Wenn die Geopolitik den erneuerbaren Energien zu Hilfe eilt

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Von Nicolas Mougeot, Head of Global Trends and ESG Advisory, CA Indosuez Wealth Management

Das Interesse an erneuerbaren Energien schwankt stark. Während ihren Vorteilen in den europäischen Aufbauplänen 2020 eine zentrale Stellung eingeräumt wurde, standen 2021 ihre Nachteile wieder im Vordergrund. Der schwache Wind in der Nordsee, die fehlende Sonne in manchen südlichen Regionen oder die Zeit, die es braucht, um grünen Wasserstoff zu entwickeln, wurden als Rechtfertigung vorgeschoben, warum saubere Energieträger fossile Brennstoffe nicht ablösen könnten. Der Bericht des Weltklimarats im August 2021 oder die COP 26 haben nichts daran geändert. Am 31. Dezember kündigte die Europäische Union sogar an, in der neuen Taxonomie Kernenergie und Erdgas als saubere Energien einstufen zu wollen.

Seit dem Jahreswechsel folgt eine ernste Krise der anderen. Plötzlich stehen erneuerbare Energien wieder im Zentrum der – diesmal geopolitischen – Debatte. Die russische Invasion der Ukraine zeigt klar die Abhängigkeit Europas von den grossen Erdöl- und Erdgasproduzenten im Allgemeinen und von Russland im Besonderen. Angesichts des Konflikts haben die Europäer rasch reagiert und Wirtschafts- und Finanzsanktionen verhängt. Auf russisches Gas verzichten können sie jedoch nicht so einfach. Europa hängt zu mehr als 40 Prozent von russischen Gasimporten ab. Die aktuelle Lage führt zudem zu einem steilen Anstieg der Energiepreise. Im Januar kostete ein Fass Rohöl noch knapp 80 US-Dollar, Anfang März waren es bereits fast 130 US-Dollar.

Obwohl der Bericht des Weltklimarats vom 28. Februar kaum Aufsehen erregte, stellt der Kampf gegen den Klimawandel eine doppelte Herausforderung dar. Die Energiewende könnte es der Europäischen Union und der Schweiz ermöglichen, ihre Abhängigkeit von Energieimporten zu senken und stabile  Energiepreise zu gewährleisten. Vor diesem Hintergrund schlug die Europäische Kommission am 8. März ein „gemeinsames europäisches Vorgehen für erschwinglichere, sichere und nachhaltige Energie“ vor, um die Abhängigkeit von Russland zu senken. Über diese Notmassnahmen hinaus ist es jedoch höchste Zeit, eine ehrgeizige Energiepolitik mit drei Schwerpunkten einzuführen.

Erstens sind die erneuerbaren Energien weiterzuentwickeln. Die Hilfen für Unternehmen im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen sind zugunsten sauberer Energien zu senken. Grüne Stromerzeuger sind oft an Verträge gebunden, die ihre Strompreise langfristig festsetzen. Sie profitieren kaum vom aktuellen Anstieg der Erdgas- und Erdölpreise. Wie viele andere Branchen leiden sie jedoch unter dem preislichen Höhenflug der von ihnen benötigten Rohstoffe, etwa Nickel.

Zweitens heisst es, in Forschung und Entwicklung investieren zu sollen, um das Problem der Energiespeicherung zu lösen. Wind- und Sonnenkraft liefern nur Strom, wenn es die Witterung erlaubt. In dieser Hinsicht vielversprechend ist die Entwicklung der Wasserstofftechnologie oder leistungsfähiger Batterien, die saubere Energie speichern.

Drittens muss der Energieverbrauch gesenkt werden. Statt Erdölimporte zu finanzieren, sind Lösungen voranzutreiben, die den Konsum verringern: innovative Werkstoffe, die den Wärmeverlust reduzieren, die energetische Sanierung von Altbauten oder die Förderung sparsamer Antriebe.

Die Abhängigkeit von Energieimporten aus einer Reihe von Ländern, die uns jetzt besonders bewusst wird, sollte uns helfen, die Energiewende zu beschleunigen. Handeln wir endlich mit Weitblick! Die kurzfristigen Massnahmen zur Abfederung der steigenden Energiepreise müssen auch das Ziel der langfristigen Bekämpfung des Klimawandels unterstützen.

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