Übergang
Dominik Buholzer
Finews
Jüngster Spross eröffnet Aquila neue Chancen
Mehr als eine hierarchische Funktion wird Leadership heute zu einer gezielt zu entwickelnden Kompetenz – getragen von strategischer Klarheit, Einflussfähigkeit und menschlicher Ausrichtung. Jérôme Koechlin analysiert die neuen Grundlagen modernen Leaderships und die Voraussetzungen, um Organisationen langfristig leistungsfähig und sinnstiftend zu gestalten.
Von Jérôme Sicard
Sie sind Leadership Management International beigetreten. Welche Rolle übernehmen Sie innerhalb dieser Struktur?
In einer Welt, die sowohl makroökonomisch als auch geopolitisch von Unsicherheit geprägt ist, verändert sich die Rolle von Leadern grundlegend. Heute sind vielfältige und komplementäre Fähigkeiten gefragt. Mein Engagement bei Leadership Management International besteht darin, Entscheidungsträger beim Aufbau eines bewussteren, strategischeren, wirkungsvolleren und menschlicheren Leaderships zu begleiten.
LMI beruht auf einer klaren Überzeugung: Leadership ist kein Status, sondern eine Kompetenz, die sich entwickeln lässt. Unser Ziel ist es, Organisationen und ihre Leader dabei zu unterstützen, ihr Potenzial in reale Wirkung zu übersetzen – durch Arbeit an persönlicher Produktivität, persönlichem und motivationalem Leadership, Entscheidungs-Governance sowie der Fähigkeit, Teams um eine gemeinsame Vision zu mobilisieren. Die LMI-Methodik basiert auf soliden Grundlagen und integriert aktuelle Erkenntnisse aus Leadership, Kommunikation sowie kognitiven und verhaltenswissenschaftlichen Disziplinen. Seit 50 Jahren hat LMI weltweit mehr als zwei Millionen Leader ausgebildet.
Gemeinsam mit meinen Partnern möchte ich ein umfassenderes und transformatorisches Leadership-Verstaendnis fördern, das wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Veränderungen antizipieren kann und den Beitrag von Organisationen neu definiert.
Was unterscheidet leistungsstarke Organisationen dauerhaft von anderen?
Die erfolgreichsten Organisationen sind nicht zwingend jene mit den grössten Ressourcen, sondern jene, denen es gelingt, Vision, Kultur und Umsetzung in Einklang zu bringen. In einem sich schnell verändernden wirtschaftlichen Umfeld basiert nachhaltige Performance vor allem auf strategischer Klarheit, Umsetzungsdisziplin, hoher Leadership-Qualität und kontinuierlicher Lernfähigkeit. Erfolgreiche Organisationen zeichnen sich durch Leadership aus, das zugleich klar, entschlossen, empathisch und anspruchsvoll ist. Organisationen in Schwierigkeiten hingegen zeigen oft Schwächen in ihrer Governance oder in ihrer Fähigkeit, gemeinsamen Sinn zu stiften.
Wie zeichnet sich wirklich einflussreiches und nachhaltiges Leadership aus?
Einflussreiches und nachhaltiges Leadership misst sich nicht an der hierarchischen Position, sondern an der Fähigkeit zuzuhören, eine klare Vision zu vermitteln und Verhalten sowie Entscheidungen langfristig positiv zu prägen. Es beruht auf der konsequenten Übereinstimmung von Werten und Handlungen, auf emotionaler und relationaler Intelligenz sowie auf der Fähigkeit, in unsicheren Zeiten Vertrauen zu schaffen. Modernes Leadership ist kein Leadership der Autorität mehr, sondern eines der Zustimmung. Leader, die ihre Zeit prägen, sind jene, die Sinn schaffen, nicht jene, die lediglich Entscheidungen durchsetzen. Die Harvard Business Review hat in diesem Zusammenhang das Konzept der „Level-5-Leader“ hervorgehoben, die langfristige strategische Vision, Entschlossenheit und Demut vereinen.
Wo sollte ein Leader beginnen, der seine Wirkung verstaerken moechte?
Leadership beginnt immer bei der eigenen Person. Es entsteht aus der bewussten Entscheidung, Einfluss, Wirkung und Verantwortung auszubauen. Der amerikanische Professor Richard Boyatzis beschreibt dies als Theorie des intentionalen Wandels. Leadership entwickelt sich aus dem klaren Willen, sich weiterzuentwickeln und den eigenen Wirkungskreis zu erweitern.
In anspruchsvollen Umfeldern besteht die erste Verantwortung eines Leaders darin, seine persönliche Produktivität zu steuern – Zeit, Energie und Prioritäten diszipliniert zu managen. Strategische Wirksamkeit hängt nicht von der Anzahl der Aktivitäten ab, sondern von der Qualität der getroffenen Entscheidungen. Nein sagen zu können, Ziele zu priorisieren und ein Gleichgewicht zwischen beruflicher Leistung und persönlicher Balance zu wahren, sind zentrale Kompetenzen geworden. Modernes Leadership beruht ebenso auf mentaler Resilienz wie auf fachlicher Kompetenz.
Warum bleiben Governance und strategische Kommunikation häufig untergenutzt?
Weil sie noch immer zu oft als Supportfunktionen und nicht als strategische Werttreiber verstanden werden. Nicht selten lautet die Antwort auf Leadership-Programme: „Ich habe keine Zeit.“ Gerade deshalb ist es entscheidend, bewusst Abstand zu nehmen, um leistungsfähiger zu werden. Ich durfte Kofi Annan am Ende seiner Amtszeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen beraten, als er von zahlreichen Staats- und Regierungschefs stark beansprucht wurde. Gemeinsam haben wir Prioritäten definiert und zwischen zwingenden und wichtigen Aktivitäten unterschieden. Das half ihm, seine Zeit besser zu strukturieren – die bekanntlich für alle gleich bemessen ist.
Eine solide Governance stellt die langfristige Kohärenz von Entscheidungen sicher, während klare strategische Kommunikation Vertrauen zwischen den Anspruchsgruppen schafft. In einer von Informationsbeschleunigung und kurzfristigem Druck geprägten Welt werden beide Dimensionen zu zentralen Faktoren organisationaler Resilienz. Die Organisationen von morgen werden jene sein, die Strategie, Kommunikation und menschliches Leadership überzeugend miteinander verbinden.
Sie haben im vergangenen Herbst das Swiss Who’s Who übernommen. Welche Ambitionen verfolgen Sie?
Gemeinsam mit meinen Kollegen möchten wir das Swiss Who’s Who als nationale und internationale Referenz für die Anerkennung von Leadern positionieren – sei es in Bezug auf ihren Impact oder ihren Einfluss – und jene sichtbar machen, die die Schweiz von heute und morgen prägen.
Wir beschränken uns nicht auf eine biografische Perspektive. Unser Ziel ist es, Leader hervorzuheben, die konkret zum wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt der Schweiz und darüber hinaus beitragen.
Die Schweiz verfügt über ein einzigartiges Kapital an Exzellenz und Innovation. Dieses Potenzial möchten wir national wie international stärker sichtbar machen.
Welche Entwicklungen haben Sie bereits angestossen?
Wir haben mehrere strategische Initiativen lanciert, um die nationale und internationale Dimension des Swiss Who’s Who zu stärken, Inhalte und Veranstaltungen rund um Leadership, Innovation und Wissenstransfer zu entwickeln sowie Themen wie künstliche Intelligenz und digitale Transformation stärker in die Leadership-Reflexion einzubinden. Zudem arbeiten wir an neuen Begegnungsformaten zwischen wirtschaftlichen, akademischen und institutionellen Leadern.
Unser Ziel ist es, das Swiss Who’s Who zu einem lebendigen Raum für Austausch, Inspiration und Anerkennung von Exzellenz zu entwickeln – insbesondere über unsere digitale Plattform.
Jérôme Koechlin
Leadership Management International
Jérôme Koechlin ist Partner bei Leadership Management International. Zudem ist er CEO des Swiss Who’s Who und Gründer von JK Consulting. Zuvor bekleidete er Führungsfunktionen in den Bereichen Banking, Finance, Biotech, öffentlicher Sektor und Medien, zuletzt bei der Bank REYL (Intesa Sanpaolo) als Director of Communications und Secretary des Executive Committee. Er verfügt über ein Doktorat in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Genf, einen Master in Communication der New York University sowie ein Diplom des Graduate Institute of International and Development Studies.
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Anlässlich des von SPHERE und The Big Whale am 29. Januar in Genf organisierten Events Digital Assets zeichnete Grégory Raymond ein präzises Bild des Blockchain-Ökosystems jenseits der reinen Kryptowährungen. Im Gespräch mit Jérôme Sicard beleuchtet er das tatsächliche Gewicht des Sektors in Europa und in der Schweiz, seine wichtigsten Wachstumstreiber, den Aufstieg der Tokenisierung sowie die Entwicklung der Geschäftsmodelle.
Von Jérôme Sicard
Wenn man den reinen Kryptowährungssektor ausklammert: Wie viele Unternehmen sind heute im Blockchain-Bereich in Europa und in der Schweiz aktiv?
Bei Zahlen ist Vorsicht geboten, doch es gibt eine verlässliche Basis: die Zahl der regulierten Anbieter von Dienstleistungen im Bereich digitaler Assets in Europa. In diesem Rahmen sprechen wir von rund 3’000 Unternehmen. Dazu gehören Plattformen, Broker und verschiedene regulierte Dienstleister.
Diese Zahl deckt jedoch nicht das gesamte Ökosystem ab. Viele Unternehmen sind in den Bereichen Infrastruktur, Software, Sicherheit oder technische Dienstleistungen tätig, ohne eine spezifische Lizenz zu benötigen. Rechnet man diese Akteure hinzu, liegt die realistischste Schätzung eher bei rund 5’000 Unternehmen in Europa.
Die Schweiz nimmt in diesem Umfeld eine sehr besondere Stellung ein. Hier gibt es rund 1’200 Blockchain-Unternehmen, was das Land zu einem wichtigen Zentrum macht. Das Ökosystem ist stark in der Crypto Valley zwischen Genf, Zug und Lugano konzentriert. Rund 5’000 hochqualifizierte Fachkräfte arbeiten in diesem Bereich. Auf europäischer Ebene gehört die Schweiz klar zu den wichtigsten Schwerpunkten der Branche.
In welchen Bereichen sind diese Unternehmen hauptsächlich tätig?
Der erste grosse Bereich ist weiterhin der Handel und die Vermittlung digitaler Assets. Diese Plattformen ermöglichen den Kauf, Verkauf und Handel digitaler Vermögenswerte. In der Schweiz gibt es mehrere führende Akteure wie Bitcoin Suisse oder SwissBorg, die zu den solidesten in Europa zählen. Bitstamp, ursprünglich aus Luxemburg, gehört ebenfalls zu den wichtigsten Plattformen in Europa.
Der zweite Pfeiler ist die Verwahrung digitaler Vermögenswerte. Dies ist heute vermutlich das reifste Segment, insbesondere weil es den Bedürfnissen institutioneller Investoren entspricht. Schweizer Unternehmen wie Taurus oder Metaco sind zu globalen Marktführern im institutionellen Custody-Bereich geworden. International spielen auch Akteure wie Ledger oder Fireblocks eine zentrale Rolle.
Der dritte Schwerpunkt liegt auf Tokenisierung und Stablecoins. Stablecoins stellen eine Form der Tokenisierung von Geld dar, während Tokenisierung im weiteren Sinne bedeutet, reale Vermögenswerte — Wertpapiere, Fonds oder Anleihen — auf die Blockchain zu übertragen. Traditionelle Banken engagieren sich zunehmend in diesem Bereich, etwa mit dem Euro-Stablecoin von Société Générale Forge oder Initiativen von Häusern wie Oddo. Hinter diesen Projekten stehen umfangreiche Infrastruktur- und B2B-Softwarelösungen.
Haben Sie eine Vorstellung vom aktuellen Gesamtumsatz dieser Unternehmen?
In Europa belaufen sich die Schätzungen für den kumulierten Umsatz von Krypto- und Blockchain-Unternehmen im weiteren Sinne auf rund 9 Milliarden US-Dollar. Das bleibt im Vergleich zur traditionellen Finanzindustrie relativ bescheiden.
Allerdings erfasst diese Zahl nicht die gesamte Wertschöpfung. Ein erheblicher Teil entsteht auf Protokollebene — also in den Software-Layern — sowie durch Netzwerkeffekte. Betrachtet man ausschliesslich klar identifizierbare kommerzielle Unternehmen, liegt die Grössenordnung in diesem Bereich. Das zeigt, dass das Ökosystem noch jung ist, aber bereits strukturiert.
Wo könnten die kumulierten Umsätze bis 2030 liegen?
Es gibt mehrere Prognosen. Eine der glaubwürdigsten stammt von BCG, die für das gesamte Tokenisierungs-Ökosystem bis 2030 jährliche Umsätze von rund 400 Milliarden US-Dollar erwartet.
Diese Schätzung basiert auf einem Szenario, in dem bis dahin reale Vermögenswerte im Wert von etwa 10 Billionen US-Dollar tokenisiert sein könnten. Sollte sich diese Entwicklung durchsetzen — und viele grosse Finanzakteure arbeiten bereits daran — entstehen daraus erhebliche Einnahmeströme für Infrastrukturen, Plattformen, Verwahrungslösungen und Software-Layer.
Bereits heute ist eine klare Bewegung erkennbar: Börsen, Asset Manager und Banken lancieren tokenisierte Versionen von Geldmarktfonds, Aktien oder Anleihen. Das Thema ist längst nicht mehr experimentell, sondern ein industrielles Projekt.
Beobachten Sie viele Liquidity Events?
Der Sektor ist noch jung, und Börsengänge bleiben selten. Coinbase in den USA ist ein bekanntes Beispiel, doch in Europa sind IPOs weiterhin begrenzt.
Dagegen nehmen Übernahmen zu. Grosse Gruppen erwerben spezialisierte Anbieter, um schnell regulatorische Lizenzen und Kundenbasen zu erhalten. Ein aktuelles Beispiel ist die Übernahme von Bitstamp durch Robinhood für rund 200 Millionen US-Dollar, mit dem klaren Ziel, den Zugang zum regulierten europäischen Markt zu beschleunigen.
Auch die Einführung des europäischen Regulierungsrahmens MiCA führt zu einer Konsolidierungsdynamik. Lizenzen sind teuer und komplex zu erhalten. Viele kleinere Anbieter werden zu Übernahmezielen grösserer Gruppen, die ihr Lizenzportfolio rasch erweitern wollen. Entsprechend sieht man mehr M&A-Transaktionen als klassische Börsenexits.
Wie bewertet man Token-basierte Projekte?
Lange Zeit basierten Token-Investments vor allem auf Narrativen — etwa KI, Web3 oder Infrastruktur — ohne echtes Analysemodell. Das war stark spekulativ.
Heute professionalisieren sich die Ansätze. Zunächst muss die Fähigkeit eines Protokolls analysiert werden, Einnahmen über Nutzungsgebühren zu generieren. Danach gilt es zu verstehen, wie dieser Wert verteilt wird. Lange Zeit flossen Einnahmen vor allem an die Unternehmen hinter den Protokollen, nicht an Token-Inhaber, unter anderem aus regulatorischen Gründen.
Zunehmend werden indirekte Wertverteilungsmechanismen eingeführt: Token-Rückkäufe, Burn-Programme zur Reduktion des Umlaufs oder ökonomische Anreize für Token-Holder.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Emissionsstruktur. Nicht alle Tokens sind von Beginn an im Umlauf. Es gibt Vesting-Zeitpläne für frühe Investoren. Diese Freigaben erhöhen das Angebot und können die Preise beeinflussen. Die Analyse eines Tokens erfordert heute eine detaillierte Betrachtung von Cashflows, Governance und Angebotsdynamik — fast wie bei einer Aktie.
Tether hat 13 Milliarden Gewinn erzielt. Wie ist das möglich?
Tether ist ein Sonderfall. Das Unternehmen emittiert den weltweit grössten Stablecoin mit rund 130 Milliarden Dollar Umlaufvolumen. Das operative Modell ist extrem schlank, da die Emission eines Stablecoins nur wenig Personal erfordert.
Die Einnahmen stammen aus den Reserven, die die Tokens decken. Diese werden insbesondere in US-Staatsanleihen investiert. Mit dem starken Zinsanstieg in den Jahren 2023 und 2024 explodierten die Erträge — daher die 13 Milliarden Gewinn. Der Umsatz pro Mitarbeitenden übertrifft den vieler Investmentbanken.
Die Einnahmen sind mit sinkenden Zinsen zurückgegangen, bleiben aber sehr hoch. Zudem profitiert Tether von einer Goldexponierung. Das Unternehmen versucht derzeit Kapital zu einer sehr ambitionierten Bewertung aufzunehmen. Trotz kontroverser Reputation und Debatten über die Qualität der Reserve-Audits hat es alle Marktzyklen überstanden. Wäre es nicht robust, wäre es verschwunden. Es bleibt ein zentraler Akteur — auch wenn der regulatorische Druck steigen wird.
Grégory Raymond
The Big Whale
Grégory Raymond ist Co-Gründer und Editorial Director von The Big Whale, einer Market-Intelligence-Plattform für digitale Assets und die finanzielle Transformation durch Blockchain. Als Journalist hat er sich als einer der profiliertesten Beobachter des Krypto-Ökosystems in Frankreich und Europa etabliert. Mit The Big Whale begleitet er Investoren, Finanzinstitute und Entscheidungsträger bei der Analyse von Web3-Dynamiken, Blockchain-Infrastrukturen und der Entwicklung digitaler Asset-Märkte.
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In einem Finanzumfeld, das durch den erweiterten Zugang zu den Märkten, den Aufstieg digitaler Plattformen und veränderte Kundenerwartungen geprägt ist, befindet sich das Wealth Management in einem tiefgreifenden Wandel. Bekim Laski vertritt eine zugleich anspruchsvollere und inklusivere Investmentvision: Vermögensverwaltung einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ohne dabei auf ihre zentralen Grundsätze zu verzichten.
Von Jérôme Sicard
Wie definieren Sie heute systematisches Investieren, wie Sie es nennen?
Für uns bedeutet systematisches Investieren nicht die Anwendung quantitativer oder regelbasierter Strategien, sondern vielmehr einen grundlegenden Mentalitätswandel, vom Sparen hin zum Investieren. Viele Menschen verfügen über ein gutes Einkommen und sparen konsequent, schenken jedoch der strukturierten und kontinuierlichen Anlage ihres Kapitals zu wenig Aufmerksamkeit. Systematisches Investieren bedeutet daher, die eigene finanzielle Zukunft aktiv zu gestalten und das Kapital über die Zeit für sich arbeiten zu lassen. Unser Ziel bei smzh ist es, den Zugang zu professionellen Anlagelösungen zu demokratisieren. Professionelles Investieren sollte kein Privileg für wenige, sondern eine reale Möglichkeit für alle sein, unabhängig von Vermögen oder Einkommen.
Was sind aus Ihrer Sicht die wahren Grundlagen langfristigen finanziellen Erfolgs für Privatanleger im heutigen Umfeld?
Langfristiger finanzieller Erfolg beruht auf wenigen zeitlosen Prinzipien. Er beginnt damit, weniger auszugeben als man erwirtschaftet, früh zu investieren und den Zinseszinseffekt wirken zu lassen. Erfolgreiche Anleger konzentrieren sich auf das, was sie wirklich kontrollieren können: niedrige Kosten, breite Diversifikation und Disziplin in Phasen der Angst und Euphorie. Zeit im Markt statt Markttiming bleibt ein starker Treiber des Vermögensaufbaus.
Diversifikation mag nicht aufregend sein, ist aber essenziell. Konzentrierte Positionen können grosses Vermögen schaffen, zerstören es jedoch häufiger.
Doch Strategie allein genügt oft nicht. Wahrer Erfolg liegt in der Abstimmung von Anlageentscheidungen auf individuelle Ziele. Disziplin, Diversifikation und Geduld sind die Konstanten, die Finanzpläne in dauerhaften Wohlstand verwandeln.
Wie sehen Sie die Balance zwischen Wealth Management und Wealth Advisory in ihrer Entwicklung? Wird strategische Beratung wichtiger als traditionelles Portfoliomanagement?
Traditionelle Bankmodelle haben sich zunehmend auf wohlhabendere Kundensegmente konzentriert, während umfassende Beratung für ein breiteres Kundenspektrum schwieriger zugänglich geworden ist. Gleichzeitig haben digitale Plattformen den Zugang zu Finanzmärkten erfolgreich erweitert, jedoch ohne persönliche und strategische Beratung. Dies hat eine strukturelle Lücke zwischen Zugang und Beratung geschaffen. Da das Portfoliomanagement durch Technologie zunehmend kommoditisiert wird, werden strategische Beratung und das Verständnis des gesamten finanziellen Lebens der Kunden zum wahren Differenzierungsmerkmal. Bei smzh überbrücken wir diese Lücke mit unserem Family-Office-Light-Modell. Wir begleiten Kunden in ihrem gesamten finanziellen Ökosystem, in jeder Lebensphase, und senken gleichzeitig die Einstiegshürden.
Was bedeutet ein vollständiges Verständnis der finanziellen Gesamtsituation eines Kunden konkret für einen CIO oder Portfoliomanager heute?
Meiner Ansicht nach sollte es über die bankfähigen Vermögenswerte in einem Kundenportfolio hinausgehen. Es geht darum, das zu sehen, was man die «Bilanz des Lebens» nennen könnte, und nicht nur das Anlageportfolio. Dazu gehören sowohl bankfähige als auch nicht-bankfähige Vermögenswerte wie Immobilien, Anteile an privaten Unternehmen, Pensions- und strukturierte Vergütungspläne, Luxusgüter oder künftige Verpflichtungen. Zudem führen Anleger oft mehrere Portfolios mit unterschiedlichen Strategien und Depotbanken. Diese Flexibilität ist wertvoll, doch unstrukturiertes «Mental Accounting» sollte vermieden werden. Ohne übergeordneten Rahmen können separate Allokationen Risiken duplizieren und die Gesamtrisikokapazität der Kunden verzerren. Bei smzh setzen wir dies mit einer konsolidierten Gesamtvermögensanalyse um, die im Mittelpunkt jeder Kundenbeziehung steht. Wir sind überzeugt: Nur wer das Gesamtbild sieht, kann wirklich unabhängige und relevante Beratung erbringen.
Glauben Sie, dass die ganzheitliche Vermögensberatung die Zukunft des Wealth Management in der Schweiz ist?
Ganzheitliche Beratung ist kein neues Konzept, sie repräsentiert Best Practice im Schweizer Private Banking. Was sich verändert, ist die Zugänglichkeit. Die traditionsreiche Stärke der Schweiz im Wealth Management muss über Ultra-High-Net-Worth-Segmente hinausgehen, um eine breitere Klientel effektiv zu bedienen. Die wachsende Nachfrage der Kunden nach integrierten Lösungen, von Anlagen über Immobilien bis hin zu Steuer- und Versicherungsplanung, macht dies zwingend erforderlich. Ganzheitliche Beratung ist kein Trend, sondern die logische Weiterentwicklung der Treuhandverantwortung in einer zunehmend zugänglichen Wealth-Management-Landschaft. Zugang zu holistischer Finanzberatung sollte kein Privileg sein, sondern ein Standardbestandteil verantwortungsvollen Vermögensmanagements.
Welche strategischen Überlegungen sollten EAMs heute in Bezug auf Portfoliomanagement überdenken?
Vermögensverwalter sollten ihre Definition von Erfolg überdenken. Klassische Performancekennzahlen bleiben relevant, spiegeln jedoch nur bedingt den Zielerreichungsgrad der Kunden wider. Unabhängigkeit und Open Architecture werden essenziell, nicht nur als Differenzierungsmerkmale, sondern als Voraussetzung für echte unabhängige Beratung.
Die Digitalisierung etabliert sich als zentraler Differenzierungsfaktor, da Kunden nahtloses Onboarding, konsolidierte Berichterstattung und vollständige Transparenz über ihr Vermögen erwarten. Nicht jede Kompetenz muss jedoch intern aufgebaut werden. Die Entwicklung des Embedded Finance ermöglicht einen modularen Ansatz entlang der Wertschöpfungskette, bei dem Komponenten intern entwickelt oder über Partnerschaften integriert werden können. Bei smzh setzen wir bewusst auf ein partnerschaftsbasiertes Modell, das uns Effizienz, Flexibilität und Raum für echte Wertschöpfung schafft.
Welchen Stellenwert hat die strategische Asset-Allokation in einer Welt erhöhter Unsicherheit und veränderter Marktregime?
Die strategische Asset-Allokation bleibt das Rückgrat des langfristigen Investierens. Allgemein anerkannt ist jedoch, dass das traditionelle 60/40-Aktien-Anleihen-Modell zunehmend unter Druck gerät, besonders in der Schweiz, wo die realen risikofreien Zinsen strukturell niedrig oder negativ bleiben. Staatsanleihen bieten nicht mehr die gleiche Renditeunterstützung oder die gleichen Diversifikationsvorteile wie in der Vergangenheit. Alternative Ertragsquellen wie Privatmärkte, Infrastruktur und Immobilien rücken stärker in den Fokus. Doch in der Schweiz stellen private Immobilien bereits einen erheblichen Teil des Gesamtvermögens vieler Kunden dar, was einen differenzierteren Portfolioaufbau erfordert. Bei smzh überprüfen wir unsere strategische Asset-Allokation jährlich. Wir vermeiden bewusst übermässige taktische Anpassungen im Jahresverlauf, behalten aber die Flexibilität, überzeugende Chancen zu nutzen. Disziplin und Anpassungsfähigkeit müssen koexistieren.
Wie lässt sich Diversifikation in einer Welt zunehmender Korrelationen erreichen?
Marktstressphasen haben wiederholt gezeigt, dass Korrelationen genau dann konvergieren, wenn Diversifikation am dringendsten gebraucht wird, womit Portfolios untergraben werden, die unter Normalbedingungen solide erscheinen. Wahre Diversifikation erfordert daher einen Blick über reine Klassifizierung über Anlageklassen hinaus. Effektive Diversifikation sollte Geografien, Faktoren, Liquiditätsprofile und strukturelle Risikoprämien umfassen, einschliesslich gezielter Engagements in Alternativen wie Rohstoffe, Privatmärkte oder versicherungsgebundene Anlagethemen wie Katastrophenanleihen.
Was ist smzh Invest genau ?
Mit smzh Invest bieten wir professionelle Vermögensverwaltungslösungen, die allen zugänglich sind, unabhängig von Vermögen oder Einkommen. Unsere Kundinnen und Kunden profitieren von individuell konstruierten, aktiv verwalteten Portfolios bereits ab CHF 100, welche nach derselben Disziplin und denselben Standards aufgebaut sind wie institutionelle Mandate. Unsere besondere Stärke liegt in der Verbindung von Investmentkompetenz mit persönlicher, unabhängiger Beratung. Mit unserem Family Office Light Ansatz begleiten wir unsere Kundinnen und Kunden umfassend über das gesamte finanzielle Ökosystem hinweg, einschliesslich Finanzen und Anlagen, Versicherungen und Vorsorge, Immobilien und Hypotheken sowie Steuern und Rechtsfragen. So stellen wir sicher, dass jede Anlageentscheidung mit den übergeordneten finanziellen Zielen unserer Kundinnen und Kunden im Einklang steht. Das Ergebnis ist eine kohärente, transparente und konsequent kundenorientierte Lösung, die Vermögensverwaltung in institutioneller Qualität für alle zugänglich macht.
Bekim Laski
smzh
Bekim Laski ist ein erfahrener Experte in den Bereichen Vermögensverwaltung und Investitionen. Über 25 Jahre lang hat er seine Karriere bei grossen Banken wie UBS und Credit Suisse absolviert. Im Dezember 2024 trat er als Chief Investment Officer und Partner in die smzh ein. In dieser Rolle ist er für die Leitung der Investitionsabteilung verantwortlich und beteiligt sich aktiv an der strategischen Entwicklung des Unternehmens. Bekim Laski hat an der University of Applied Sciences in Bern studiert und besitzt zudem die CFA-Zertifizierung.
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Dominic Greenwood ist seit Jahren im C-Level bei Expersoft Systems tätig und prägt massgeblich die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Mit einem Hintergrund in Technologie- und Finanzsystemen sowie umfangreicher Erfahrung in der Entwicklung intelligenter Softwarelösungen bringt er eine fundierte Expertise in der FinTech-Industrie ein.
In diesem Interview gibt Greenwood Einblicke in die Innovationsprozesse von Expersoft und erklärt, wie das Unternehmen systematisch neue Standards im Wealth Management setzt.
Wenn Sie Expersoft in einem einzigen Satz beschreiben müssten – wie würde dieser lauten?
Wir sind ein vollständig unabhängiger Schweizer Technologieanbieter für Wealth Management, der eine vollintegrierte, leistungsstarke Plattform bereitstellt – geformt durch drei Jahrzehnte Zuverlässigkeit und einer Kultur kontinuierlicher Innovation.
Welche zentralen Werte prägen Expersoft intern – und wie spiegeln sich diese konkret in Entscheidungen, Produktentwicklung und Zusammenarbeit mit Kunden wider?
Unabhängigkeit verschafft uns die Freiheit, langfristig zu planen und gleichzeitig entschlossen sowie schnell zu handeln. Unsere Kultur zeigt sich in einer einzigartigen Verbindung aus Professionalität und tief verankerter Erfahrung.
Für mich bedeutet dies, aufmerksam auf die Stimmen unserer Kunden zu hören und gezielt zu entscheiden, wo und wie wir in Produkt- und Serviceinnovationen investieren, um unsere Community durch messbar positive Kundenergebnisse zu stärken.
Welche technologischen Entwicklungen werden das Wealth Management in den kommenden Jahren aus Ihrer Sicht am stärksten verändern – und wo positioniert sich Expersoft in diesem Umfeld?
Meiner Ansicht nach werden Automatisierung und intelligente Datenverarbeitung den grössten Einfluss auf das Wealth Management haben – insbesondere in den Bereichen Analyse, Reporting und operative Effizienz.
Der eigentliche Wandel liegt jedoch darin, wie diese Technologien in sichere, skalierbare Plattformen eingebettet werden, die eine einheitliche Sicht auf Kunden und Portfolios ermöglichen.
Hybride Beratungsmodelle, in denen Technologie menschliche Expertise ergänzt statt ersetzt, dürften sich als Standard etablieren. Entsprechend liegt der Fokus darauf, neue Fähigkeiten kontrolliert zu integrieren, die Architektur gezielt weiterzuentwickeln und Innovation konsequent auf messbaren Mehrwert auszurichten.
Wie entstehen bei Expersoft neue Ideen? Welche Mechanismen nutzen Sie, um Innovationen zu identifizieren, zu priorisieren und zur Marktreife zu bringen?
Neue Ideen entstehen bei Expersoft im engen Austausch mit Kunden, unter dem Einfluss regulatorischer Veränderungen sowie aus den Erkenntnissen der eigenen Teams. Gleichzeitig beobachtet das Unternehmen laufend die Entwicklungen im Markt, um früh zu erkennen, welche Technologien echten, nachhaltigen Mehrwert schaffen.
Im Zentrum steht dabei stets eine klare Frage: Stärkt eine Initiative die Plattform langfristig? Ideen werden konsequent nach strategischer Relevanz, architektonischer Stabilität und messbarem Kundennutzen bewertet. Innovation folgt damit einem strukturierten Weg – von der Idee bis zur konkreten Wirkung.
Lassen Sie uns konkret werden: An welchen Themen oder Initiativen arbeiten Sie aktuell bereits, die Ihre strategische Ausrichtung in Richtung Zukunft besonders gut widerspiegeln?
Aktuell konzentrieren wir uns auf den Ausbau von Automatisierung, intelligenter Datenanalyse und skalierbaren Verarbeitungsprozessen, um Effizienzgewinne in der Breite zu erzielen. Parallel dazu entwickeln wir unsere Bewertungs- und Reporting-Engines weiter, insbesondere zur Unterstützung alternativer Anlageklassen und zunehmend komplexer Investmentmodelle.
Zudem erweitern wir die Unterstützung für Relationship Manager durch Werkzeuge, die stärker personalisierte Kundenerlebnisse ermöglichen – als integraler Bestandteil hybrider Beratungsmodelle.
Wie gelingt es Expersoft, technologische Innovation so einzusetzen, dass daraus für Ihre Kunden nachweisbarer Mehrwert entsteht?
Innovation ist nur dann relevant, wenn sie das Geschäft der Kunden messbar stärkt. Deshalb definiert Expersoft zu Beginn klare Zielbilder – etwa Effizienzgewinne, höhere Transparenz oder neue operative Möglichkeiten. Analyse, Design und Umsetzung erfolgen in enger Zusammenarbeit mit den Kunden; nach der Einführung wird der operative Effekt systematisch überprüft.
So bleibt Innovation praxisnah, relevant und konsequent auf nachhaltige Wirkung ausgerichtet.
Wenn wir vorausschauen: Wofür soll Expersoft in einigen Jahren innerhalb der globalen Wealth-Management-Industrie stehen?
Expersoft soll als verlässlicher, langfristiger Technologiepartner wahrgenommen werden, der Standards setzt – durch Zuverlässigkeit, Leistungsfähigkeit und entschlossene Innovation.
Nicht durch laute Versprechen, sondern durch die kontinuierliche Bereitstellung von Lösungen, die das Geschäft unserer Kunden heute und in Zukunft nachhaltig stärken.
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Im Rahmen des SPHERE LAB tragen die Studierenden des Komitees das ganze Jahr über zur Reflexion über die grossen Transformationen des Finanzplatzes bei. Durch Analysen, Stellungnahmen und Einordnungen beleuchten sie die technologischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Entwicklungen, die die Branche prägen.
Der folgende Text stammt von Adrian Cayarga, Student an der Geneva School of Economics and Management (GSEM), wo er ein Studium der Volkswirtschaftslehre absolviert. Er reflektiert hier über das Aufkommen von Smart Wallets und deren potenzielle Auswirkungen auf die Vermögensverwaltung in der Schweiz.
Von Ardian Cayarga
Smart Wallets: Vermögensverwaltung im Zeitalter programmierbarer Infrastruktur
Mit dem Fortschreiten der Tokenisierung und dem zunehmenden regulatorischen Druck erscheinen Smart Wallets als weit mehr als eine marginale technische Innovation: Sie könnten den Beginn einer stillen Transformation der Infrastruktur der Vermögensverwaltung markieren. Hinter diesem noch einem kleinen Kreis von Eingeweihten vorbehaltenen Begriff verbirgt sich eine Entwicklung, die die Art und Weise, wie Vermögen am Schweizer Finanzplatz verwaltet, kontrolliert und geprüft werden, grundlegend verändern könnte.
Technisch gesehen ist ein Smart Wallet eine digitale Geldbörse, die auf einem auf einer Blockchain implementierten Smart Contract basiert. Im Gegensatz zu traditionellen Krypto-Wallets, die auf dem Besitz eines privaten Schlüssels und einer Seed Phrase beruhen, folgt es einer programmierbaren Logik. Die Funktionsregeln – Allokationslimiten, Transaktionsberechtigungen, Compliance-Kriterien – sind direkt im Code verankert. Dank Mechanismen wie der Account Abstraction kann der Nutzer mit der Blockchain-Infrastruktur interagieren, ohne deren technische Komplexität selbst bewältigen zu müssen. Die Authentifizierung kann über vertraute Methoden erfolgen, während die kryptografische Mechanik im Hintergrund wirkt.
Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch weniger in der technologischen Raffinesse als in den Implikationen für die Governance von Portfolios. In der Schweiz unterliegt die Vermögensverwaltung den Vorschriften der FINMA. Derzeit basiert die Einhaltung des Risikoprofils und der Mandatsvorgaben weitgehend auf organisatorischen Prozessen und nachgelagerten Kontrollen. Smart Wallets führen eine andere Logik ein: jene einer von Anfang an integrierten Compliance. Verstösst eine Transaktion gegen vordefinierte Parameter, wird sie schlicht nicht ausgeführt. Die Regel wird nicht mehr nur überwacht, sondern strukturell verankert.
Diese Idee einer «Compliance by Design» könnte eine bedeutende Weiterentwicklung darstellen. Sie verwandelt Compliance in einen automatischen Mechanismus, der in der Architektur des Wallets selbst eingeschrieben ist. Die Prüfbarkeit wird unmittelbar, da jede Operation in einem unveränderlichen Register erfasst wird. In einem Umfeld, in dem Rückverfolgbarkeit und Transparenz an Bedeutung gewinnen, könnte diese Fähigkeit sowohl Institutionen als auch Aufsichtsbehörden überzeugen.
Diese Verheissung setzt jedoch eine zentrale Voraussetzung voraus: die Tokenisierung der Vermögenswerte. Ohne eine digitale Repräsentation von Anleihen, Aktien, Kreditinstrumenten oder Immobilien bleibt die Programmierbarkeit begrenzt. Jüngste Initiativen im Bereich tokenisierter Real World Assets, insbesondere bei Staatsanleihen, zeigen jedoch, dass dieser Übergang bereits im Gange ist. Je stärker Finanzinstrumente in digitale Formate überführt werden, desto eher könnte das Smart Wallet zu ihrer natürlichen Schnittstelle für Verwahrung und Verwaltung werden.
Es bleibt die sensible Frage der Vertraulichkeit – eine historische Säule der Schweizer Banktradition. Öffentliche Blockchains sind ihrem Wesen nach transparent. Für vermögende Kundinnen und Kunden wäre eine vollständige Offenlegung von Transaktionen kaum akzeptabel. Fortschritte im Bereich der Zero-Knowledge-Proofs eröffnen jedoch interessante Perspektiven: Es wird möglich, die Konformität einer Transaktion nachzuweisen, ohne deren Details offenzulegen. Diese selektive Transparenz – bei der Kunde und Vermögensverwalter vollständige Einsicht haben, die Behörde einen bedingten Zugang erhält und Dritte lediglich eine kryptografische Bestätigung sehen – könnte einen technologisch glaubwürdigen Kompromiss zwischen Innovation und Diskretion darstellen.
Auch die häufig ideologisch geführte Debatte zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung im Krypto-Universum verdient eine differenzierte Betrachtung. Im institutionellen Kontext geht es nicht um eine absolute Dezentralisierung, sondern um die Gestaltung einer Vertrauensarchitektur, die mit regulatorischen und operativen Anforderungen vereinbar ist. Eine kontrollierte Form der Zentralisierung kann die Sicherheit erhöhen, eine Filterung der genutzten Protokolle ermöglichen und Mechanismen zur Rückabwicklung im Betrugsfall bereitstellen. Es geht nicht um einen Gegensatz unvereinbarer Visionen, sondern um die Verbindung technologischer Leistungsfähigkeit mit institutioneller Verantwortung.
Letztlich stellen Smart Wallets womöglich keine spektakuläre Zäsur dar, sondern eine strukturelle Weiterentwicklung. Für den Endkunden könnte das Nutzungserlebnis vertraut bleiben. Die Transformation würde sich in der Tiefe vollziehen – in der unsichtbaren Infrastruktur, die die Vermögensverwaltung trägt. Wenn die Tokenisierung weiter voranschreitet und sich der regulatorische Rahmen anpasst, könnte sich diese programmierbare Architektur schrittweise als neue technische Ebene der Schweizer Vermögensverwaltung etablieren.
Die Revolution, sollte sie eintreten, wird leise sein. Doch gerade so nehmen die nachhaltigsten Veränderungen oft Gestalt an – durch eine schrittweise Neugestaltung der grundlegenden Strukturen des Systems.
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