Die komplette Reihe

    • Guillermo Felices
    • Global investment strategist, fixed income
    • PGIM

„Die Spread-Compression lässt sich durch die solide Fundamentaldaten der Unternehmen erklären.“

Nach fünfzehn Jahren historisch niedriger Zinsen wird der Kreditmarkt wieder zu einem echten Spielfeld. Doch wo sollte man heute Risiken eingehen: bei Staatsanleihen oder bei Unternehmensanleihen? Angesichts steigender Renditen, enger Spreads, zunehmender Volatilität und einer Rückkehr zum „Flight to Quality“ war die Abwägung zwischen Staats- und Unternehmensschulden noch nie so strategisch. Erster Teil einer vierteiligen Interviewreihe zum Kreditmarkt: das neue Duell zwischen Staatsanleihen und Unternehmensanleihen.

Von Jérôme Sicard

Wie hat die Rückkehr der höheren Renditen die relative Attraktivität von Staatsanleihen gegenüber Unternehmensanleihen verändert?

Das Wiederaufleben höherer Renditen hat die Landschaft der festverzinslichen Wertpapiere neu kalibriert. Staatsanleihen, die einst wegen ihrer geringen Renditen vernachlässigt wurden, bieten nun wettbewerbsfähige Erträge und interessante Renditeaussichten. Letzteres basiert darauf, dass Renditen selbst nun einen wichtigen Teil der Gesamtrenditen ausmachen. Unternehmensanleihen – insbesondere Investment-Grade-Anleihen – sind ebenfalls attraktiv, da sie einen Renditeaufschlag (Spread) gegenüber Staatsanleihen bieten und über solide Fundamentaldaten verfügen. Staatsanleihen sind in der Regel sicherer, insbesondere angesichts von Schocks, die zu einer höheren Wahrscheinlichkeit von Leitzinssenkungen durch die Zentralbanken führen, sowie angesichts höherer Risikoaversion, was die Nachfrage nach sicheren Anlagen erhöht. Unternehmensanleihen sind risikoreicher, da sich die Spreads im Falle solcher negativen Schocks in der Regel ausweiten.

Welche Faktoren treiben derzeit die Verengung oder Ausweitung der Kreditspreads in Investment-Grade-Märkten an?

Die Spreadverengung wurde durch starke Unternehmensfundamentaldaten (einschliesslich robuster Unternehmensgewinne), die Aussicht auf Zinssenkungen durch die Zentralbanken und Zuflüsse in Unternehmensanleihen angetrieben. Umgekehrt kommt es in der Regel zu einer Ausweitung, wenn negative Schocks eintreten. Dazu können geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit oder sich verschlechternde Fundamentaldaten der Emittenten gehören. Technische Faktoren wie Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage sowie Liquiditätsbedingungen spielen ebenfalls eine Rolle. Während die Spreads weiterhin eng gehalten sind, unterstreicht die Streuung über Sektoren und Emittenten hinweg die Bedeutung einer aktiven Auswahl und Risikodifferenzierung.

Wann werden Staatsanleihen in einem Umfeld der „Flucht in Qualität” wieder attraktiv?

Staatsanleihen gewinnen in Zeiten von Marktstress, die mit schwächeren Wachstumsaussichten und niedrigerer Inflation einhergehen, wieder an Bedeutung. In diesem Fall erhöht das Potenzial für Zinssenkungen die Attraktivität von Staatsanleihen mit längerer Laufzeit, insbesondere für Anleger, die sich gegen Kursverluste absichern möchten. Ihre Attraktivität wird noch verstärkt, wenn die Renditen hoch sind und sowohl Kapitalerhalt als auch Erträge versprechen. In volatilen Umfeldern, insbesondere wenn Risikoanlagen schwächeln, werden die Liquidität und Bonität von Staatsanleihen entscheidend. Beachten Sie, dass Anleihen auch in Zeiten von Marktstress abverkauft werden können, insbesondere wenn ein Anstieg der Inflation erwartet wird. In diesen Fällen bieten Anleihen nicht den gleichen Schutz und sind daher möglicherweise nicht die beste „Flucht in Qualität”.

Wie positionieren Sie Portfolios entlang der Durationskurve im aktuellen Zinsumfeld?

Wir tendieren derzeit zu einer leicht verlängerten Duration. Dies spiegelt unsere Einschätzung wider, dass die Zentralbanken, insbesondere die Fed, Spielraum für Zinssenkungen haben. Wir legen auch grossen Wert darauf, welchen Teil der Kurve wir über- oder untergewichten. Investitionen am kurzen Ende der Kurve erfordern eine Einschätzung der Zentralbankpolitik im Vergleich zu den bereits vom Markt eingepreisten Erwartungen. Das lange Ende der Kurve erfordert eine Bewertung der Risiken für die Laufzeitprämien, sprich die erforderliche Vergütung für das Eingehen von Durationsrisiken. Die Form der Kurve ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, da es in verschiedenen Teilen der Kurve zu Roll-Down-Effekten kommen kann. So kann beispielsweise eine selektive Verlängerung der Duration von Vorteil sein, wenn Zinssenkungen erfolgen und die Renditen attraktiv sind, doch angesichts der anhaltenden Inflation und der geopolitischen Risiken ist Vorsicht geboten. Taktische Flexibilität – die Anpassung der Duration auf der Grundlage sich verändernder makroökonomischer Signale und der Steilheit der Kurve – kann das Gesamtrenditepotenzial optimieren, ohne sich zu sehr auf ein einziges Zinsszenario festzulegen.

Wo sehen Sie das beste Gleichgewicht zwischen Rendite und Risiko bei Staats- und Unternehmensanleihen?

Unternehmen aus Schwellenländern und ausgewählte Emittenten von Hochzinsanleihen bieten derzeit ein überzeugendes Rendite-Risiko-Verhältnis. Trotz engerer Spreads profitieren diese Segmente von sich verbessernden Fundamentaldaten, globaler Diversifizierung und disziplinierten Emissionen. Staatsanleihen aus Regionen mit höheren Renditen bieten ebenfalls Chancen, insbesondere dort, wo sich die Geldpolitik stabilisiert. Eine detaillierte Kreditanalyse und eine länderspezifische Risikobewertung bleiben jedoch wichtig. Im Investment-Grade-Bereich bleiben Sektoren mit starken Cashflows und geringer Verschuldung attraktiv, insbesondere wenn sie durch eine gründliche Analyse der spezifischen Risiken gestützt werden.

Wie hat sich der Primärmarkt in letzter Zeit entwickelt und was sagt uns das über die Stimmung der Anleger?

Der Primärmarkt hat sich als widerstandsfähig erwiesen, mit stabilen Emissionen und einer robusten Nachfrage sowohl im Investment-Grade- als auch im Hochzins-Segment. Die Nachfrage der Anleger ist weiterhin hoch, was das Vertrauen in die Fundamentaldaten der Kreditmärkte und eine konstruktive Einschätzung der Zinsentwicklung widerspiegelt. Neue Emissionen wurden gut aufgenommen und oft überzeichnet, was auf die Bereitschaft hinweist, trotz makroökonomischer Unsicherheiten Kapital einzusetzen. Dies deutet darauf hin, dass sich die Anleger auf ein stabiles Zinsumfeld einstellen und mit den aktuellen Bewertungen zufrieden sind. Allerdings bleibt Selektivität weiterhin entscheidend, da die Streuung zwischen den Emittenten weiter zunimmt.

Wie widerstandsfähig werden Hochzinsemittenten Ihrer Meinung nach angesichts höherer Refinanzierungskosten sein?

Hochzinsemittenten haben sich dank solider Erträge, proaktiver Refinanzierung und disziplinierter Kapitalstrukturen als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird, auch wenn steigende Zinskosten schwächere Emittenten unter Druck setzen könnten. Während die Fundamentaldaten insgesamt weiterhin fest sind, wird das Umfeld zunehmend zweigeteilt. Emittenten mit robustem Cashflow und Zugang zu Liquidität sind gut positioniert, während diejenigen mit kurzfristigen Fälligkeiten und begrenzter Flexibilität vor Herausforderungen stehen könnten. Die Auswahl der Emittenten und die Sektorrotation sind entscheidend, um sich in diesem Umfeld erfolgreich zu behaupten.

Guillermo Felices

PGIM

Guillermo Felices ist Principal und Global Investment Strategist im Bereich Fixed Income bei PGIM mit Sitz in London. Bevor er im August 2021 zum Unternehmen kam, war Felices Head of Investment Strategy und Mitglied des Multi-Asset Investment Committee bei BNP Paribas Asset Management. Früher in seiner Karriere leitete er die Asset-Allocation-Forschung für Europa bei Barclays, wo er 2011 eingetreten war. Er arbeitete zudem für Citi und bei der Bank of England. Guillermo Felices hat einen PhD und einen Master in Wirtschaftswissenschaften der New York University (Fulbright-Stipendiat) und einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften der Universidad del Pacifico in Lima, Peru.

    Sie werden auch mögen

    EAM-Lösungen
    Real-Estate

    Real-Estate

    Dounia Azouini
    Equitera
    „Für Vermögensverwalter muss Immobilienvermögen ebenso ein strategischer Aktivposten sein wie andere Anlageklassen.“

    EAM-Lösungen
    Real-Estate

    Real-Estate

    Dounia Azouini
    Equitera
    „Für Vermögensverwalter muss Immobilienvermögen ebenso ein strategischer Aktivposten sein wie andere Anlageklassen.“

    SPHERE

    The Swiss Financial Arena

    Seit der Gründung im Jahr 2016 unterstützt und vernetzt SPHERE die Community der Schweizer Finanzbranche. SPHERE ermöglicht den Austausch, sei es mit dem vierteljährlich erscheinenden Magazin, den beiden Sonderausgaben für institutionelle Anleger, der Website, den Newsletter und den Veranstaltungen, die das ganze Jahr hindurch durchgeführt werden. Toutes les parties prenantes de la finance, l’un des plus importants secteurs économiques de Suisse, ont ainsi à leur disposition une plateforme où il leur est possible d’échanger, de s’informer et de progresser.