„Wir wachsen im Wealth Management erfreulich“

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Interview mit Georg Schubiger, Leiter der Sparte Wealth Management, Vontobel

Von Andreas Schaffner – Fotos: Jürg Kaufmann

Das Schweizer Investmenthaus Vontobel hat nach seinem radikalen Umbau 2019 die gut laufende Sparte Wealth Management stärker ins Scheinwerferlicht gestellt. Im Interview mit SPHERE spricht Schubiger über die neue Wahrnehmung des Investmenthauses, sowie die die Digitalisierung und Zukunft des Finanzplatzes.

Was hat sich in der Vermögens-verwaltung durch Corona verändert?
Georg Schubiger: Die Branche ist sehr gut durch die Corona-Krise gekommen. Es gibt grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Playern, aber einzelne Teilnehmer sind weiter sehr stark gewachsen.

Sie meinen auch Vontobel mit seinem Plus von 8 Prozent an verwalteten Vermögen im Jahr 2021 gegenüber dem Vorjahr und einem Rekordergebnis.
Ja, auf jeden Fall. Unsere Dienstleistungen, die ja auch ein Teil der Exportindustrie sind, werden sehr stark nachgefragt. Und das gilt nicht nur für Vontobel.

Aus welchen Gründen? Ist der sichere Hafen Schweiz wieder gefragt?
Natürlich gibt es Makro-Faktoren, die die Entwicklung begünstigen. Wie haben eine stabile Währung, eine stabile Wirtschaft und eine stabile politische Situation in der Schweiz. Doch wir sind auch ein Institut, dass es seit fast 100 Jahren gibt. Trotz allen Unkenrufen stehen wir auch als Branche sehr gut da, die zusätzliche Regulation des Sektors hat uns sogar geholfen.

Stabilität, Vertraulichkeit, Verlässlichkeit sind also wieder gefragt.
Ja, aber auch unser Knowhow. Ich kenne praktisch kein Finanzinstitut in einem anderen Land, dass einem Kunden ein über Währungen und Länder diversifiziertes Portfolio abbilden kann. Und dies in 20 verschiedenen Sprachen und kompatibel mit über 20 verschiedenen Steuersystemen.

Vontobel hat in den vergangenen Jahren eine starke Transformation durchgemacht und auch das Wealth Management neu in den Vordergrund gestellt. Was war der Grundgedanke?
Ein zentraler Punkt ist, dass wir uns als Investmenthaus positioniert haben. Uns ist wichtig, dass alle Kunden, private und institutionelle Kunden, auf unsere rund 300 Anlagespezialisten zugreifen können. Um ein Bespiel zu machen: Für uns ist es zentral, dass wir mit unserem Research Unternehmen abdecken, die für unsere Kunden relevant sind. Dazu gehören insbesondere die Schweizer Aktien.

Dann kommt der starke digitale Wandel hinzu. Auch hier hat Ihnen Corona geholfen.
Wir haben als Institut schon immer versucht, bei der Innovation vorne mit dabei zu sein. Wir waren die ersten, die Trackerzertifikate auf digitalen Währungen angeboten haben. Und mit unserem Digitalen Hub und dem agilen Setup haben wir innert Kürze neue MiFID-II-konforme Lösungen entwickelt. Corona hat bei den Kundenbeziehungen starke Veränderungen bewirkt, welchen wir jederzeit entsprechen konnten.

Die Akzeptanz von digitalen Lösungen ist natürlich höher als vor der Corona-Krise.
Natürlich, das auch. Das hätte jedoch nicht funktioniert, wenn wir nicht vorbereitet gewesen wären. Ich kann mich noch genau an das Märzwochenende im Jahr 2020 erinnern. Alle waren im Homeoffice und uns stand eine massive Marktkorrektur bevor. Tatsächlich haben wir am Folgemontag den grössten Umsatz in der Geschichte des Instituts gesehen. Und wir haben keine Aussetzer gehabt, es hat keine Kundenreklamationen gegeben. Das hat mich beeindruckt und natürlich auch stolz gemacht.

Wo bleibt das Kundenerlebnis, wenn alles nur noch digital funktioniert?
Es bleibt sehr wichtig. Das digitale Erlebnis ist nicht ohne die persönliche Beratung denkbar. Das sehen wir bei den rein digitalen Banken. Ich glaube an eine Kombination von physischen und digitalen Angeboten.

Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Kundengruppen?
Wir richten uns auf die Bedürfnisse der Kunden aus. Es gibt Kunden, die sehr breit und ganzheitlich mit uns arbeiten wollen, von der Kontoführung bis zu Vorsorgethemen. Die nennen wir Hans und Hanna – das sind die holistischen Investoren. Daneben haben wir Kunden, die ihre Bankbeziehung gerne diversifizieren. Diese Kunden nennen wir Daniel und Daniela. Hierzu gehören insbesondere unsere internationalen Kunden. Für die macht ein Reporting Sinn, dass die Steuergesetze des jeweiligen Domizillandes abbildet. Als drittes sind diejenigen Kunden zu nennen, die nur einzelne Produkte bei uns suchen – diese Kunden nennen wir intern Peter und Petra. Hier gilt es, die Besten zu sein, aber natürlich auch bei der Performance.

Welche dieser Segmente wächst am schnellsten?
Wir weisen hier keine Segmentresultate aus. Aber es ist wirklich so, dass wir in allen Bereichen sehr stark wachsen – und gleichzeitig die Kosten im Griff behalten.

Grösse allein garantiert im Private Banking also noch keinen Erfolg. Warum eigentlich nicht?
Das hat damit zu tun, dass es viel weniger Synergien gibt, als man gemeinhin annehmen würde. Besonders wenn man über die Grenzen hinweg arbeitet, sind die Skaleneffekte klein. Das ist ein Grund, wieso wir uns auf wenige, dafür starke Kernmärkte fokussiert haben. Wir haben nur eine Banklizenz in der Schweiz und in Deutschland. Wir produzieren und verbuchen grundsätzlich in der Schweiz; für andere Länder, in denen wir mit Partner zusammenarbeiten, exportieren wir die Dienstleistung.

Also dann wäre die Frage nach der kritischen Grösse, die insbesondere auch kleinere Vermögensverwalter betrifft, eigentlich falsch gestellt?
Es braucht sicher eine gewisse Grösse, um alles anbieten zu können. Zentral ist aber, dass man sich fokussiert auf das, was man wirklich beherrscht. Ähnlich wie im Banking befindet sich die Vermögensverwaltung in einem gewaltigen Umbruch. Nur wer sich differenziert gegenüber der Konkurrenz, ist erfolgreich.

Die Regulierung ist in beiden Bereichen ein Thema – nicht zuletzt wegen den Kostenfolgen.
Ja, es ist mir aber wichtig, zu betonen, dass eine starke Regulierung für den Finanzplatz gut ist. Kunden im Ausland wissen, dass den Marktteilnehmern auf die Finger geschaut wird. Ich vergleiche es mit gutem Fussball: Auch der ist nur gut, wenn ein guter Schiedsrichter die Einhaltung der Spielregeln überwacht.

Doch wo endet das?
Natürlich ist die Branche dynamisch und so passt sich auch die Regulierung an. Sie muss mitziehen. Natürlich ist das nie fertig.

Was ist aus Ihrer Sicht die grösste Herausforderung für die Branche, wenn nicht die Regulierung?
Nun, ich glaube, das Allerwichtigste ist, dass man auf der Investment-Seite die Nase vorne hat. Man muss verstehen, dass die Kunden Performance sehen wollen. Das ist der Kern dessen, was wir machen. Als zweiten Punkt würde ich die Innovationsfähigkeit sehen. Die Kundenbedürfnisse verändern sich, das darf man nicht verschlafen. Und als letztes muss man die Risiken im Griff haben.

Das sind trotz allem rechte Brocken. Sie sehen dem aber gelassen entgegen.
Das bringt nichts. Ich habe Mühe, wenn man die Hände in den Schoss legt und einfach jammert und sich beklagt. Wir sind in einer sehr erfolgreichen Industrie tätig. Wenn wir unsere Hausaufgaben machen, dann packen wir es auch.

Abschliessend noch zum aktuellen Krieg in der Ukraine: Reiche Russen haben ihr Geld gerne bei Schweizer Banken angelegt, auch Vontobel hat russische Wealth-Management-Kunden. Wie hart ist Vontobel betroffen?
In erster Linie geht es hier um Menschen, Menschen, die derzeit Unvorstellbares erleben. Es ist eine menschliche Tragödie, und unser Mitgefühl gilt den Menschen in der Region. Die direkten Folgen sind sehr überschaubar. Für uns ging es zunächst vor allem um zahlreiche Fragen im Zusammenhang mit der Beschränkung von Transaktionen und wie wir Personen einordnen sollen, die etwa in Westeuropa leben oder hier verheiratet sind. Vontobel erfüllt alle Sanktionen. Wir nehmen auch keine neuen Kunden aus Russland mehr an, und bei den bestehenden Verbindungen ruht das Geschäft faktisch.

Georg Schubiger, ist seit dem 1. August 2012 Leiter der Sparte Wealth Management bei Vontobel. Der studierte Betriebsökonom HSG verfügt über ein profundes Fach- und Erfahrungswissen in der internationalen Finanzindustrie. Neben einer ausgewiesenen Strategie- und Management-Kompetenz bringt er auch direkte Geschäftserfahrung mit, allem aus Skandinavien aber auch Osteuropa und Russland, dank Stationen bei der Sampo Gruppe in Finnland und der Danske Bank Gruppe in Dänemark mit.

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