Weltrangliste: Die Schweiz hat Spi elraum nach oben

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Von Tobias Wolf, Head Investments, Mercer Schweiz

In der Rangliste der weltweiten Rentensysteme, dem Mercer CFA Institute Global Pension Index, belegt die Schweiz den einigermassen zufriedenstellenden elften Platz. Niedrige Ersatzquoten und langwierige Reformen des Systems bremsen. Die Schweiz besitzt zwar ein solides Vorsorgesystem, aber man kann sich der Frage nicht erwehren, wie lange dies noch so gilt. Auch eine Effizienzoptimierung bei den Anlagen wäre wohl für viele Vorsorgekassen nötig. Sie könnten dann ihren Versicherten höhere Renten auszahlen.

Die Schweiz liebt das gesunde Mass und ist auf Sicherheit bedacht. Die Altersvorsorge macht hier keine Ausnahme: Die meisten Schweizer Pensionskassen verfolgen eine sicherheitsorientierte Anlagestragie, mit einem hohen Anteil festverzinlicher Anlagen, Aktien der Schweizer Champions, Schweizer Immobilien und wenig alternative Anlagen.
Leider handelt es sich um eine trügerische Sicherheit. Die Renditen auf festverzinsliche Anlagen sind rekordtief, mögliche Zinserhöhungen in den nächsten Jahren würden sich deutlich negativ auf die Performance bestehender Investitionen auswirken. Teilweise getrieben durch die Geldpolitik, haben Aktien und Immobilien über die letzten zehn Jahre eine sehr gute Performance gezeigt, eine ähnlich starke Entwicklung in den nächsten zehn Jahren darf nicht erwartet werden. Im Durchschnitt kann die typische Schweizer Pensionskasse mit ihrer aktuellen Anlageallokation nur noch von einer Rendite von 2 Prozent ausgehen. Dies wird sehr moderate Verzinsungen nach sich ziehen und damit direkt die Pensionsleistungen beeinflussen. Führt doch eine jährliche Verzinsung der Altersguthaben von 4% im Vergleich zu 2% über das gesamte Erwerbsleben hinweg zu rund 40% höheren Altersguthaben und damit direkt höhere Pensionen.

Mercer CFA Institute Global Pension Index: Die Schweiz ist nicht «top»
Auch im globalen Vergleich steht die Schweiz damit nicht gut da: Im Vergleichsranking der Rentensysteme, dem Mercer CFA Institute Global Pension Index, liegt die Schweiz aktuell nur auf Rang 11 von 43. Zwar immer noch im oberen Drittel, aber weit weg von der Spitze. Der Index betrachtet insgesamt 52 Faktoren, gestützt auf objektive und vergleichbare Daten, wie etwa die Angemessenheit («Wie viel kann ein Versicherter erwarten?»), die Nachhaltigkeit («Wie sicher kann das System liefern?») und die Integrität («Vertrauen die Versicherten dem System?»).
Dank der starken Regulierung steht es um die Integrität des Schweizer Systems gut, mit 81.3 von möglichen 100 Punkten liegt die Schweiz nicht weit hinter den Spitzenreitern Finnland (93.1), Norwegen (90.2) und Niederlande (87.9). Weiter abgeschlagen ist die Schweiz dagegen bei der Nachhaltigkeit (67.2) und Angemessenheit (65.4). Zwar. knapp über dem global untersuchten Durchschnitt (51.7 bzw. 62.2), jedoch deutlich hinter dem Spitzenreiter in beiden Kategorien, Island (84.6 im Bereich Nachhaltigkeit und 82.7 im Bereich Angemessenheit).
Die Gründe sind vielfältig, lassen sich aber auf ein paar wenige Schlüsselfaktoren reduzieren: eine verzögerte Anpassung des Rentenalter an die demografische Realität, ein vergleichsweise kleines Wirtschaftswachstum sowie insbesondere eine tiefe Nettolohnersatzquote. Diese misst, welchen Anteil des letzten Nettolohns eine versicherte Person aus der 1. und 2. Säule als Pension erwarten kann. Diese liegt bei nur etwa 45% und hat einen grossen Einfluss auf die Bewertung der Schweiz im Index.

Die Vorsorge leidet unter Renditeproblemen
Über die letzten knapp zehn Jahre wurden die Umwandlungssätze kontinuierlich um insgesamt 15% gesenkt und liegen nunmehr bei 5.5%. Um sich dies leisten zu können, müssten die Pensionskassen im Schnitt allerdings um die 3% Rendite erwirtschaften. Wie wir bereits wissen, sind etwa 2% über die

nächsten Jahre realistischer, d. h. die Umwandlunssätze werden um weitere 15-20% sinken müssen. Damit werden die Versicherten weiter bei ihrer Rente geschröpft.
Massnahmen, um dem entgegenzuwirken, sehen Pensionskassen oft auf der Beitragsseite, sei es über höhere Beiträge oder eine längere Ansparphase. Nur selten wird der Fokus auf den „Dritten“ Beitragszahler gelegt, obwohl die Anlagerenditen im Schnitt mehr als ein Drittel der gesamten Vorsorgefinanzierung ausmachen. Es ist höchste Zeit, dass sich Pensionskassen näher mit dieser Thematik befassen, im Vordergrund sollte dabei die Anlageeffizienz stehen.

Effiziente Investments sind die Antwort
Wir sehen fünf Dimensionen, über die die Effizienz der Anlagetätigkeit verbessert werden kann:

  1. Die strategische Anlageallokation mit entsprechender Diversifikation als Grundlage der Investmentperformance
  2. Aktives Management als mögliche Quelle zusätzlicher Wertschöpfung durch Outperformance in bestimmten Anlageklassen
  3. Eine dynamische Anlageallokation, um Opportunitäten aufgrund von Marktbewegungen und -verwerfungen zu nutzen
  4. Nachhaltige Anlagen als Treiber verbesserter langfristiger Risk-Return-Ergebnisse
  5. Eine starke Governance mit professionellem Framework und effizienter Implementierung

Strategische Anlageallokation (SAA)
Die strategische Anlageallokation bildet die Grundlage für den Anlageerfolg. Echte Diversifikation ist der Schlüssel, wobei der Schwerpunkt auf einer Risikofaktor-Diversifikation liegt und nicht auf einer reinen Diversifikation nach Anlageklassen, die zu einer unerwünschten Konzentration bestimmter Risiken führen kann.
Das Aktienrisiko ist typischerweise das dominierende Portfoliorisiko, da es im Vergleich zu anderen Risikofaktoren eine relativ hohe Volatilität aufweist. Allerdings muss das Risiko als mehrdimensionales Konzept verstanden werden, und deshalb sollte jede Anlagestrategie auch mittels zukunftsgerichteten Szenarioanalysen überprüft werden.
Die durchschnittliche Schweizer Pensionskasse zeigt einen signifikanten «Home Bias», wobei rund 20% des Portfolios in Franken-Obligationen und 12% in Schweizer Aktien konzentriert sind. Ein optimiertes, ausgewogenes Portfolio würde eine breitere Diversifikation anstreben, gleichzeitig den Home Bias verringern und diversifizierende Faktoren wie Emerging Markets und Small Cap einbeziehen. Zusätzlich sollten auch Investitionen in Privatmärkte in Betracht gezogen werden, um beispielsweise von Illiquiditätsprämien und tieferen Schwankungsrisiken zu profitieren.

Aktives Management
Bei richtiger und selektiver Anwendung in ausgewählten Märkten kann aktives Management eine wichtige Quelle für zusätzliche Wertschöpfung sein. Die Fähigkeit von gewissen Managern, die Märkte zu übertreffen, kann zu höheren Renditen führen. Hinzu kommt, dass einige attraktive illiquide Märkte, wie z. B. Infrastrukturanlagen, per se nur durch einen aktiven Anlagestil investierbar sind.
Betrachtet man einzelne Märkte und Segmente, z. B. kleinkapitalisierte US-Unternehmen (Small Caps), sehen wir ein gutes Potenzial zur Generierung von Mehrrendite. Dies wird hauptsächlich durch die Markteffizienz bestimmt. Je weniger effizient ein Markt ist, desto grösser ist die Möglichkeit für erfahrene Manager, eine Outperformance zu erzielen.

Dynamische Anlageallokation (DAA)
Die dynamische Anlageallokation bietet die Möglichkeit, von Marktbewegungen zu profitieren. Wenn sie konsequent angewendet wird, kann sie nicht nur die Portfoliorendite steigern, sondern auch das Risiko reduzieren. Ein sehr gutes Beispiel ist der aussergewöhnliche Anstieg der Kreditrisikoprämien bei Hochzinsanleihen während der COVID-bedingten Marktturbulenzen Anfang 2020.
Insbesondere bei kleineren und mittleren Schweizer Pensionskassen sehen wir oft zwei grosse Herausforderungen bei der Umsetzung der dynamischen Anlageallokation. Zum einen mangelnde Ressourcen, um die Märkte zu beobachten, Anlageideen zu identifizieren und diese auch umzusetzen. Zum anderen unzureichende Anlageprozesse, die solche kurzfristigen Entscheidungen ermöglichen. Die Zusammenarbeit mit einem externen Partner ist deshalb oft empfehlenswert.

Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeitsfaktoren gewinnen zunehmend an Aufmerksamkeit und dies aus gutem Grund. Die Berücksichtigung von ESG-Faktoren im Anlageprozess wird sich letztlich auszahlen und langfristig bessere Risiko- und Renditeergebnisse liefern. Pensionskassen, die eine breitere Perspektive einnehmen, können das Risikomanagement verbessern und neue Chancen erschliessen, wenn sie in der Lage sind, langfristige Nachhaltigkeitstrends in ihrem Portfolio zu berücksichtigen.

Anlageprozesse und Governance
Pensionskassen müssen klare Entscheidungen treffen, welche Aufgaben intern erledigt werden können und wo es effizienter wäre, Aufgaben zu delegieren. Für eine kleine oder mittelgrosse Pensionskasse kann es sehr kostspielig sein, eine zeitgemässe und robuste Anlageorganisation zu betreiben. Gegebenenfalls ist es effizienter, einen professionellen Partner zu engagieren, der den Stiftungsrat bei der Gestaltung und Umsetzung der strategischen Anlageziele unterstützt. Über einen Implementierungspartner kann man in der Regel von einer Anlageplattform profitieren, die hilft, unabhängig vom Anbieter Manager von hoher Qualität zu wettbewerbsfähigen Kosten auszuwählen und gleichzeitig über robuste Risikomanagementprozesse zu verfügen.
Zeitgemässe Anlageprozesse ermöglichen es dem Stiftungsrat, sich auf die wichtigsten strategischen Fragen zu konzentrieren, z. B. ob die Pensionskassenleistungen für die Mitarbeitenden attraktiv und nachhaltig finanziert sind.

Tobias Wolf ist Head Investments bei der Mercer Schweiz AG. Zu seinen Aufgaben in der Leitung des gesamten Investmentbereichs der Mercer in der Schweiz zählen u. a. die Beratung institutioneller Kunden bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Anlagestrategie, die Weiterentwicklung und Vermarktung des Produkt- und Serviceangebots im Anlagebereich, das Management strategischer Partnerschaften sowie die Entwicklung und Umsetzung strategischer Initiativen.
Tobias Wolf hält einen MSc. in Finance der London Business School und einen BSc. in International Business der Northeastern University in Boston sowie der ESB Reutlingen. Darüber hinaus ist er CFA Charterholder und verfügt über ein DAS in Pensionskassenmanagement.

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