„Eindeutige Fortschritte beim Klimaschutz“

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Interview mit Vincent Kaufmann, Ethos Stiftung
Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

Während die politischen Instanzen in den letzten Jahren viel Nachholbedarf angehäuft haben, sind Unternehmen und ihre Investoren in die Offensive gegangen, auch in der Schweiz. Über die wichtigsten Fortschritte berichtet Vincent Kaufmann für Ethos.

Welche wesentlichen Fortschritte wurden in den letzten fünf Jahren, also seit der UN-Klimakonferenz in Paris (COP21), bei der Bekämpfung der Klimaerwärmung und in Bezug auf nachhaltige Entwicklung erzielt?
Vincent Kaufmann: In diesem Zeitraum ist es zu massgeblichen Veränderungen sowohl auf Unternehmensebene als auch bei den Investoren gekommen. Beide sind im Übrigen untrennbar miteinander verbunden, da die Investoren als Aktionäre Druck auf die Unternehmen ausüben. An der Unternehmensfront gibt es immer mehr Akteure, die sich die Neutralisierung ihrer CO2-Emissionen bis 2050 vorgenommen haben und transparent darüber berichten, zum Beispiel im Hinblick auf die Empfehlungen der „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“. Gefragt ist mehr Transparenz bezüglich Klimarisiken – dies gilt sowohl für Unternehmen als auch für Investoren.
Aus Sicht der Investoren herrscht mittlerweile ein Konsens: Die Klimaerwärmung bringt grosse Risiken für ihre Investments mit sich. Vor allem für die Pensionskassen, die sich sehr langfristig positionieren, und für die künftigen Generationen. Hier hat sich wirklich sehr viel getan. Nehmen wir beispielsweise die Initiative „Climate Action 100+“ ein Zusammenschluss von über 500 institutionellen Investoren, die zusammen ein Vermögensvolumen von mehr als 50 Billionen verwalten. Dies entspricht der Hälfte der weltweiten Börsenkapitalisierung. Die Vertreter dieser Initiative fordern jetzt, dass die Unternehmen konkrete Massnahmen zur Bekämpfung der Klimaerwärmung ergreifen. Dies ist derzeit ihre Top-Priorität, was frustrierend erscheinen mag, da andere wichtige Risiken wie Biodiversität oder auch soziale Herausforderungen dagegen bisweilen in den Hintergrund treten.

Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie sich Unternehmen diesen Herausforderungen stellen? Welche Zahlen vermitteln ein Bild über die bisherigen Fortschritte?
Unsere Richtschnur ist die „Science Based Targets“-Initiative. Sie bestätigt, ob die Ziele für die Reduzierung der CO2-Emissionen der Unternehmen auch im Einklang mit der der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius stehen. Derzeit haben sich 393 grosse börsennotierte Unternehmen zu diesen Zielen verpflichtet. Ihre gesamte Börsenkapitalisierung beträgt mehr als 15 Billionen US-Dollar. Auch Nestlé und LafargeHolcim gehören dazu.
Da in der Schweiz derzeit noch immer keine einschlägigen gesetzlichen Auflagen gelten, veröffentlichen lediglich die Hälfte der 100 grössten Unternehmen im SPI-Index einen Nachhaltigkeitsbericht.

Sie haben die „Climate Action 100+“ Initiative erwähnt. Wie sieht Ihre Beteiligung aus?
Von den 545 institutionellen Investoren, die der Initiative angehören, vertreten wir die 64 Mitglieder des Ethos Engagement Pool International. Sie sind alle in der Schweiz ansässig und verwalten einen Vermögensbestand von rund 200 Milliarden Franken. Dies verleiht uns auf internationaler Ebene ein gewisses Gewicht. Ethos ist für die Engagement-Aktivitäten bei drei Unternehmen verantwortlich, „die von der Initiative anvisiert werden.“ Es handelt sich hierbei um LafargeHolcim, Nestlé und ThyssenKrupp.

Welche Trends des Aktionärsaktivismus sind Ihrer Meinung nach besonders interessant?
Was uns betrifft, ist mir der Begriff „aktives Aktionariat“ lieber. In Bezug auf die Trends sind die Vergütungsaspekte wichtig. Noch vor über zehn Jahren hatten Aktionäre nicht einmal das Recht, über diesen Punkt abzustimmen. Mittlerweile wird den „Verwaltungsräten“ auf etwa 15% der „Generalversammlungen“ die „Zustimmung“ für die Vergütungsberichte verweigert. Auf diese Weise konnten einige Exzesse verhindert werden. Zeiten, als Daniel Vassella bei Novartis ein Jahresgehalt von insgesamt 40 Millionen Franken und eine Abfindung von 72 Millionen bei Vertragsende einstrich, sind definitiv vorbei. Der CEO mit der höchsten Vergütung im SMI dürfte derzeit wohl Severin Schwann bei Roche mit einem Jahresgehalt von 15 Millionen Franken sein.
Das „Say on pay“ war in den letzten Jahren somit ein wichtiges Thema. Mittlerweile etabliert sich das „Say on climate“ als unumgängliches Thema. Obwohl die Unternehmen Verpflichtungen für den Klimaschutz bis 2050 übernommen haben, wollen ihre Aktionäre imstande sein, die ergriffenen Massnahmen zu checken und die erreichten Fortschritte jedes Jahr zu überprüfen. Die Investoren stehen ihrerseits ebenfalls unter Druck. Sie erwarten daher, dass die Verwaltungsräte der Unternehmen, an denen sie als Aktionäre beteiligt sind, Rechenschaft bezüglich Klimastrategie ablegen. Das ist bezeichnend und eine neue Facette des Engagements der Aktionäre.

Wie viele Unternehmen überwachen Sie in der Schweiz?
Ausnahmslos alle Unternehmen im SPI-Index. Unser achtköpfiges Analystenteam für Schweizer Aktien analysiert die „Generalversammlungen“, die ESG-Berichte und steht in Verbindung mit den Unternehmen.

Und in Europa?
Auf europäischer Ebene haben wir fast 500 Unternehmen auf unserem Radar. Dazu gehören die im MSCI Europe-Index geführten Unternehmen einerseits und andererseits auch etwa hundert europäische Small- und Mid Caps, da wir zusammen mit dem französischen Fondsmanager Clartan einen ESG-Fonds aufgelegt haben. Wir beschäftigen für europäische Unternehmen drei interne Analysten; das Primär-Research für ESG Analysen ausserhalb der Schweiz wurde jedoch ausgelagert.

Welche Schweizer Unternehmen sind die Musterschüler nach Ihren ESG-Ratings?
Im Hinblick auf Finanzkraft und ESG-Themen gibt es in der Schweiz sehr vorbildliche Unternehmen. Gute Beispiele sind vor allem Gerberit und ABB, die sich sowohl durch den positiven Impact ihrer Produkte als auch durch ihre guten ESG-Ratings auszeichnen. Nestlé ist zwar häufig von Kontroversen in Bezug auf bestimmte Nachhaltigkeitsaspekte betroffen, aber ich möchte ausdrücklich betonen, dass wir hier eines der ersten Unternehmen weltweit haben, das im Bereich Klima eine „Netto-Null“-Strategie mit geplanten Massnahmen und beschlossenen Investitionen veröffentlicht hat.

Und die Sorgenkinder?
Da muss ich leider Swatch nennen. Die Veröffentlichung von Informationen und Indikatoren über soziale und ökologische Aspekte sollte für ein Unternehmen dieser Grösse keine Frage, sondern ein Muss sein. Ausserdem ist der Verwaltungsrat diesbezüglich offenbar wenig kooperativ.

Welches Unternehmen hat die meisten Fortschritte erreicht und würde von US-Sportlern als „most improved player“ bezeichnet?
LafargeHolcim hat seit der Fusion 2015 beachtliche Fortschritte erzielt. Der neue Präsident Beat Hess und der neue CEO Jan Jenisch haben eine Stabilisierung der Unternehmensstruktur und eine deutliche Stärkung der Unternehmensführung bewirkt. Dies ist unter anderem auch der Ernennung unabhängiger Verwaltungsratsmitglieder, der Verbesserung der Diversität und der Berufung in den Verwaltungsrat von Personen mit einschlägigen Kompetenzen im Bereich nachhaltiges Bauwesen wie Philippe Block zu verdanken. Obwohl LafargeHolcim aufgrund seiner Aktivität von Kontroversen betroffen ist, ergreift das Unternehmen sehr konkrete Massnahmen, um bis 2050 ebenfalls CO2-neutral zu werden. Dabei ist der Konzern derzeit noch einer der grössten CO2-Emittenten der „Die Verpflichtung zur CO2-Neutralität ist ein lobenswerte…“ Vor kurzem hat LafargeHolcim die Firestone-Building-Products, eine auf nachhaltige Baustoffe spezialisierte Tochtergesellschaft von Bridgestone, übernommen. Wir begrüssen diesen Schritt, denn Nachhaltigkeit bedeutet zwangsläufig eine Kombination von ESG- und Finanzaspekten.

Wo sehen Sie Ethos in fünf Jahren?
Wir möchten auch in Zukunft wichtigster Ansprechpartner für Pensionskassen in Bezug auf nachhaltige Anlagen und aktives aktives Aktionariat in der Schweiz sein. Das ist unsere Kernaktivität. Da wir grossmehrheitlich im Besitz einer Stiftung sind, streben wir kein grenzenloses Wachstum an. Wir wollen auch weiterhin fundierte, unabhängige und somit objektive Stellungnahmen abgeben – das ist unsere Priorität.
Und wir möchten unser verwaltetes Vermögen steigern. Aus diesem Grund haben wir die Partnerschaft mit der BCV geschlossen. Langfristig nehmen wir auch neue Kundensegmente ins Visier, wie beispielsweise die unabhängigen Vermögensverwalter, die ein wachsendes Interesse für Nachhaltigkeit zeigen. 2015 lag unser Umsatz bei rund 5 Millionen Franken. Mittlerweile erzielen wir 8 Millionen Franken – eine Dynamik, die anhalten dürfte, denn die Nachfrage im Bereich Sustainable Finance boomt.

Wie würden Sie die Partnerschaft mit der Banque Cantonale Vaudoise charakterisieren?
Sieben unserer neun Fonds wurden bisher von Pictet betreut und verwaltet. Wir werden diese Fonds auf die BCV übertragen, denn wir wollen sie einem breiteren Kundenkreis zugänglich machen, zu dem auch unabhängige Vermögensverwalter und Privatanleger gehören. Die BCV hat ein starkes Interesse am Ausbau ihres ESG-Angebot in Partnerschaft mit Ethos gezeigt. Wir verfügen bereits über eine sehr positive Erfahrung mit Vontobel, der unseren Flaggschiff-Fonds für Schweizer Small- und Mid Caps verwaltet. Dieser Fonds umfasst inzwischen ein Vermögen von über einer Milliarde und richtet sich ebenfalls an alle Anlegerkategorien. Diesen Erfolg würden wir mit der BCV auch gerne für unsere anderen Fonds wiederholen.
Die Idee ist sehr einfach: Wir streben eine Kombination des Know-how der BCV im Asset Management und der Kompetenzen von Ethos im Bereich Nachhaltigkeit an, um ein gemeinsames Angebot zu entwickeln. Gemeinsam wollen wir dann die Auflegung neuer Produkte angehen.

Wie schätzen Sie die Aussichten für ESG-Investments angesichts des Green Deals in Europa und des Biden-Plans in den USA ein?
Auf Unternehmen, die noch keine einschlägigen Vorkehrungen getroffen haben, kommen zunehmende Rechtsrisiken zu. Exxon ist hierfür das beste Beispiel. Das Unternehmen hat sich zwar Ziele für die CO2-Reduzierung bei der Bohraktivität gesetzt, nicht aber bezüglich der Nutzung der geförderten fossilen Energie. Vor Kurzem hat ein Aktivist die Absetzung von vier Mitgliedern des Verwaltungsrats und die Ernennung von vier Mitglieder verlangt, die sich stärker für die Energiewende einsetzen. Dies ist der erste Proxy Fight in Sachen Nachhaltigkeit in den USA! Früher stritten die Aktionäre um die Margen, heute für das Klima!

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