SPHERE LAB

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« Smart Wallets womöglich keine spektakuläre Zäsur dar, sondern eine strukturelle Weiterentwicklung. »

Im Rahmen des SPHERE LAB tragen die Studierenden des Komitees das ganze Jahr über zur Reflexion über die grossen Transformationen des Finanzplatzes bei. Durch Analysen, Stellungnahmen und Einordnungen beleuchten sie die technologischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Entwicklungen, die die Branche prägen.

Der folgende Text stammt von Adrian Cayarga, Student an der Geneva School of Economics and Management (GSEM), wo er ein Studium der Volkswirtschaftslehre absolviert. Er reflektiert hier über das Aufkommen von Smart Wallets und deren potenzielle Auswirkungen auf die Vermögensverwaltung in der Schweiz.

Von Ardian Cayarga

Smart Wallets: Vermögensverwaltung im Zeitalter programmierbarer Infrastruktur

Mit dem Fortschreiten der Tokenisierung und dem zunehmenden regulatorischen Druck erscheinen Smart Wallets als weit mehr als eine marginale technische Innovation: Sie könnten den Beginn einer stillen Transformation der Infrastruktur der Vermögensverwaltung markieren. Hinter diesem noch einem kleinen Kreis von Eingeweihten vorbehaltenen Begriff verbirgt sich eine Entwicklung, die die Art und Weise, wie Vermögen am Schweizer Finanzplatz verwaltet, kontrolliert und geprüft werden, grundlegend verändern könnte.

Technisch gesehen ist ein Smart Wallet eine digitale Geldbörse, die auf einem auf einer Blockchain implementierten Smart Contract basiert. Im Gegensatz zu traditionellen Krypto-Wallets, die auf dem Besitz eines privaten Schlüssels und einer Seed Phrase beruhen, folgt es einer programmierbaren Logik. Die Funktionsregeln – Allokationslimiten, Transaktionsberechtigungen, Compliance-Kriterien – sind direkt im Code verankert. Dank Mechanismen wie der Account Abstraction kann der Nutzer mit der Blockchain-Infrastruktur interagieren, ohne deren technische Komplexität selbst bewältigen zu müssen. Die Authentifizierung kann über vertraute Methoden erfolgen, während die kryptografische Mechanik im Hintergrund wirkt.

Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch weniger in der technologischen Raffinesse als in den Implikationen für die Governance von Portfolios. In der Schweiz unterliegt die Vermögensverwaltung den Vorschriften der FINMA. Derzeit basiert die Einhaltung des Risikoprofils und der Mandatsvorgaben weitgehend auf organisatorischen Prozessen und nachgelagerten Kontrollen. Smart Wallets führen eine andere Logik ein: jene einer von Anfang an integrierten Compliance. Verstösst eine Transaktion gegen vordefinierte Parameter, wird sie schlicht nicht ausgeführt. Die Regel wird nicht mehr nur überwacht, sondern strukturell verankert.

Diese Idee einer «Compliance by Design» könnte eine bedeutende Weiterentwicklung darstellen. Sie verwandelt Compliance in einen automatischen Mechanismus, der in der Architektur des Wallets selbst eingeschrieben ist. Die Prüfbarkeit wird unmittelbar, da jede Operation in einem unveränderlichen Register erfasst wird. In einem Umfeld, in dem Rückverfolgbarkeit und Transparenz an Bedeutung gewinnen, könnte diese Fähigkeit sowohl Institutionen als auch Aufsichtsbehörden überzeugen.

Diese Verheissung setzt jedoch eine zentrale Voraussetzung voraus: die Tokenisierung der Vermögenswerte. Ohne eine digitale Repräsentation von Anleihen, Aktien, Kreditinstrumenten oder Immobilien bleibt die Programmierbarkeit begrenzt. Jüngste Initiativen im Bereich tokenisierter Real World Assets, insbesondere bei Staatsanleihen, zeigen jedoch, dass dieser Übergang bereits im Gange ist. Je stärker Finanzinstrumente in digitale Formate überführt werden, desto eher könnte das Smart Wallet zu ihrer natürlichen Schnittstelle für Verwahrung und Verwaltung werden.

Es bleibt die sensible Frage der Vertraulichkeit – eine historische Säule der Schweizer Banktradition. Öffentliche Blockchains sind ihrem Wesen nach transparent. Für vermögende Kundinnen und Kunden wäre eine vollständige Offenlegung von Transaktionen kaum akzeptabel. Fortschritte im Bereich der Zero-Knowledge-Proofs eröffnen jedoch interessante Perspektiven: Es wird möglich, die Konformität einer Transaktion nachzuweisen, ohne deren Details offenzulegen. Diese selektive Transparenz – bei der Kunde und Vermögensverwalter vollständige Einsicht haben, die Behörde einen bedingten Zugang erhält und Dritte lediglich eine kryptografische Bestätigung sehen – könnte einen technologisch glaubwürdigen Kompromiss zwischen Innovation und Diskretion darstellen.

Auch die häufig ideologisch geführte Debatte zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung im Krypto-Universum verdient eine differenzierte Betrachtung. Im institutionellen Kontext geht es nicht um eine absolute Dezentralisierung, sondern um die Gestaltung einer Vertrauensarchitektur, die mit regulatorischen und operativen Anforderungen vereinbar ist. Eine kontrollierte Form der Zentralisierung kann die Sicherheit erhöhen, eine Filterung der genutzten Protokolle ermöglichen und Mechanismen zur Rückabwicklung im Betrugsfall bereitstellen. Es geht nicht um einen Gegensatz unvereinbarer Visionen, sondern um die Verbindung technologischer Leistungsfähigkeit mit institutioneller Verantwortung.

Letztlich stellen Smart Wallets womöglich keine spektakuläre Zäsur dar, sondern eine strukturelle Weiterentwicklung. Für den Endkunden könnte das Nutzungserlebnis vertraut bleiben. Die Transformation würde sich in der Tiefe vollziehen – in der unsichtbaren Infrastruktur, die die Vermögensverwaltung trägt. Wenn die Tokenisierung weiter voranschreitet und sich der regulatorische Rahmen anpasst, könnte sich diese programmierbare Architektur schrittweise als neue technische Ebene der Schweizer Vermögensverwaltung etablieren.

Die Revolution, sollte sie eintreten, wird leise sein. Doch gerade so nehmen die nachhaltigsten Veränderungen oft Gestalt an – durch eine schrittweise Neugestaltung der grundlegenden Strukturen des Systems.

 

 

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