„Wir müssen unsere Investments aus einer anderen Perspektive betrachten“

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Von Jérôme Sicard – Fotos Karine Bauzin

In einem Umfeld, das von tiefen Zinsen, hohen Bewertungen und einer immer strengeren und durch die neuen ESG-Faktoren weiter verstärkten Regulierung geprägt ist, wird auch die institutionelle Vermögensverwaltung immer komplexer. Grégoire Haenni, CIO der Pensionskasse Caisse de Prévoyance de l’Etat de Genève analysiert für uns die Situation und entschlüsselt die wesentlichen Fragen.

Welche Trends kennzeichnen die Vermögensverwaltung für institutionelle Investoren heute?
Grégoire Haenni: Ich sehe da zwei – im Übrigen relativ paradoxe – Trends. Zum einen beschäftigen Vorsorgeeinrichtungen immer mehr Experten in ihren Vermögensverwaltungsteams. Sie sind deshalb für Herausforderungen wie niedrige Zinsen und Renditen, hohe Bewertungen von Finanzanlagen, immer strengere Vorschriften und auch für die neuerdings zunehmende Berücksichtigung von ESG-Regeln immer besser gerüstet. Bisher besassen allein Finanzberater diese Expertise.

Zum anderen stelle ich fest, dass sich immer mehr institutionelle Investoren dafür entscheiden, die Verwaltung traditioneller Strategien schlicht und einfach auszulagern – überwiegend aus Kostengründen. Fakt ist, dass die Verwaltungsgebühren in unserem Sektor stark gesunken sind, so dass sich ein internes Vermögensverwaltungsteam aus wirtschaftlicher Sicht weniger rechnet. Angesichts des ständigen Kostendrucks, der heute herrscht, dürfte dieser Trend von Dauer sein.

Welche Prioritäten verfolgen Sie als institutioneller Investor?
Die Caisse de Prévoyance de l’Etat de Genève hat die Aufgabe, den im letzten Jahr verabschiedeten staatlichen Rekapitalisierungsplan umzusetzen. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns auf die Optimierung der Renditeerwartungen für unser Portfolio. Gleichzeitig sind wir stets am Puls der Märkte. Wir sind zwar langfristig positioniert, aber unser Risikomanagement ist zeitnah.

Ist das Portfoliomanagement inzwischen zu komplex geworden?
Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Oft wird mir gesagt, dass man nicht in meiner Haut stecken wolle, dass meine Arbeit angesichts der niedrigen Zinsen, der hohen Bewertungsniveaus an den Märkten, der Anforderungen an die Portfoliodiversifikation und aufgrund der neuen Trends doch extrem schwierig sein müsse. Das sehe ich nicht so. Ich finde, dass das Portfoliomanagement noch nie so interessant war wie heute, denn für alle Anforderungen brauchen wir neue Lösungen.

Gleichzeitig stellen wir fest, dass die Verwaltung institutioneller Portfolios bisher unter dem Strich stets gute Ergebnisse erzielt hat. So verzeichnet die CPEG seit 25 Jahren eine annualisierte Rendite von fast 5%. Das ist mehr als nur zufriedenstellend. Letztes Jahr haben wir mit Immobilieninvestments, die immerhin 32% des Portfolios repräsentieren, eine Rendite von leicht über 10% erzielt. Ausschlaggebend ist letztendlich unsere Verwaltungsdisziplin, denn sie erklärt die guten Ergebnisse.

Auf welcher Strategie beruht diese Verwaltungsdisziplin?
Die Strategie der CPEG ist einfach, und genau das wollen wir. Wir investieren in Anlageklassen und nehmen ihre Prämien mit. Dieses Modell bietet den Vorteil, dass es im zeitlichen Verlauf stabil und prognostizierbar ist. Wir kennen die Kupons, Dividenden und Mieten, die wir vereinnahmen. Eine Exposure in Marktbewertungen unterliegt vielen zufallsbedingten Unsicherheitsfaktoren, die nur sehr schwer steuerbar sind. Wir haben die Gesamtperformance unseres Portfolios von 2001 bis 2018 analysiert, und zwar in Bezug auf die fundamentale Wertentwicklung einerseits, um die Vereinnahmung der Prämien der einzelnen Anlageklassen zu vereinfachen, und im Hinblick auf die Marktbewertung andererseits. Festzustellen war, dass die Gesamtperformance in diesem Zeitraum hauptsächlich auf den generierten Prämien der einzelnen Anlageklassen beruhte. Mit diesem Mechanismus werden wir auch weiterhin arbeiten, um die Renditeerwartungen der Portfolios zu verbessern.

Wie beurteilen Sie das derzeitige Marktgeschehen?
Was wir erleben, ist eine verkehrte Welt. Anleger kaufen Aktien wegen ihrer Dividende und Anleihen aufgrund des Kapitalzuwachses. Wir befinden uns in einem dauerhaften Umfeld niedriger Zinsen und Renditen und entsprechend exzessiver Bewertungsniveaus an den Finanzmärkten. Ich gehe davon aus, dass wir uns dem Ende des Zyklus nähern, zumindest für riskante Anlagen, doch der Aufwärtstrend könnte noch eine geraume Zeit Bestand haben.

Mir bereitet vor allem die immer expansivere Geldpolitik der Zentralbanken und der Schuldenberg Sorge, der inzwischen auf über 250’000 Milliarden angewachsen ist!
Die Zentralbanken haben erkannt, dass ihre Quantitative-Easing-Massnahmen in der Realwirtschaft kaum noch greifen. Hauptnutzniesser sind börsennotierte Anlagen, so dass es zu einer wachsenden Abkopplung der Realwirtschaft von den Finanzmärkten kommt.

Welche Rolle sollten die Zentralbanken Ihrer Ansicht nach jetzt spielen?
Seit der Finanzkrise hat sich das Bilanzvolumen der Notenbanken vervierfacht. Dies ist in den USA, in Europa, China und Japan der Fall. Die Effekte ihrer Geldpolitik werden damit immer fraglicher. Inzwischen erwartet die Finanzwelt eine konzertierte Aktion von Staaten und Zentralbanken. Die Staaten müssen expansive Haushalts- und steuerpolitische Massnahmen beschliessen, um die lockere Geldpolitik der Zentralbanken zu flankieren. Beides muss gleichzeitig erfolgen. In den USA, wo die Trump-Regierung eine relativ entgegenkommende Fiskalpolitik fährt, ist die Wirtschaft in besserer Verfassung, obwohl die Inflation noch weiter schwächeln wird, wenn keine weiteren fiskalischen Anreize kommen.

Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Zentralbanken noch weiter in den negativen Bereich vordringen müssen, um die Wirtschaft zu stützen. Diese negativen Zinsen sind ein Übel für unser gesamtes System! Anleger müssen immer höhere Risiken eingehen. Das ist auf Dauer nicht haltbar. Ich glaube nicht, dass eine Finanzkrise bevorsteht, allerdings bereitet mir der Kreditzyklus und die hohe Abhängigkeit der Wirtschaft vom Konsum Unbehagen, da er an seine Grenzen stösst.

Sind Ihre Allokationsvorgaben angesichts des aktuellen Umfelds überholt?
Ich habe nicht den Eindruck, dass die derzeitigen Anlagebeschränkungen überholt sind oder dies zu erwarten steht. Sie werden gegebenenfalls angepasst und langfristig ausgerichtet, was einen unserer Hauptvorteile gegenüber anderen Anlegern darstellt. Das Problem unserer Branche ist ja die Performancemessung, die für immer kürzere Zeitspannen erfolgen muss.

In unsere Allokationsvorgaben werden sicherlich auch ESG-Kriterien einfliessen, denn sie werden aufgrund der strengeren Regulierung und deren Auswirkungen auf die Anlagestrategie und die Asset-Allokation immer wichtiger.
Wir müssen irgendwie dahin kommen, dass wir die Anforderungen des Pariser Abkommens einhalten, was eine zusätzliche Aufgabe für mich sein wird. Wir müssen unsere Investments aus einer anderen Perspektive betrachten.

Welchen Stellenwert nehmen ESG-Aspekte für Sie ein?
ESG ist ein Kernelement unserer Anlagestrategie, denn ESG-Aspekte werden für alle Anlageklassen berücksichtigt, mit Ausnahme des Bereichs ‚Rückversicherung‘, für den sich die Anwendung der Kriterien schwierig gestaltet. Im Immobilienportfolio haben wir bereits vieles geändert, denn wir wollen den Energieverbrauch senken und gleichzeitig den Anteil der erneuerbaren Energien erhöhen. Die CPEG war in der Schweiz eine Pionierin im Bereich nachhaltiger Anlagen. Wir waren im Übrigen eine der ersten Pensionskassen, die dies in den 1990er Jahren bereits berücksichtigt hat. Seinerzeit hatten Julius Bär und Robeco auf Betreiben der CIA die ersten nachhaltigen Mandate verwaltet.

Wie integrieren Sie ESG-Kriterien in die Portfolios?
Zunächst hatten wir festgestellt, dass die Ausschlusspolitik nichts bringt. Wir glauben vielmehr, dass Engagement die einzige Möglichkeit ist, das Verhalten der Unternehmen zu beeinflussen – das ist der Weg, den wir bevorzugen. Wir üben unsere Stimmrechte in der Schweiz und im Ausland aus, wollen unseren Einfluss aber auch durch die Beteiligung an Konsortien oder die Mitgliedschaft in Organisationen stärken. Dazu gehören beispielsweise die IIGCC (Institutional Investors Group on Climate Change), der grosse institutionelle Investoren angeschlossen sind, die sich für die Bekämpfung des Klimawandels einsetzen. Die CPEG war die erste Schweizer Pensionskasse, die Mitglied dieser Organisation wurde und inzwischen Board-Mitglied ist. Auf diese Weise sind wir vor Ort präsent und können uns sowohl mit Behörden als auch mit Unternehmen und Vermögensverwaltern austauschen. In bestimmten Organisationen sind wir sehr aktiv, weil wir viel erreichen können – auf allen Ebenen. Hier möchte ich gerne ein Beispiel anführen, das ich für besonders aufschlussreich halte. In einem Investmentfonds, der uns präsentiert wurde und die Anforderungen an die CO2-Emissionen erfüllt, sind Technologiegiganten trotz Governance-, Aufsichts- und Datenschutzproblemen sowie fraglicher Steuerpraktiken, mit denen sie konfrontiert sind, übergewichtet. In einem echten ESG-konformen Fonds dürfen ungeachtet der dringenden Klimaproblematik aber auch die Aspekte „S“ für Soziales und „G“ für Governance nicht zu kurz kommen.

Warum hat Ihnen das Magazin Pension & Investments letztes Jahr einen seiner Innovation Awards verliehen und wie ist dies in puncto ESG einzuordnen?
Wir messen den CO2-Fussabdruck unseres Portfolios seit 2018. Im letzten Jahr haben wir die Kongruenz-Studie vorangetrieben – ein Verfahren, das die Festlegung einer Zielallokation durch die Verknüpfung unserer Aktiva und Passiva mit dem CO2-Fussabdruck der strategischen Allokationen ermöglicht. Wir sind damit die erste Pensionskasse weltweit, die diesen Ansatz verfolgt.

Arbeiten Sie abgesehen von ESG-Aspekten mit anderen institutionellen Investoren zusammen?
Selbstverständlich. Die Welt der institutionellen Investoren hat sich stark verändert – sie befindet sich im Umbruch. Diese neue Welt zeichnet sich durch einen regen Austausch von Informationen und die Möglichkeit aus, Investment Clubs zu gründen, Vermögenswerte zu poolen und massgeschneiderte Strategien zu entwickeln. Erst kürzlich haben wir im Team eine auf Risikoprämien beruhende Strategie ausgearbeitet und sie an die Anforderungen der Gruppe angepasst. Wir haben unter anderem bestimmte ESG-Kriterien integriert bzw. Strategien ausgeschlossen, die uns zu riskant erschienen. Angesichts des Volumens, das bei uns auf dem Spiel steht, haben die Fondsmanager ein sehr offenes Ohr für unsere Anliegen. Beim letzten Club Deal, an dem wir beteiligt waren, hatten sich institutionelle Investoren aus der Schweiz und dem Ausland zusammengeschlossen.

Was ist unter dem „Institutional Circle“ zu verstehen, den Sie initiiert haben?
Die Pensionskasse des CERN hatte mich 2010 als Chief Investment Officer mit der Auflegung einer Anlagestrategie beauftragt, deren Hauptziel der Kapitalerhalt war. Sie ist heute als „CERN-Modell“ bekannt. Im gleichen Jahr haben mich die Mitglieder des Anlageausschusses der CPEG gebeten, Vertreter aus der Industrie einzuladen, um die vorgeschlagene Lösung mit ihnen zu erörtern. Wir sind auf ein derart reges Interesse gestossen, dass wir uns inzwischen jedes Jahr treffen. Anfangs waren wir gerade einmal 30, inzwischen sind wir 120 Investoren, und unser Vermögensvolumen übersteigt insgesamt 1’000 Milliarden Franken. Bei unseren Begegnungen sprechen wir über geopolitische Entwicklungen, Asset-Allokation, ESG oder sonstige, disruptive Anlagethemen. Es geht um Wissensaustausch, Diskussionen und auch um mögliche gemeinsame Investitionen. Diese Vernetzung mit anderen Playern stellt einen phantastischen Hebel dar.

 

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