„Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung“

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Interview mit Philippe Naegeli, CEO, GenTwo

Von Andreas Schaffner – Fotos : Juerg Kaufmann

Die digitalen Assets haben sich zu einer eigenen Assetklasse entwickelt. Dazu gehören neben den Kryptowährungen wie Bitcoin oder Etherum auch Tokens, wie NFTs oder auch andere verbriefte Wertschriften. DeFi – Decentraliced Finance – ist das Stichwort. Laut Philippe Naegeli, CEO des Verbriefungs-Spezialisten GenTwo, kommt die grosse Nachfrage immer noch von den Privatanlegern. Damit Asset Manager im grossen Stil investieren können, muss die Infrastruktur entwickelt werden.

Philippe Naegeli, die Zentralbanken haben bereits erste Zinserhöhungen angekündigt. Ist es nun mit dem Hype vorbei bei den digitalen Assets?
Philippe Naegeli: Ganz und gar nicht. Ich glaube, digitale Assets sind gekommen, um zu bleiben. Sie sind keine Tiefzins-Phänomene, sondern das Ergebnis vieler neuer «Use Cases». Es geht um die Anwendung einer neuen Technologie, neuen Wertschöpfungsketten und vielen aufkommenden Geschäftsmodellen. Vom Mehrwert, den sie in vielen Geschäftsbereichen schaffen, werden auch Investoren nachhaltig profitieren. Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung. Es wird sich erst später zeigen, welche einzelnen Bereiche sich durchsetzen werden.

Es erinnert ein wenig an die Zeit, als das Internet aufkam.
Stimmt. Am Anfang gab es teils unsinnige Webseiten, die aber dennoch sehr populär waren. Später hat sich die Spreu vom Weizen getrennt, und grosse Player konnten sich etablieren. So wird es auch mit der Industrie der digitalen Assets sein.

Welche Rolle spielt das Metaversum, das insbesondere von Meta (ehemals Facebook) vorangetrieben wird?
Hier werden digitale Assets eine zentrale Rolle spielen. Schon heute werden Käufe von virtuellen Liegenschaften getätigt.

Woher kommt die Nachfrage heute? Sind es private oder institutionelle Kunden?
Ursprünglich ist der Markt aus dem Privatkundensegment herausgewachsen. Erst in den letzten paar Jahren haben die Institutionellen nach Wegen gesucht, um in die Anlageklasse zu investieren.

Warum?
Der Grund ist, dass es schlichtweg an Infrastruktur fehlte, um institutionelle Gelder in das Finanzsystem zu schleusen. Für Asset Manager oder Banken ist es bis vor nicht allzu langer Zeit schon ein Abenteuer gewesen, Zugang zu Wallets zu erhalten und diese auch noch ordnungsgemäss zu verwalten.

Welche Rolle spielen digitale Assets in einem institutionellen Portfolio der Zukunft?
Digitale Assets sind Vermögenswerte, die in einem Umfeld niedriger Renditen attraktive Renditechancen bieten. Man sollte aber natürlich auch bereit und in der Lage sein, ein entsprechend hohes Risiko einzugehen. Davon abgesehen, fördern digitale Anlagen die Diversifizierung. Sie ermöglichen den Aufbau eines modernen, ausgewogenen und insgesamt leistungsfähigeren Anlageportfolios.

Die Portfolios von morgen werden anders aussehen, als man das noch vor wenigen Jahren in Finance-Kursen gelernt hat.
Ja. Heute wird ja schon den Aktien obligationenähnlichen Charakter zugesprochen.

Risiken bei den digitalen Assets bleiben aber?
Chancen wie Risiken sind nach wie vor überproportional hoch. Jemand, der mit dem hohen Verlustrisiko umzugehen weiss, kann von attraktiven Gewinnchancen profitieren. Die Vielfalt an möglichen Anlagen sowie das Anlegervertrauen werden gleichzeitig weiter steigen. Mit mehr Regulierung des noch jungen Sektors und einer sich weiter entwickelnden Struktur wird der Markt sich voraussichtlich auch weiter stabilisieren. Risiken werden gleichzeitig besser einschätzbar und verwaltbar werden.
Das Gegenparteienrisiko ist zwar weniger hoch aufgrund der Technologie, doch wie sieht es mit dem Thema Liquidität aus?
Im Vergleich zu Standardanlagen wie Blue Chip-Aktien fällt die Liquidität digitaler Vermögenswerte natürlich noch geringer aus. In den meisten Fällen verbessert sich die Liquidität aber mit wachsendem Anlagevolumen. Im Zeitablauf wird somit auch die Handelsfähigkeit entsprechender Anlagen ausgewogener werden.

Es bleiben immer die hohen Kosten.
Ein relativer Begriff – mit der Entwicklung von ETFs oder Tracker-Zertifikaten sollten hier die Kosten sinken.

Wie sind die ersten Erfahrungen mit institutionellen Kunden?
Das Ziel vieler Institutioneller ist es, möglichst unkomplizierten, effizienten Zugang zur Anlageklasse zu bekommen, eigene Anlagestrategien zu entwickeln und sie investierbar zu machen.

Wie ermöglichen Sie diesem Segment den Zugang zur Welt der digitalen Assets? Welche Bereiche der digitalen Assets/DeFi eignen sich hier besonders?
GenTwo bietet Securities-as-a-Service. Wir errichten ausserbilanzielle Verbriefungsplattformen für Assetmanager, Banken, Family Officer und Venture Capital-Investoren. Diese institutionelle Klientel ist daraufhin in der Lage, portfolio-kompatible Anlageprodukte mit Schweizer ISIN – Tracker-Zertifikate, aktiv gemanagte Zertikate oder auch Credit-Linked Notes – direkt und ohne Einbindung eines Bankenemittenten auf den Markt zu bringen. Dank unserer Lösung ist es heute möglich, alle Vermögenswerte – und damit auch alle digitalen Assets – zu verbriefen und für Investoren zugänglich zu machen. Moderne Verbriefung eignet sich auch für DeFi oder NFTs. Dank der Finanzinstrumente mit Schweizer ISIN lassen sich sämtliche Vermögenswerte leicht in Portfolios einbinden und verwalten.

Wie sieht es mit Sicherheiten und Kontrollmechanismen aus?
In Bezug auf Sicherheiten und Kontrolle besteht sicherlich noch viel Luft nach oben. Was wir bei GenTwo aber sagen können: Unsere Handelspartner, zum Beispiel Verwahrstellen und Broker, sind Teil des traditionellen Finanzsystems und reguliert. Innerhalb der Industrie erkennen wir gleichzeitig eine zunehmende Intensivierung von Regulierung – was gut ist. Es ist ein wichtiger Trend, um die Anlageklasse nachhaltig zu etablieren.

Immer noch spielen Know Your Customer-Fragen (KYC) einer Rolle? Wie sieht die Regulation in diesem Bereich aus?
Auch hinsichtlich der KYC wird es wohl eine Zeitlang immer mal wieder zu Problemen kommen. Dabei ist aber festzuhalten, dass sogenannte Entry- und Exitpunkte immer stärker geprüft und von Regulierung betroffen sein werden. Man sollte hierauf auch künftig ein besonderes Augenmerk legen.

Welche Rolle spielt die Schweiz als Standort?
Die Schweiz spielt beim Aufbau eines funktionierenden, weltweiten Ökosystems eine sehr wichtige Rolle. Wir befinden uns in einem politisch neutralen Land, das als fortschrittlich gilt und in vielerlei Hinsicht dezentral organisiert ist. Es handelt sich um ein innovatives und ideales Umfeld für die noch junge Kryptobranche. Neue Entwicklungen und Talente sind willkommen, die Regulierung ist fortschrittlich und das Handeln proaktiv. So kann das Land Chancen wahrnehmen und auch in Zukunft als Gestalter eine relevante Rolle einnehmen.

Wird es dank diesen Standortvorteilen zu einem Boom im Asset Management kommen?
Zu den Attributen eines gut funktionierenden, internationalen Marktplatzes gehören Rechtssicherheit sowie ein aktives Management organisatorischer Rahmenbedingungen. Es sind die Grundvoraussetzungen für die Entstehung von Innovation und zugleich die Stärken der Schweiz. Unsere Wirtschaftsleistung basiert auf der Fähigkeit, sinnvolle Transaktionen durchzuführen und so den effizienten Handel hinsichtlich aller für uns relevanten Industrien zu ermöglichen. Zunächst geht es darum, einen fairen Markt aufzubauen und Transaktionen zu fairen Konditionen durchzuführen. Dazu hilft sicher, dass die Schweizer Börse eine wichtige Rolle spielen möchte.

Welche Hürden gibt es noch zu nehmen? Sind es technologische Fragen?
Es ist weniger eine technologische Frage. Die Schweiz profitiert von vielen Talenten mit entsprechendem Know-How. Eine Hürde wird eher sein, dass sich andere, grössere Wirtschaftsräume gegenüber den positiven Entwicklungen in der Schweiz nicht einfach geschlagen geben werden.

Die Schweiz sowie Liechtenstein haben sich in der Vergangenheit international des öfteren einem gewissen Druck ausgesetzt gesehen. Zuletzt beim Bankgeheimnis. Droht das gleiche Schicksal?
Nein. Aber auch in Zukunft werden sie sich wieder behaupten müssen. Dazu müssen sie aber bereit sein, ihre Rahmenbedingungen immer wieder zu hinterfragen und auf den neuesten Stand zu bringen. Die Unabhängigkeit eines kleineren, jedoch unabhängigen Wirtschaftsraums wird sich international immer wieder beweisen müssen.

Philippe Naegeli ist GenTwo-Mitgründer und hat, nachdem er eine Zeitlang als Chief Vision Officer fungierte, wieder den Posten des CEO übernommen. Er verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Trading, Investment, Geschäftsbank und der Entwicklung neuartiger, auf Innovation ausgerichteter Strategien. Unter anderem war er in den USA bei Forstmann & Co als Managing Partner tätig. Ausserdem sass er zwischen 2017 und 2019 im Beratungsausschuss von CAT Financial Products, einem unabhängigen Schweizer Makler für strukturierte Produkte.

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