„Wir wollen in puncto Produkte und Emittenten auf dem Diversifikationskurs bleiben“

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Interview mit Alessandro Ricci, Head Investment Solutions, Leonteq

Von Andreas Schaffner – Fotos: Juerg Kaufmann

Neben den strukturierten Produkten, ihrem Kerngeschäft, hat Leonteq in den letzten Jahren das Angebot umfassend ausgebaut. Mit diesen Produktelinien generiert das Unternehmen heute mehr als die Hälfte seiner Einnahmen. Und die neuen Initiativen werden fortgesetzt, wie zum Beispiel die LynQs-Plattform, auf die Alessandro Ricci in diesem Interview näher eingeht.

Nach dem Boom der Finanzmärkte der letzten Jahre ist die Lage unübersichtlicher geworden. Wie schätzen Sie das aktuelle Umfeld für strukturierte Produkte ein?
z Alessandro Ricci: Wir haben es eindeutig mit einem Umfeld erhöhter Volatilität und Unsicherheit zu tun. Da strukturierte Produkte zu den besonders vielseitigen Anlageprodukten gehören, können Anleger mit ihnen ihre Portfolios schützen und gleichzeitig investiert bleiben. Im ersten Halbjahr 2022 haben wir eine Zunahme bei Produkten mit Kapitalschutz und festverzinslichen Instrumenten beobachtet – beide profitieren von den jüngsten Zinserhöhungen.

Wie wirkt sich der Rückgang der Märkte auf die Anleger aus und was bedeutet dies für die Pläne von Leonteq?
Infolge der Verunsicherung des Marktes in der ersten Jahreshälfte 2022 verzichteten die Anleger auf neue Engagements, zumal praktisch alle Anlageklassen schlecht liefen. Trotz dieser Störfaktoren nutzen wir die Investitionen zur schrittweisen Diversifizierung unseres Angebots, so dass der Umsatz neuer Produktinitiativen 53% des Gesamtumsatzes im ersten Halbjahr 2022 repräsentierte, was einer Zunahme um 7% gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum entsprach. Dies bestätigt die Relevanz eines unserer strategischen Schwerpunkte: die Erweiterung des Produktangebots für unsere Kunden.

Wie schätzen Sie die Marktentwicklung in den kommenden Monaten ein?
Ich glaube, dass die anhaltende geopolitische und entsprechende makroökonomische Unsicherheit weiter für Nervosität an den Märkten sorgen wird. Steigende Zinsen und eine erhöhte Volatilität (in allen Anlageklassen) bedeuten jedoch, dass bei einem mittel- bis langfristigen Anlagehorizont Chancen genutzt werden können. Die jüngste Krise hat uns gelehrt, dass dauerhafte Verluste in Portfolios auf das ungünstige „Timing des Marktes“ zurückzuführen sind, denn es wird unweigerlich immer zu spät verkauft oder gekauft. Mit strukturierten Produkten können Anleger investiert bleiben und den Timing-Faktor besser steuern.

Wie positioniert sich Leonteq in einem derartigen Umfeld?
In den letzten vier Jahren haben wir unser Angebot erheblich ausgebaut: wir erweiterten unsere traditionellen Auto Callable-Produkte um Fondsderivate, Kryptos und Quantitative Investment Strategies. Ferner investierten wir in unser AMC-Angebot und in weniger bilanzlastige Aktivitäten. Wir wollen in puncto Produkte und Emittenten auf diesem Diversifikationskurs bleiben und nutzen mehr und mehr Anlagethemen, die wir mit externen Content-Anbietern auflegen.
Dies wird durch das Wachstum unseres digitalen Angebots namens LynQs flankiert. Mittlerweile bietet LynQs in einer offenen Architektur Zugang zu Preisen, zu Life Cycle Management-Tools und AMC. Vor allem LCM-Kapazitäten gewinnen für das Risikomanagement von Portfolios strukturierter Produkte zunehmend an Bedeutung.

Welche Rolle spielt LynQs als Multi-Emittenten-Plattform in diesem Zusammenhang?
LynQs ist einer der Eckpfeiler unserer Strategie. Technologie wird den Menschen wohl nie ganz ersetzen können, doch sie wird im Kundenservice immer wichtiger. Die Rückmeldungen unserer Kunden, die LynQs einsetzen, sind sehr positiv: angenehme Nutzererfahrung, moderne Architektur und modernes Design mit mehreren unterschiedlichen Modulen. Wir werden weiter in die Plattform investieren und das Feedback unserer Kunden auswerten, das wir künftig öfter einholen.

Vor Kurzem haben Sie Swissquote als Emittenten gewonnen? Wie wird sich die Plattform weiterentwickeln?
Vor einigen Wochen haben wir die ersten Produkte mit VP Bank mit einem innovativen Onboarding-Konzept aufgelegt, das die Vorlaufzeiten und die Kosten für die Banken senken soll. Banken – und generell Financial Sponsors – können ihr eigenes massgeschneidertes Produkt für den Verkauf an ihre eigenen Kunden entwickeln. Darüber hinaus haben wir unlängst unser Produktangebot mit Scharia-konformen Trust-Zertifikaten erweitert – mit diesem Schritt hat Leonteq nunmehr auch im wachstumsstarken Segment der islamischen Finanzprodukte Fuss gefasst.

Wie sind Ihre Pläne im Bereich der digitalen Assets?
Heute sind wir ein führender Anbieter von verbrieften Produkten auf Kryptowährungen mit dem grössten Universum an Basiswerten, drei Krypto-Baskets und unserem Leonteq Crypto Index-Produkt. Wir werden zur Erweiterung unseres Angebots weiter in unsere Infrastruktur investieren, denn wir sind der Überzeugung, dass das Segment dank etablierter Regulierungsmechanismen und reifender Technologie im Portfolio unserer Kunden einen immer wichtigeren Platz einnehmen wird.

Bei Leonteq haben Sie die Entwicklung der unabhängigen Vermögensverwalter massgeblich vorangetrieben. Was war ausschlaggebend?
Ich glaube, dass Leonteq und die IAM mit ihrer Positionierung auf ihren jeweiligen Märkten ganz einfach gut zusammenpassen. Wir glauben angesichts der Art unseres Kernangebots, dass Kohärenz, Innovation und Transparenz Schlüsselelemente für den Aufbau langfristiger, nachhaltiger Beziehungen sind. Dieselben Werte halten auch die unabhängigen Vermögensverwalter mit ihren eigenen Kunden hoch.

Was ist die grösste Herausforderung in diesem Umfeld? Die strengere Regulierung oder die Digitalisierung?
Ich würde beides nicht als Herausforderung bezeichnen. Die zunehmende Regulierung ist bloss ein ständiger Verweis auf die treuhänderischen Pflichten der Branche gegenüber den Anlegern, die ihr Sparkapital tagtäglich an den Finanzmärkten investieren. Die Digitalisierung hingegen eröffnet neue Märkte und Geschäftsmöglichkeiten und ermöglicht einen besseren Zugang für Kunden und Anleger. Müsste ich eine Herausforderung für die gesamte Branche nennen, dann wäre dies eine gewisse Selbstgefälligkeit oder ein Mangel an Innovationswillen. Unsere Branche muss sich – wie die gesamte Wirtschaft – weiterentwickeln, wenn sie relevant bleiben und ihre Funktion weiterhin effizient ausüben will.

Zum Stichwort ‚Digitalisierung der Vermögensverwalter‘: Wo liegen Ihrer Ansicht nach hier die Chancen?
Durch den Zugang zu einer flexiblen und automatisierten Plattform können (unabhängige) Vermögensverwalter ihren Endkunden einen beispiellosen Service bieten. LynQs, unser One-Stop-Shop für strukturierte Produkte, ist ein Beispiel dafür. Vor kurzem haben wir das AMC Gateway in LynQs integriert. Indexsponsoren profitieren von einer stärkeren Automatisierung und einem einzigen Zugangspunkt für die Verwaltung ihrer passgenauen Indexlösung. Ein weiteres Beispiel für automatisierte Prozesse ist das „Range Pricing“-Tool. Dies generiert in wenigen Sekunden Hunderte von Preisen, um die beste Anlagelösung unter Berücksichtigung verschiedener Produktparameter für mehrere Emittenten zu finden.

Welche Rolle will Leonteq bei dieser Entwicklung spielen?
Wir wollen unsere Plattform zu einer Meta-Plattform für Anlagelösungen entwickeln. Meta-Plattformen bieten ein 360-Grad-Angebot mit einer offenen Architektur und Serviceleistungen vor und nach dem Handel, wie beispielsweise Anlageideen oder Lifecycle Management. Abgesehen von der Digitalisierung bleibt Leonteq seiner Mission treu und wird auch weiterhin jedem Kunden erstklassige Produkte und Dienstleistungen anbieten. Des Weiteren will Leonteq sein exklusives Geschäftsmodell weiterentwickeln, das ein umfangreiches White-Label-Programm umfasst. Auf unserer führenden Service- und Technologieplattform können externe Banken mit diesem Programm strukturierte Produkte im eigenen Namen und mit ihrer Corporate Identity konzipieren und vertreiben.

Alessandro Ricci ist seit 2021 Head Investment Solutions und Mitglied der Geschäftsleitung von Leonteq AG. Er war zuvor stellvertretender Head Investment Solutions sowie Head Switzerland & EMEA. Davor war Ricci Co-Head Derivatives & Head of Structured Products bei Exane, und von 2008 bis 2016 hatte er verschiedene Führungsfunktionen in der Structured Products Division bei Nomura International inne. Er begann seine Karriere bei McKinsey, bevor er zu Lehmann Brothers wechselte.
Er hat einen Abschluss in Mechanical Engineering von der Università degli
Studi di Napoli Federico II sowie einen MBA in Finance von der Columbia Business School in New York.

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