„Wir müssen den Markt in der beruflichen Vorsorge stärker spielen lassen“

503
0
Share:

Interview mit Pascal Kuchen, CEO, Copré

Von Andreas Schaffner – Fotos: Karine Bauzin

Pascal Kuchen macht sich als CEO von Copré stark für eine rasche Reform der beruflichen Vorsorge. Diese Reform soll auch eine stärkere Konkurrenz zwischen den unterschiedlichen Kassen und Stiftungen ermöglichen. Die gegenwärtige Situation ist seiner Meinung nach nicht nur für die Jungen ungerecht. KMUs haben es zunehmend schwierig, eine Pensionskassen-Lösung zu finden.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der beruflichen Vorsorge?
Pascal Kuchen: Wir sind in einer unbefriedigenden Situation, in der die Lebenserwartung immer höher wird , gleichzeitig die Umwandlungssätze auf einem zu hohen Niveau verharren und der Mindestzinssatzes BVG weiterhin politisch festgelegt wird.

Diese beiden Eckwerte sollten schon seit 20 Jahren angepasst werden.
Ja, doch wir wissen in den letzten Jahren sind verschiedene Revisionen, betreffend der Vorsorge gescheitert.

Ihnen kann das theoretisch egal sein. Die meisten Kassen und Stiftungen arbeiten mit umhüllenden Lösungen. Sie machen eine Art Mischrechnung für den obligatorischen und den überobligatorischen Teil.
Theoretisch Ja. Doch es gibt konkrete Auswirkungen auf die berufliche Vorsorge, welche wir schon spüren: Zunächst ist die Umverteilung zwischen Jung und Alt welche ein grosses Thema ist, auch wenn Sie in den letzten Jahren ein wenig abgenommen hat.

Sehen Sie andere Nachteile?
Schauen Sie, was im letzten Jahr passiert ist: In einem guten Anlagejahr konnten einzelne Kassen Renditen bis zu 9 Prozent weitergeben – bei Copré waren es 6 Prozent. Andere Kassen mit höheren Rentnerbeständen und neu Verrentungen waren nicht flexibel und benötigen die Erträge der Aktiven, um die notwenigen Reserven für die Renten zu bilden. Diese Situation ist untragbar.

Das ist doch die Konkurrenz, die jetzt spielt?
Aber sie ist nicht freiwillig: Eine grosse Kasse mit vielen Rentnern hat nicht freiwillig eine nicht markt-taugliche Lösung. Sie muss diese Lösung mit einer tiefen Verzinsung wählen.

Man muss also kein Mathematiker sein, um die Schieflage zu erkennen, sagen Sie?
Ja, jeder sieht in seinem persönlichen Umfeld, dass ein Mann, der mit 65 Jahren pensioniert wird, im Schnitt noch 20 Jahre Lebenszeit geniessen kann. Bei Frauen ist die Lebenserwartung noch höher. Rein rechnerisch gesehen müsste der Umwandlungssatz heute bei 5 Prozent liegen. Wir stehen immer noch bei 6,8 Prozent. Diesen Umwandlungssatz anzupassen ist enorm dringlich. Aber es ist mir bewusst, wie schwierig ein solcher Schritt politisch aktuell noch ist.

Welches sind für Sie die grössten Herausforderungen?
Es geht, wie diskutiert um die beiden wichtigsten Parameter, den Umwandlungssatz und den Mindestzinssatz. Doch auch die neuen strengeren Regulationen machen uns zu schaffen.

Sie meinen die verstärkte Aufsicht über die Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen. Hier wurde ja – auch nach verschiedenen Vorkommnissen. – die Aufsicht verstärkt.
Ich verstehe die Ober-Aufsichtskommission OAK BV. Da es sich jedoch bei den verschiedenen Vorkommnissen um Einzelfälle handelt kann ich das Vorgehen nicht unterstützen. Wir regulieren in der Schweiz meistens aufgrund von Einzelfällen und sehen so das grosse ganze nicht.

Dieser Prozess kann sich positiv auf die Kosten der zweiten Säule auswirken, sagt die Aufsicht. Aber birgt aber auch Risiken.
Es ist klar, dass mehr Regulierung zu höheren Kosten führt. Und ob die Forderung nach mehr Ausbildung der Kassenverantwortlichen wirklich die Lösung ist, wage ich zu bezweifeln. Zudem sollte darauf geachtet werden, dass nicht immer mehr teure Experten hinzugezogen werden müssen. Dies führt zu einer Verteuerung der Vorsorge zulasten der versicherten Personen.

Es gab jedoch Fälle von Sammelstiftungen, wo viele angeschlossene Betriebe gelitten haben.
Das gab es, und das verurteile ich auch natürlich. Aber deshalb eine ganze Branche zu verurteilen, schiesst wie oben erwähnt über das Ziel hinaus.

Wo sollte man dann anfangen? Immerhin hat sie die OAK BV Sammelstiftungen inzwischen auch als systemrelevant einstuft.
Die Bedeutung der Sammelstiftungen hat in den letzten Jahren zugenommen und wird weiter zunehmen. Somit ist eine gewisse Systemrelevanz gegeben. Gleichwohl finden heute viele KMUs keine Lösung.

Was heisst das?
Ein Beispiel: Ein grosses Wachstum verzeichnet derzeit die Stiftung Auffangeinrichtung BVG. Der Grund: Da landen alle diejenigen KMUs, die bei Versicherungen oder deren Sammelstiftungen sowie unabhängigen Sammelstiftungen aufgrund der Altersstruktur abgelehnt wurden. Meiner Meinung nach sollte das nicht sein. Der Markt in der beruflichen Vorsorge sollte stärker spielen.

Letztlich ist das jedoch eine Frage des Preises – die KMUs wollen sich diese Prämien nicht leisten.
Nicht nur. Wir haben auch ein systemisches Problem. Und natürlich fehlt der dritte Prämienzahler – der Finanzmarkt ist nicht die tragende Säule.

Wenn es um regulatorische Fragen geht, insbesondere auch die Flexibilisierung und der Anlagepolitik: Welches ist Ihre Position?
Wir sind hier schon sehr flexibel und schöpfen die Möglichkeiten aus, die uns die bestehende Regulierung ermöglicht. Vor 10, 20 Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, dass wir nur noch 11 Prozent in Obligationen halten. Heute ist es eine Tatsache. Und wir halten 15 Prozent der Anlagen in alternativen Anlagen. Die Diversifizierung hat uns geholfen, gute Resultate zu erzielen im Jahr 2021 und in diesem Jahr konnten wir auch Schocks, wie den Krieg in der Ukraine, abfedern.

Was halten Sie von der Möglichkeit, in Infrastrukturanlagen zu investieren.
Für uns ist das sehr attraktiv und wir begrüssen, dass Infrastruktur nun eine eigene Anlageklasse gemäss BVV2 ist. Infrastrukturanlagen haben positive Diversifikationseigenschaften in Form von stabilen und mit traditionellen Anlagen wenig korrelierten Erträgen. Die BVV2 gibt diesbezüglich keine konkreten Vorgaben, doch solche Investitionen können sowohl im In- als auch im Ausland erfolgen.

Es ist nicht ohne Risiko.
Natürlich muss man hier, wie generell im Anlageprozess vorsichtig sein. Wir als einer der grösseren Pensionskassen mit einer guten Altersstruktur können flexibler sein als Pensionskassen mit hohen Rentenverpflichtungen.

Infrastruktur und Nachhaltigkeit gehen oft Hand in Hand. Wie wichtig sind Ihnen – über das ganze Portfolio gesehen – ESG-Kriterien?
Natürlich ist uns das auch sehr wichtig. Wir versuchen hier auch die Interessen der versicherten Personen in den Vordergrund zu stellen. Einerseits sollen die Anlagen nachhaltig sein, mit diesen muss aber auch eine gute Rendite erzielt werden können.

Konkret: Wo haben Sie schon umgestellt?
Insbesondere bei den Aktien haben wir voll auf ESG umgestellt. Auch bei den Obligationen haben wir uns klar diesbezüglich positioniert. Bei den Immobilien ist uns wichtig, dass sie weniger Energie verbrauchen.

Ursprünglich 1974 von der Schweizerischen Volksbank gegründet, wurde «La Collective de prévoyance – Copré» 1988 als unabhängige Stiftung weitergeführt. Per 31. Dezember 2021 verwaltete die Stiftung 4.483 Milliarden an Vorsorgegeldern. Die Anlageperformance betrug 2021 +10,5 Prozent. Der grösste Beitrag zu diesem Ergebnis stammt aus den Engagements in Private-Equity-Fonds, welche eine Jahresperformance von über 40% verzeichneten, gefolgt von den börsenkotierten Aktien mit einem Wertzuwachs von über 20% gegenüber dem Vorjahr.

Pascal Laurent Kuchen, geboren 1971, ist seit Februar 2018 CEO von Copré. Seine Karriere startete er bei der Bâloise Versicherung und der Expertisa Columna, Bern. Danach folgten Stationen bei der AXA Winterthur als Leiter der Administration Westschweiz. Vor dem Wechsel zu Copré war er als Direktor, Mitglied des Führungsteams der AXA Leben und Leiter des autonomen Marktes und der Westschweiz. Er verfügt über einen Abschluss in Diplom HSG Insurance Management an der Uni St.Gallen.

Share: