„ Wir suchen ikonische Marken, um ihnen neuen Schwung zu verleihen“

237
0
Share:

Interview mit Philippe Camperio, Chief Executive Officer, Haeres Capital

Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

Philippe Camperio ist ein grosser Kenner der Feinheiten des Private-Equity-Geschäfts, das er seit über 20 Jahren betreibt, und leitet Haeres Capital, eine auf Luxus und Lifestyle spezialisierte Boutique. Seine Marktnische:
die „schlafenden Schönheiten“, d.h. legendäre Marken, die vor sich hin schlummern, wie etwa Borsalino, der berühmte italienische Hutmacher, der 2017 für einen entschlossenen Relaunch gewonnen wurde.

Welche Art Investments bietet Haeres Capital in Bezug auf Formate, Beträge und Laufzeiten an?
Philippe Camperio: Unser Investmentformat ist die Beteiligung – und meist auch die Kontrollübernahme – an Marken des Luxus- und Lifestyle-Universums, die ein hohes Potenzial haben. Das von uns eingebrachte Kapital wird zur Finanzierung des Wachstums, zur Optimierung der operativen und finanziellen Ressourcen oder sogar für eine Umstrukturierung verwendet. Die investierten Beträge schwanken, aber in der Regel bewegen wir uns bei Unternehmenswerten zwischen 15 und 30 Millionen Euro. Haeres Capital ist kein Investmentfonds und hat folglich keinen Reifegrad. Daher verfügen wir bei der Analyse unserer Zielunternehmen über sehr viel Flexibilität.

Mit welcher Art von Investoren arbeiten Sie in der Regel?
Bei jeder Transaktion syndizieren wir ein Drittel bis die Hälfte der Investition über einen Club Deal oder eine Finanzierungsrunde, bei der wir die Rolle des Lead-Investors übernehmen. Die Syndizierung findet auf der Ebene des Kapitals des Zielunternehmens und als Minderheitsbeteiligung statt. Bei den Investoren handelt es sich um Familien, Unternehmer oder Vermögensverwalter, die ihre Kunden vertreten. Sie verteilen sich auf Europa und Asien. Wenn Sie sich engagieren, dann weil sie eine Affinität mit dem Zielunternehmen haben, insbesondere was Marktpositionierung, Produkte, Reifegrad oder geografische Lage angeht.

Auf welche Sektoren erstreckt sich Ihre Expertise vor allem?
Seit 2015 haben wir uns wirklich nur aufLuxus und Lifestyle spezialisiert. In den vergangenen sieben Jahren haben wir sehr viel über diese Branche gelernt. Für unsere Kapitalanlagen schauen wir daher in erster Linie auf die Exzellenz von Marke und Produkt. Das ist unser erstes Kriterium. Die Legacy, also das Vermächtnis der Marke, ist uns ebenso wichtig. Unsere Marken müssen bei ihren Zielgruppen Emotionen und ein Zugehörigkeitsgefühl auslösen. Sie müssen eine absolute Zufriedenheit mit der Qualität des Produkts und der damit verbundenen Dienstleistung vermitteln. Wenn diese Punkte abgehakt sind, erstellen wir einen „Business Case“ für die Entwicklung der Marke, der Produkte und Märkte.
Wir haben das Profil unseres Mitarbeiterteams genau auf unsere Positionierung in der Luxus- und Lifestyle-Branche abgestimmt. Giacomo Santucci ist ein früherer CEO von Gucci und fungierte als COO bei Dolce Gabbana; Jérôme Macari war 15 Jahre Mitglied der Finanzdirektion von Kering und als CFO und später als COO bei Brioni tätig; und Alberto Nathanson, ein früherer Konzern-CFO von Bulgari, ist auch bei uns dabei. Wir konnten grossartige Fachleute für uns gewinnen, zu denen demnächst ein Leiter „Branding“ hinzukommen soll. Unterstützt werden sie von einem 6-köpfigen Team von Spezialisten für Unternehmensrecht und geistiges Eigentum, Finanzanalysten und Geschäftsentwicklern.

Was zeichnet Ihre Erwerbs-strategie aus?
Unser Geschäftsmodell basiert auf dem sogenannten „Erwecken schlafender Schönheiten“. Wir suchen ikonische Marken, um ihnen neuen Schwung zu verleihen und sie zu neuen Ufern zu führen, die sowohl physisch als auch digital sein können. Zusammen mit dem Haeres-Team haben wir eine Investitions- und natürlich auch Managementstrategie entwickelt, die darin besteht, Unternehmen, die „nicht auf dem Schirm“ sind, zu identifizieren und zu erwerben. Die grossen Private-Equity-Fonds oder Luxusgüterkonzerne interessieren sich nicht für diese Firmen, weil sie zu klein oder zu komplex sind. Andererseits sind sie zu gross für Unternehmer, die ein Management-Buy-Out anstreben.

Können Sie uns ein Beispiel für eine „schlafende Schönheit“ nennen?
Dabei denke ich natürlich an Borsalino, die berühmte italienische Hutmarke, die sozusagen vor sich hin schlummerte, als wir 2015 erste Annäherungsversuche unternahmen. Dieser Deal brauchte seine Zeit und wurde erst drei Jahre später abgeschlossen, aber mir war sehr schnell klar, dass wir das Management erneuern mussten, um sicherzugehen, dass wir diese absolut fabelhafte Marke wieder zum Leben erwecken konnten.

Was haben Sie derzeit im Portfolio?
Wir haben in den letzten drei Jahren zwei Ausstiege abgeschlossen. Haeres hält immer noch eine grosse Beteiligung an Borsalino und wir stehen kurz vor dem Erwerb von zwei italienischen Luxusmarken, die das Portfolio im Sommer ergänzen sollen. Zudem prüfen wir zwei neue Fälle, deren Abschluss noch vor Jahresende erwartet wird. Es ist sehr schwierig, geeignete Kandidaten zu finden. Stellen Sie sich vor: Für einen realisierten Unternehmenserwerb müssen etwa 15 Zielfirmen analysiert und somit vielleicht 50 Kandidaten identifiziert werden. Der Markt ist jedoch klein und diskret. Man muss also wissen, wie man vorgehen muss.

Wie bringen Sie sich in Ihre Deals ein?
Was uns auszeichnet, ist unsere sehr starke, fast tägliche Einbindung in das Management von Unternehmen. Wir setzen uns mitten ins Geschehen. Unser Team ist äusserst proaktiv, denn wir stellen ad interim die Posten des CEO und des CFO. Wir übernehmen zudem die Funktionen Geschäftsentwicklung, Marketing und Recht. Das heisst wir versuchen, innerhalb des Unternehmens Wert „freizusetzen“, indem wir neue Ressourcen integrieren, wo nötig umstrukturieren und die Mitarbeiter „zusammenführen“, denn sie sind unser wichtigster Aktivposten.
Unser Modell ist wirklich sehr speziell. Ich habe es nirgends sonst in der Luxusbranche gesehen. Wir konzentrieren hochqualifizierte Fachkräfte auf Haeres, die Holding, und verteilen sie dann auf die verschiedenen Projekte, die wir betreuen. Das ist viel interessanter für das Team, das gleichzeitig an mehreren Fronten tätig ist.
Allerdings ist dieses Modell sehr zeitaufwendig und wir können nicht zu viele Investitionen auf einmal verwalten. Wir beschränken uns auf jeweils fünf Beteiligungen.

Was waren Ihre schönsten Transaktionen in den letzten 20 Jahren?
Das ist schwer zu beantworten. Vor Haeres Capital arbeitete ich bereits auf den Gebieten M&A und Private Equity, und zwar im Bereich Corporate Finance. Wir haben für unsere Kunden sehr schöne Transaktionen durchgeführt, etwa 250, aber die meisten sind vertraulich. Bei Haeres ist unstreitig Borsalino das herausragende Ereignis. Es hat uns mit einem sehr komplexen Übernahmeverfahren und zwei aufeinander folgenden Turnarounds auf eine harte Probe gestellt. Meiner Ansicht nach sind wir daraus gestärkt hervorgegangen. Wir haben dabei echten Pragmatismus und ordentliche Kompetenzen in der Welt des Luxus erworben, speziell im italienischen Segment, in dem man subtil und überzeugend „navigieren“ muss.

Sie haben mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Branche. Wie sehen Sie die Entwicklung der Private-Equity-Welt seither?
Ich beobachte eine wachsende Demokratisierung des Zugangs zu dieser Anlageklasse. Das Interesse an Private Equity seitens solcher Investoren, die sich der Realwirtschaft und dem Unternehmertum näher fühlen, hat zugenommen. Ausserdem stelle ich eine allmähliche Institutionalisierung des Private-Equity-Sektors fest, was äusserst positive Auswirkungen für die Investoren hat, nämlich in Bezug auf Transparenz und Governance. In diesen Bereichen tragen die in den Unternehmen eingeführten Prozesse sehr dazu bei, dass die Investoren sich bei der Entscheidungsfindung im Vorfeld sicher fühlen, und sie garantieren ihnen ausserdem eine bessere Übersicht bei der Nachverfolgung der Investition. Der Investitionsmarkt wird dadurch viel wettbewerbsintensiver und der Zugang zum Deal Flow immer schwieriger. Das ist der Nachteil, aber wir arbeiten hart, um Zugang zu guten Anlagechancen zu bekommen.

Welche Ambitionen hegen Sie für Haeres?
Unser Ziel ist es, den Shareholder Value jedes Unternehmens zu vervielfachen, indem wir Wert schaffen und gleichzeitig die Kosten unter Kontrolle halten, insbesondere mithilfe unserer Plattform für Kostenpooling. Historisch liegen wir deutlich über den Wertentwicklungen unseres Sektors.
Wir haben zwar keine Verpflichtungen in Bezug auf den Reifegrad, da wir kein Fonds sind, aber wir streben tendenziell eine mögliche Monetarisierung nach 4 bis 6 Jahren an. Sobald dieses Ziel erreicht ist, entscheiden die Aktionäre über einen teilweisen oder vollständigen Ausstieg, es kann aber auch sein, dass sie die Reise an unserer Seite lieber fortsetzen wollen.

Philippe Camperio leitet Haeres Capital, eine private Beteiligungsgesellschaft, die diverse Vermögenswerte auf im Luxus- und Immobiliensektor besitzt und verwaltet. Philippe Camperio ist zudem Gründungsgesellschafter von Quest Partners, einer im Jahr 2000 gegründeten Investment-Banking-Boutique mit Fokus auf Private Equity und Real Estate. Quest Partners fungiert als Berater bei Fusionen und Übernahmen sowie bei Unternehmensfinanzierungsgeschäften. Quest Partners begleitet auch Haeres Capital bei ihrer Investitionstätigkeit. Philippe Camperio
hat Rechtswissenschaften am King’s College in London studiert, und hat einen Master in Finanzwesen der Cass Business School, ebenfalls in London.

Share: