gilt auch für Vietnam, das aufgrund seines Potenzials inzwischen besondere Aufmerksamkeit verdient.

Angesichts der jüngsten Entwicklungen kann man sich zu Recht fragen, mit welchen Argumenten sich eine Allokation auf Schwellenländeraktien rechtfertigen lässt. In puncto Performance weisen die Schwellenländer in den letzten zwölf Monaten einen deutlichen Rückstand auf die restliche Welt auf. Diese Abstand von fast 15% zwischen Schwellenmärkten (MSCI Emerging Markets) und den internationalen Märkten (MSCI World) hat mehrere Gründe: Die Wachstumsverlangsamung in China, die wenig transparente Geldpolitik in den USA, die noch immer allgegenwärtige Covid-Pandemie und der Krieg in der Ukraine, der die Spannungen potenziert.

Versucht man, etwas weiter in die Zukunft zu schauen, erkennt man de facto vielversprechende Chancen. Drei Hauptfaktoren untermauern diese Einschätzung:

Erstens scheint das Wachstumsgefälle zwischen Schwellenländern und Industriestaaten insgesamt seinen tiefsten Stand seit der Finanzkrise erreicht zu haben. Jüngsten Prognosen des IWF zufolge ist eine baldige Erholung zugunsten der Schwellenländer zu erwarten. In der Vergangenheit korrelierte dieses Wachstumsgefälle stets mit dem Performanceabstand zwischen den beiden Zonen. Extrapoliert und überträgt man die prognostizierten Wachstumsraten auf die relative Performance, kann man von einer Überperformance der Schwellenländer gegenüber den Industrieländern in den kommenden Monaten ausgehen.

Der zweite Faktor betrifft die sehr attraktiven Bewertungsniveaus der Schwellenländerunternehmen, die mit einem Abschlag von über 30% auf die restliche Welt gehandelt werden. Die Schwellenländer bieten daher attraktive Kaufmöglichkeiten, vor allem, wenn man das im Vergleich zu den Industriestaaten höhere Wachstumspotenzial dieser Regionen berücksichtigt.

Der dritte und letzte Faktor unseres Szenarios betrifft die Inflation und die gestiegenen Rohstoffpreise. Viele Schwellenländer exportieren Rohstoffe – der Preisanstieg dürfte eine Verbesserung der Gewinnmargen der Unternehmen in dieser Anlagezone ermöglichen und damit dem Wachstum dieser Volkswirtschaften Schub verleihen.

Da die Schwellenländer ein sehr heterogenes Anlageuniversum bilden, müssen Investoren bestimmte Fallstricke und Fehler vermeiden, denn noch ist der Himmel nicht über allen Ländern wolkenfrei. Abgesehen von den bereits erwähnten Elementen ist Selektivität und Disziplin oberstes Gebot. Die fundamentalen, wirtschaftlichen, sozialen und auch ökologischen Diskrepanzen zwischen den Volkswirtschaften der Schwellenländer sind derart gross, dass Anleger sich hüten sollten, die Schwellenländer unterschiedslos als eine homogene Anlagezone zu betrachten.

Eine Taktik zur Vermeidung dieser Falle ist die geografische Allokation, für die zunächst alle Schwellenländerregionen und dann die dazugehörigen Länder einer fundamentalen und technischen Analyse unterzogen werden. Diese Länder bilden den ersten Performancevektor eines Schwellenländerportfolios. Der zweite Renditetreiber ist die Auswahl der Finanzinstrumente für jede Portfoliokomponente, jedes Land, jede Region oder sogar für jedes schwellenländerspezifische Anlagethema.

Die Anlagezone der Schwellenländer befindet sich in einem ständigen Wandel, so dass Anleger ihre Allokationen anpassen müssen, um keine Chancen in dieser Region zu verpassen. Unser Szenario geht von einer Unterperformance der Zone ‚Nordasien (ohne Japan)‘ gegenüber den restlichen asiatischen Ländern aus, insbesondere gegenüber China, das mit fast 30% im Index gewichtet ist. Die chinesische Wirtschaft befindet sich im Umbruch und ist auf der Suche nach neuen Wachstumsmotoren wie Technologie und E-Commerce – zulasten der historischen Branchen. Obwohl dieser Umbau zweifellos der richtige Weg ist, wird er das Wachstum und die Performance vorübergehend belasten.

Aufgrund der derzeitigen Rahmenbedingungen können die Karten in Asien neu gemischt werden, so dass andere Länder in Südostasien in den Fokus rücken. Dies trifft vor allem auf Indonesien, die Philippinen und auch auf Vietnam zu. Diese Länder verschieben die Kräfteverhältnisse entlang der Lieferketten, im Welthandel und im Tourismus, der sich allmählich erholen dürfte. Vietnam bietet trotz momentaner Volatilität einige Chancen, die genutzt werden sollten. Das Land gilt noch immer als Frontier-Market und nicht als Schwellenland, doch es zählt aus mehreren Gründen zu unseren Favoriten.

Zunächst zeichnet sich Vietnam durch solide Fundamentaldaten aus: eine junge Bevölkerung, ein kräftiger Binnenkonsum, eine Inflationsrate und eine Arbeitslosenquote unter 3%, bedeutende Rohstoffvorkommen und ein Wirtschaftswachstum, das für das laufende Jahr auf fast 7% geschätzt wird und damit über demjenigen zahlreicher anderer Schwellenländer liegt.

Des Weiteren dürfte das Land aufgrund seiner Nähe zu China auch weiterhin zu den grossen Gewinnern der neuen Dynamik des Welthandels gehören. Vietnam hat sich in gerade einmal zwei Jahren zu einem der wichtigsten Exportländer Südostasiens entwickelt und weitet seine Beziehungen zu anderen Industrieländern weiter aus.

Wir sind daher der Ansicht, dass Vietnam bereits die meisten Kriterien für die Aufnahme in einen Schwellenländerindex erfüllt. Aufgrund der Struktur seiner Börse, vor allem in Bezug auf die Marktkapitalisierung der Unternehmen und der Handelsvolumina, liegt Vietnam vor bestimmten Schwellenländern. Seine Aufnahme in den MSCI Emerging Markets-Index würde sich positiv auf die Kapitalflüsse, hauptsächlich aus dem Ausland, auswirken.

Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass eine Allokation auf die Schwellenmärkte sinnvoll und notwendig ist, da sie ein attraktives Risiko-Rendite-Profil aufweisen sowie eine Diversifikation im Vergleich zu den Industriestaaten und den Zugang zu dynamischen, wachstumsstarken Ländern ermöglichen. Gleichzeitig ist natürlich zu beachten, dass diese Allokation gezielt und dynamisch gesteuert werden muss, um effizient zu sein.

Gianluca Castrilli ist Fondsmanager bei Trillium, einem Verwalter von Kollektivermögen seit über zehn Jahren. Er zeichnet für die Verwaltung des Fonds Manavest Emerging Markets Equity verantwortlich. Gianluca Castrilli entwickelte seine Expertise für die Fondsanalyse zunächst bei der Banque Syz, wo er für die Auswahl der Fondsmanager zuständig war und die Delegierung der Verwaltung für mehrere Fonds des Oyster-Spektrums kontrollierte. In der Folge wechselte er zu Citadel Finance, wo er als Chief of Investments, Fondsanalyst und Anlageberater tätig war. Darüber hinaus war er für die Umsetzung der Asset-Allokation verantwortlich. Gianluca Castrilli ist CFA-Charterholder und besitzt einen Master-Abschluss in Finanzwesen der Universität Genf.

Hugues de La Rochefoucauld ist Head of Business Development beim Vermögensverwalter Trillium, wo er für den Vertrieb der Manavest-Fondspalette verantwortlich zeichnet. Im Zuge seiner Karriere im Asset- und Wealth-Management hat sich La Rochefoucauld auf den Vertrieb von Investmentfonds an institutionelle und qualifizierte Kunden in der Schweiz und Europa konzentriert und sich dabei auf Long only- und alternative Strategien spezialisiert. Vor seinem Wechsel zu Trillium war er 10 Jahre lang für den Fondsvertrieb bei Bridge Partners zuständig. Hugues de La Rochefoucauld ist Absolvent der EBS in Paris, besitzt einen MBA-Abschluss in Finanzwissenschaften der New York University – Stern School of Business und einen Master in Angewandter Mathematik der Columbia University.

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