„Wir sind die stärkste Real Assets Plattform in Europa“

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Interview mit Stefan Mächler, Chief Investment Officer, Swiss Life-Gruppe

Von Andreas Schaffner – Fotos : Juerg Kaufmann

Als Chief Investment Officer der Swiss Life-Gruppe verantwortet Stefan Mächler die Anlagepolitik für Portfolios mit einem verwalteten Vermögen von rund 270 Milliarden Franken. Einen immer grösseren Raum in diesen Portfolios nehmen Immobilien ein, auf die rund 100 Milliarden Franken entfielen. Als grösster Immobilienbesitzer der Schweiz zählt der Lebensversicherer auch auf europäischer Ebene zu den Marktführern und möchte seine Position weiter ausbauen.

Herr Mächler, Sie haben in den letzten Jahren ihr Anlagegeschäft für Drittkunden deutlich ausgebaut. Was unterscheidet Sie als Asset Manager von der Konkurrenz?
Stefan Mächler: Wir geniessen eine sehr hohe Glaubwürdigkeit im Markt. Das hat sicher auch mit unserem Hintergrund zu tun. Wir haben unsere Wurzeln als Asset Manager einer Lebensversicherung: Wir denken langfristig, denken immer in Verbindung der Anlagen und Verbindlichkeiten, also dem Asset-Liability-Management und haben einen grossen Fokus auf ein integriertes, wertorientiertes Risiko-Management. Und nicht zuletzt sind wir in vielen Produkten, die wir Drittkunden anbieten, auch als Swiss Life investiert. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal am Markt und diese Co-Investments unterstreichen, dass wir von unseren Anlagelösungen überzeugt sind.

Kommt es dabei nicht zu Interessenskonflikten?
Nein. Wir haben unsere Organisation so aufgestellt, dass das Asset Management für unsere Versicherungsgesellschaften und das für Drittkunden keine Interessenkonflikte haben. Zudem greifen hier auch strenge Anlageregeln, welche die Gleichbehandlung sicherstellen. Schlussendlich profitieren vielmehr beide Seiten von diesen Co-Investments.

Die Weichen für das jetzt stark wachsende Drittkundengeschäft hat Swiss Life vor über 10 Jahren gestellt. Wie kam das?
Es waren zwei Treiber. Einerseits unsere Überzeugung, dass wir unsere Kompetenzen im Anlagegeschäft auch externen Kunden anbieten können. Schliesslich waren wir nicht ein neuer Player, sondern wir schauen auf eine Erfahrung von über 160 Jahren zurück und können seit einer sehr langen Zeit mit tiefen Zinsen umgehen. In diesem Umfeld haben wir uns als Swiss Life Gedanken gemacht, wie wir weitere Wachstumsmöglichkeiten erschliessen können. Ein wichtiger Entscheid war, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die mit weniger Eigenkapital hinterlegt werden müssen und in welchen wir Kommissionserträge erwirtschaften können. Das haben wir dann in allen Geschäftsbereichen umgesetzt, so auch im Asset Management, und das Drittkundengeschäft viel stärker positioniert. Diese Strategie zahlt sich heute aus, da wir die richtigen Propositionen für in einem Tiefzinsumfeld anbieten konnten.

Im Juli haben Sie kommuniziert, dass Sie sich intern neu aufstellen und sich dezidiert auf die drei Anlageklassen Immobilien, Infrastruktur und Wertschriften ausrichten. Warum dieser Schritt?
Wir sind in den letzten Jahren sehr erfolgreich gewachsen – und wir haben auch weiterhin grosse Ambitionen. Für den nächsten Schritt auf unserem Wachstumspfad wollen wir unsere Kompetenzen und unser Knowhow deshalb verstärkt entlang dieser drei Anlagekompetenzen ausrichten.

Stimmt es, dass Sie heute ja die grösste private Immobilienbesitzerin der Schweiz sind?
Richtig. Wir gehören zu den fundiertesten Kennern des Schweizer Immobilienmarkts. Die Mieterträge aus Immobilien sind ein wichtiger Bestandteil für die Verzinsung der Vorsorgekapitalien der Versicherten und Kunden, gerade auch im langanhaltenden Niedrigzinsumfeld. Wir besitzen in der Schweiz Immobilien im Wert von fast CHF 37 Milliarden. Wir sind aber auch über die Landesgrenzen hinaus aktiv: Wir gehören mit verwalteten Immobilienvermögen von knapp CHF 100 Milliarden zu den führenden Immobilieninvestoren in Europa. Und diese Position wollen wir in den nächsten Jahren weiter stärken.

Was macht das Immobiliengeschäft für Sie so attraktiv?
Wir haben dank unserer Grösse, unserem Netzwerk und den mehr als 125 Jahren Erfahrung als Immobilieninvestorin die nötigen Insights zu internationalen Trends und Akteuren. Wir decken mit rund 2‘000 Mitarbeitenden die gesamte Wertschöpfungskette ab: von der Transaktion über das Asset Management bis hin zur Bewirtschaftung und Verwaltung. Dadurch haben wir sehr viel lokales Wissen, wir stehen quasi Mitten im Markt – und das ist im Immobiliengeschäft ganz zentral. So können wir unseren Kunden einen einzigartigen Zugang und eine führende Real-Estate-Plattform im europäischen Immobilienmarkt bieten.

Sie haben in der Vergangenheit das Geschäft auch mit Akquisitionen ausgebaut. Was brachten diese Akquisitionen?
Wir wollen primär organisch wachsen. Akquisitionen tätigen wir nur, wenn diese unser organisches Wachstum beschleunigen. Das hat bestens funktioniert. BEOS ist in Deutschland beispielsweise ein Spezialist und Marktführer für die Entwicklung und das Management von gemischt genutzten Industrie- & Logistik-Immobilien. Sie agieren innerhalb von Swiss Life Asset Managers als europäisches Kompetenzzentrum für diese Anlageklasse und wir können bei grossen Projekten oder Liegenschaften in anderen Märkten vom Wissen profitieren.

Wie sieht es mit Ambitionen in anderen Ländern aus?
Wir sind historisch hauptsächlichen in den drei Kernmärkten unterwegs, wo wir auch als Versicherung tätig sind. Das sind die Schweiz, Frankreich und Deutschland. Seit 2016 sind wir mit Mayfair Capital auch in Grossbritannien präsent. Wir fokussieren uns weiterhin auf diese Kernmärkte, und setzen punktuell auch auf andere Länder, wo es für uns als Unternehmen und auch für unsere Kunden Mehrwert bietet.

Welches sind Ihre wichtigsten Kunden?
Das sind vor allem Pensionskassen sowie andere Versicherungen und Unternehmen – Kunden, die wie wir eine langfristige Perspektive haben.

Also kein Fokus auf den Retailmarkt?
Im Retailgeschäft arbeiten wir stark mit unseren Kollegen auf der Versicherungsseite zusammen, die einen engen Privatkundenkontakt pflegen. Gemeinsam haben wir diverse Produktlösungen für Retailkunden entwickelt und wollen dieses Geschäft auch weiter vorantreiben. Es gibt aber noch deutliche Unterschiede in den Kernmärkten. In Deutschland haben wir erst kürzlich angefangen, uns im Retailmarkt stärker zu positionieren. Insgesamt sehen wir hier noch sehr viel Potential.

Wie offen sind Sie hier auch für externe Anbieter?
Externe Anbieter setzen wir nur sehr selektiv ein, zum Beispiel bei passiven Produkten. Wir sind kein passiver Asset Manager und machen zum Beispiel kein Index Tracking. Wenn ein Kunde dies trotzdem wünscht oder es von der Asset Allokation auch sinnvoll ist, setzen wir in solchen Fällen auf externe Anbieter. Das ist aber die Ausnahme und nicht die Regel. Schlussendlich machen wir fast alles Inhouse.

Sie haben Ihre Wachstumspläne erwähnt: Wo sehen Sie Potenzial und wollen Sie Ihr Angebot künftig ausbauen?
Einerseits bei den Real Assets, sprich Immobilien und Infrastruktur. Hier haben wir eine sehr starke Stellung, wir sind die stärkste Real Assets Plattform in Europa. Darauf wollen wir weiter aufbauen. Aber auch im Bereich Securities sehen wir noch viel Potenzial. In diesen drei Anlageklassen wollen wir wachsen, deshalb auch unsere konsequente organisatorische Ausrichtung darauf.

Muss ich als Anleger immer mehr Risiken nehmen damit ich die Renditen bekomme?
Jeder institutionelle und private Investor muss sich mit dem derzeitigen Marktumfeld mit den tiefen Zinsen auseinandersetzen. Die Renditen im risikofreien Bereich sind und bleiben auf absehbare Zeit wirklich sehr tief. Andere Anlageklassen bieten einen Mehrertrag, und dazu zählen Immobilien und Infrastruktur.

Sollte ich mehr also auf illiquide Anlagen setzen?
Ja, und das kann sehr sinnvoll sein. Als Versicherungsgesellschaft können wir ein hohes Mass Mass an Illiquidität im Portfolio absorbieren, weil wir unsere Zahlungsströme über Jahre hinaus genau kennen. Und das trifft eben auch auf viele unserer Kunden zu.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Nehmen wir zum Beispiel einen Energieversorger, der mit einer bestimmten Region einen Abnahmevertrag über 25 Jahre abschliesst. Das heisst, diese Zeitspanne von 25 Jahren ist sehr gut planbar, wir wissen, welche Cashflows zu erwarten sind. Das wiederum sind sehr gute Voraussetzungen für das Asset und Liability-Management, was für viele unserer Anleger zentral ist.

Engagieren Sie sich denn auch selbst in den Portfolio-Unternehmen oder wie ist Ihre Rolle zu verstehen?
Ja, unsere Teams sind direkt in den jeweiligen Unternehmen involviert. Meist sind wir auch im Verwaltungsrat vertreten. Ein aktives Asset Management ist zentral. Um langfristig erfolgreich zu investieren, müssen wir nahe am Puls der jeweiligen Firmen sein.

Auch der Staat hat bei Infrastrukturinvestments kürzlich Schützenhilfe geleistet. Was ist ihre Meinung dazu?
Ja. Der Bundesrat hat im letzten Jahr beschlossen, dass Infrastruktur gemäss BVV2 eine eigene Asset-Klasse wird. Das schafft nun für viele Versicherungen und Pensionskassen Möglichkeiten, sich hier stärker zu exponieren.

Dies wird so lange wachsen, wie die Zinsen so tief bleiben.
Wir sprechen hier in vielen Fällen von einem Anlagehorizont von 25 Jahren. Das ist eine sehr lange Zeitspanne. Wir glauben, dass die Zinsen sich auch weiterhin nicht stark gegen oben bewegen werden.

Wo sehen Sie weiteres Potenzial im Bereich der illiquiden Assets?
Ich sehe eine starke Entwicklung im Bereich Private Debt, wo wir mit Leveraged Loans-Produkten unser Angebot ausgebaut haben. Hier sind im Vergleich zu den Infrastrukturanlagen die Anlagehorizonte allerdings weniger langfristig.

In diesem Bereich war der Regulator weniger entgegenkommend.
Ja. Aber wir spüren, dass diese Diskussion noch nicht abgeschlossen ist und eine Bereitschaft vorhanden ist, innerhalb der Industrie über Konzepte zu reden. Es gibt Mechanismen, die dem Anleger helfen können, das Risiko bei illiquiden Assets zu verringern. Wir reden hier zum Beispiel von einer temporären Schliessung der Fonds oder von sukzessiven Auszahlungen.

Was halten Sie von dem ESG-Megratend?
Ich sehe verantwortungsbewusstes Anlegen nicht als Trend, ich denke, es ist etwas Fundamentaleres. Auf der einen Seite ist es ein Wachstumsmarkt, aber es wird auch dafür sorgen, dass eigentlich alle bisherigen Produkte sehr stark transformiert werden. Marktteilnehmer, die diesen Shift verpassen, werden Abflüsse verzeichnen.

Welche Ambitionen haben Sie mit Swiss Life Asset Managers in diesem Bereich?
Die Integration von ESG-Faktoren in alle Investitionsprozesse passt zu unserer Herkunft: Es ist die konsequente Anwendung eines wertorientierten Risiko-Managements. Entsprechend ist das bei uns ein wichtiges Thema: Bei 90 Prozent aller Assets, die wir verwalten, berücksichtigen wir im Anlageprozess ESG-Faktoren. Das gilt sowohl für die Bilanzseite als auch für die Drittkundenseite. Die restlichen zehn Prozent sind beispielsweise passive Produkte oder Hypotheken, die wir verwalten. In den letzten drei Jahren haben wir den Bereich nochmals stark ausgebaut.

Wie stehen Sie zu Impact-Produkten? Ist es eine schwierigere Disziplin?
Ja, in der Tat. Es geht darum, Unternehmen mit Steigerungspotential im Bereich ESG zu identifizieren. Also zum Beispiel solche, die aktuell ihren CO2-Ausstoss noch nicht genügend reduziert, aber einen klaren Plan haben, wie und bis wann sie dies erreichen wollen. So lässt sich viel Wirkung erzielen. Aber das braucht auch viel Engagement: Eine dezidierte Unternehmensanalyse, einen direkten Dialog mit dem Unternehmen und ein kontinuierliches Tracking. Deswegen gibt es aktuell auch noch nicht so viele Impact-Produkte. Wir sehen hier für uns aber Chancen, die wir nutzen möchten.

Zum Schluss noch ein kurzer Blick auf die Märkte: Setzen Sie trotz Inflationsängsten weiterhin auf Aktien?
Wir gehen davon aus, dass die Zinsen weiter tief bleiben. Für 2021 sind wir zwar recht zuversichtlich, was Aktien angeht, jedoch bleiben die Märkte sehr volatil. Institutionelle Investoren setzen daher auch weiterhin stark auf illiquide Assets. So auch wir, unsere Aktienquote belief sich per Ende 2020 auf 3.5%. Bei Privatanlegern wird es aber weiterhin eine grosse Nachfrage nach Aktienprodukten geben. Da müsste es schon einen sehr starken konjunkturellen Einbruch geben, damit sich daran etwas ändert.

Seit 2014 ist Stefan Mächler als Group Chief Investment Officer Mitglied der Konzernleitung der Swiss Life Gruppe und leitet mit Swiss Life Asset Managers das Vermögensverwaltungsgeschäft. Davor war Stefan Mächler 18 Jahre für die Credit Suisse Group in den Bereichen Kapitalmarkt und Asset Management tätig. Bei Credit Suisse Asset Management leitete als Managing Director den Bereich Sales & Marketing Europa und Schweiz. Gleichzeitig war er die treibende Kraft bei der Gründung der börsennotierten Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site, deren Verwaltungsratspräsident er bis 2005 war. Von 2005 bis 2009 war er bei der Deutschen Bank zuerst für die Betreuung von Family Offices in der Schweiz verantwortlich und in den letzten zwei Jahren CEO der Privatbank Rüd, Blass & Cie. Von 2009 bis 2014 leitete Stefan Mächler als Direktionsmitglied der Gruppe und Chief Investment Officer das Asset Management der Mobiliar. Lic. iur. HSG Stefan Mächler hat Rechtswissenschaften an der Hochschule St. Gallen studiert.

  • 2020 belief sich die Prämieneinnahmender Swiss Life-Gruppe auf 20 Milliarden Franken, das Nettoergebnis auf 1 Milliarde Franken.
  • Swiss Life zählt zu den 20 Unternehmen, die im Schweizer Leitindex SMI geführt werden. Im August 2021 betrug die Börsenkapitalisierung von Swiss Life knapp 15 Milliarden Franken.
  • Ende 2020 verwaltete Swiss Life Asset Managers ein Vermögen von 269,7 Milliarden Franken.
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