Vincent Pignon, WeCan „Die Blockchain wird den Alltag der Vermögensverwalter erleichtern“

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Interview mit Vincent Pignon, WeCan Group
Von Jérôme Sicard – Photos Karine Bauzin

Die Plattform Wecan Comply soll den Datenaustausch zwischen unabhängigen Vermögensverwaltern und Depotbanken erleichtern. Durch sie können unabhängige Vermögensverwalter nicht nur ihre Complianceprozesse in Zusammenarbeit mit ihren Depotbanken stark vereinfachen, sondern auch die Qualität der Compliancedaten für die Banken verbessern und den Zeitaufwand für die Erhebung dieser Daten reduzieren.Damit lässt sich erahnen, wie die neue Generation der digitalen Tools aussehen wird, die in Zukunft von den Vermögensverwaltern eingesetzt werden.

Wie können unabhängige Vermögens-verwalter in Zukunft die Möglichkeiten der Blockchain nutzen?
Vincent Pignon: Die Blockchain stellt den Übergang zu einer Welt dar, in der die Digitalisierung auf die Spitze getrieben wird. Mit der Zeit werden die Vermögensverwalter sie innerhalb der Wertschöpfungskette auf mehreren Ebenen einsetzen, vom Onboarding über das Reporting bis hin zum Datenaustausch mit den Depotbanken. Die Blockchain wird es unabhängigen Vermögensverwaltern erlauben, Arbeitsabläufe einzuführen, die weitaus zuverlässiger, flüssiger und sicherer sind, und dies sowohl im Back-Office als auch im Front-Office.
Eine Grundfunktion besteht darin, dass sie sich mit Kunden wie mit Zulieferern einfacher verbinden und austauschen können. Es werden viel weniger manuelle Tätigkeiten erforderlich sein, denn die Blockchain macht es möglich, die Datenverwaltung, die wegen ihrer Komplexität zu einem Engpass geworden ist, zu digitalisieren und zu vereinfachen. Die Blockchain wird für sie eine erhebliche Entlastung darstellen.
Darüber hinaus ist dieses Projekt eine der ersten Blockchain-Anwendungen in der stark wandelnden Vermögensverwaltung, die nichts mit Kryptowährungen zu tun hat, sondern vielmehr diese Branche vorantreibt.

Auf welche Funktionen innerhalb der Wertschöpfungskette konzentrieren Sie sich heute mit Wecan?
Am Anfang dachten wir, wir müssten beim Front-Office ansetzen, um uns mit dem Onboarding und dem Datenaustausch zwischen Vermögensverwaltern und Kunden zu beschäftigen. Allerdings ist schnell klar geworden, dass wir zuerst den Datenfluss zwischen den Vermögensverwaltern und den Depotbanken verbessern müssen, denn hier ist der Datenaustausch umso komplexer, weil die eine und die andere Seite mit grundverschiedenen Systemen arbeiten. Wir haben daher beschlossen, mit dem Baustein «Wecan Comply» zu beginnen.

Der worin genau besteht?
Dabei handelt es sich im Grunde um eine Plattform, die den Datenfluss zwischen den unabhängigen Vermögensverwaltern und ihren Depotbanken stark vereinfachen wird. Dank unserem System müssen Vermögensverwalter den Complianceprozess nicht mit jeder ihrer Banken wiederholen. Stattdessen können sie entscheiden, mit allen Banken einen „standardisierten Datensatz“ zu verwenden. Banken wiederum haben es nicht mehr nötig bei jedem Vermögensverwalter, mit dem sie zusammenarbeiten, Datenaktualisierungen anzufordern, denn die Daten gehen ihnen automatisch zu und sie haben immer Zugriff auf die neueste Version der Daten ihrer Vermögensverwalter.
Im Moment sind wir noch nicht so weit, aber wir werden die Wecan Comply-Plattform schon sehr bald mit amtlichen Registern verbinden, zum Beispiel dem Handels- und dem Steuerregister, dem Betreibungsamt, dem Grundbuch oder dem Standesamt. Wenn es soweit ist, kann der Vermögensverwalter für seine Depotbanken einen direkten Zugang auf alle möglichen amtlichen Dokumente einrichten und muss sich nicht mehr um die Beschaffung und Bearbeitung dieser Dokumente kümmern. Wenn diese Schritte wegfallen, spart er enorm viel Zeit und mindert nebenbei noch das Betrugsrisiko.

Was war für Sie die schwierigste Phase in der Entwicklung von Wecan Comply?
Damit all diese Dokumente und Daten gemeinsam genutzt werden können, mussten zuerst bestimmte Standards formuliert werden, die von den Vermögensverwaltern wie von den Banken akzeptiert werden. Die Definition dieser Standards hat zwar zwölf Monate gedauert und war mit viel Arbeit verbunden, aber schlussendlich wurden sie von den Banken angenommen. Alle, die sich demnächst auf der Plattform Wecan Comply anmelden, verwenden die gleichen Standards, ganz egal, mit welchem System sie arbeiten.Diese Standards waren wirklich ein wesentlicher Punkt.

Wie weit sind Sie eigentlich bei den Nutzerzahlen? Wie viele Banken und Vermögensverwalter machen schon auf der Plattform mit?
Bis Ende dieses Jahres werden rund zehn Banken und rund fünfzig Vermögensverwalter dabei sein, aber wir verzeichnen ein steigendes Interesse seitens der Akteure und jede Woche neue Anfragen. Wir könnten also Opfer unseres eigenen Erfolges werden, denn die Zahlen scheinen deutlich zu steigen!
Wir haben bereits eine Reihe von wichtigen Akteuren unter Vertrag, darunter Schweizer Marktführer wie die Banken Pictet, Edmond de Rothschild oder Hyposwiss. Was die unabhängigen Vermögensverwalter anbelangt, bestehen unter anderem Verträge mit der Allianz Schweizer Vermögensverwalter, Capitalium, Stanhope Capital und GMG. In diesem Jahr werden aber noch weitere wichtige Akteure hinzukommen.

Haben Sie eine Vorstellung davon, welche Summen die Vermögens-verwalter einsparen können, wenn sie an der Plattform teilnehmen?
Das lässt sich nur schwer beziffern, weil alles von der Grösse der Struktur, den Systemen, die sie einsetzt, und der Zahl der Depotbanken, mit denen sie zusammenarbeitet, abhängt. Eines ist aber sicher: Wir werden ihnen dabei helfen, viel Geld und vor alle viel Zeit zu sparen. Die Dokumente müssen nicht mehr nach jeder Aktualisierung bearbeitet werden. Alles läuft automatisch ab.
Dies wird im Übrigen auch die Aufgabe der Wirtschaftsprüfer erleichtern, deren Prüfungstätigkeit bekanntermassen aufmerksamer und strenger werden soll. Mit einem Wecan- Comply-Zugang laufen die Prüfungen praktisch automatisiert ab.

Was kostet die Teilnahme an Wecan Comply?
Wir werden eine Jahreslizenz anbieten. Die Kosten betragen für unabhängige Vermögensverwalter in den meisten Fällen zwischen 1’000 und 6’000 Franken. Für eine Depotbank richten sich die Kosten nach der Zahl der Vermögensverwalter, mit denen sie zusammenarbeitet.

Um auf Wecan zurückzukommen: Warum haben Sie sich entschlossen, auf die Blockchain-Technologie zu setzen?
Ein wichtiger Grund war meine akademische Laufbahn. Ich habe bereits als Doktorand im Finanzsektor gearbeitet. Danach war ich in den USA und später in Europa unternehmerisch tätig, bevor ich Dozent an der Genfer Verwaltungshochschule HEG wurde, wo ich mich gleichzeitig der Forschung widmete. Im Rahmen dieser Tätigkeiten wurde mir das Potenzial bewusst, das Blockchain-Anwendungen für bestimmte Sektoren wie zum Beispiel das Finanzwesen haben können. Schliesslich habe ich, ausgehend von dem „Labor“, das ich an der HEG ins Leben gerufen hatte, ein Startup-Unternehmen gegründet. Das war im Jahr 2015, also vielleicht ein bisschen früh. Heute finden wir aufgrund der gesetzlichen Entwicklung, der Reifung der Technologie und des digitalen Wandels sehr günstige Bedingungen vor.

Warum haben Sie entschieden, sich auf die Blockchain statt auf Kryptowährungen zu konzentrieren?
Wir wollten sämtliche Unsicherheiten im Zusammenhang mit regulatorischen Fragen ausschliessen. In Bezug darauf bestand zu wenig Visibilität. Ausserdem erschien es reizvoller, uns mit der Technologie selbst statt mit ihren möglichen Ergebnissen zu beschäftigen. Uns interessierte in erster Linie die technische Seite und wir hielten es im Hinblick auf B2B-Anwendungen für interessanter, Software zu entwickeln, die die Blockchain nutzt. Daher haben wir Wecan Comply auf den Markt gebracht und sind im Moment dabei, Wecan Tokenize zu entwickeln.

Was wollen Sie mit Wecan Tokenize erreichen?
Es ist generell unser Ziel, die Möglichkeiten der Blockchain zu nutzen, um neue Lösungen anzubieten, die sowohl auf das Back-Office als auch das Front-Office ausgerichtet sind, also gewissermassen auf beide Seiten der Fintech. Wecan Tokenize ist auf das Front-Office ausgerichtet, denn es vereinfacht die Entwicklung neuartiger Anlagetypen. Unser Produkt betrifft die Tokenisierung von illiquiden Vermögenswerten, die bisher nicht Teil des verwalteten Vermögens der Banken oder der Vermögensverwalter sind. Dabei handelt es sich u.a. um Immobilien, Private Equity oder Kunstwerke. Indem sie in digitale Token umgewandelt werden, ermöglicht es die Blockchain schliesslich, diese Anlageklassen für neue Anleger zu öffnen und leichter in die Portfolioverwaltung zu integrieren. Bei der Tokenisierung geht es nicht mehr darum, ob sie kommt, sondern wann. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums dürfte ein Viertel der Vermögenswerte, die heute weltweit verzeichnet sind, bis 2025 in der Blockchain gespeichert sein. Bis 2050 soll ihr Anteil auf mehr als die Hälfte steigen. Dies entspricht natürlich einer kolossalen Geldmenge. Für die Finanzmärkte im Allgemeinen stellt dies einen wichtigen Meilenstein dar, und wir sind sehr froh, dass wir jetzt zu den Wegbereitern gehören.

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