Caution

Investment-Lösungen

    • Markus Geiger
    • Head of Private Debt
    • Oddo BHF

« Für Private Debt empfehlen wir unseren Kunden, mit Vorsicht zu investieren »

In den USA haben im Herbst die Insolvenzen von First Brands und Tricolor die Debatte über die Entwicklung des Private-Debt-Marktes neu entfacht. Zwischen zunehmendem Wettbewerbsdruck, einer Lockerung der Underwriting-Standards und der breiteren Öffnung einer Anlageklasse, die historisch einem engen Investorenkreis vorbehalten war, werfen diese Ereignisse Fragen zur Tragfähigkeit des Modells auf. Markus Geiger analysiert die Situation.

Von Levi-Sergio Mutemba

Ist die Insolvenz von First Brands symptomatisch für den tatsächlichen Zustand des Private Credit?

In den USA sorgen einzelne Fälle derzeit für Schlagzeilen, etwa jener von First Brands. Diese Beispiele werden häufig herangezogen, um eine Verschlechterung der Qualität – konkret im Bereich Private Credit – zu illustrieren. Zur Einordnung ist jedoch festzuhalten, dass First Brands, ein Unternehmen aus dem Automobilsektor, Betrug begangen hat, genauer gesagt durch die mehrfache Verpfändung desselben Sicherungsobjekts bei verschiedenen Kreditgebern. Zudem entfielen lediglich rund 2 % der Bilanz auf Private-Debt-Finanzierungen. Der Fall ist daher nicht zwingend repräsentativ für das, was im Bereich der privaten Fremdfinanzierung – insbesondere im Segment des Corporate Direct Lending – üblich ist.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Underwriting-Standards und -Prozesse?

Ein Ereignis wie jenes bei First Brands kann in einem zunehmend kompetitiven Markt immer vorkommen. Derzeit sind die Bedingungen auf den Private-Debt-Märkten zwar eher kreditnehmerfreundlich, liegen aber unter den Niveaus von 2021, wie beispielsweise der William-Blair-Index zeigt. Unser erster Senior-Loan-Fonds wurde im Sommer 2020 lanciert und investierte zu einem Zeitpunkt mit höheren Bewertungsniveaus als heute, ohne dass wir dabei auf Qualitätskriterien verzichtet hätten. Zudem sind die Eigenkapitalquoten im Vergleich zu den historischen Höchstständen der Kreditstatistiken heute deutlich höher – bei rund 61 % gegenüber 38 % damals – und die Verschuldungsgrade moderater, nämlich etwa das Fünffache heute gegenüber dem Siebenfachen im Jahr 2020.

Spiegelt sich das in tieferen Ausfallraten wider?

Die Ausfallraten bewegen sich im langfristigen Durchschnitt von rund 3 %. Transaktionen, die von Private-Equity-Fonds unterstützt werden, weisen tiefere Ausfallraten auf als sogenannte sponsorlose Transaktionen ohne Unterstützung eines Investmentfonds. Der wichtigste Auslöser für Ausfälle ist der Verschuldungsgrad, der für rund 26 % der Defaults verantwortlich ist. Das Marktsegment, in dem wir tätig sind – das Lower-Mid-Market-Segment –, zeichnet sich durch restriktivere Strukturen aus als grössere Deals, mit tieferem Leverage und einem geringeren Verhältnis von Kredit zu Unternehmenswert.

Wie gehen Sie mit Sicherheitenklauseln beziehungsweise Covenants um? Welches Schutzniveau verlangen Sie?

Wir gehen keine Engagements ein, wenn die Covenant-Struktur nicht unseren Anforderungen entspricht. Hundert Prozent unserer Investitionen enthalten Covenants mit einem hohen Schutzniveau, etwa begrenzte EBITDA-Normalisierungen oder quartalsweise Tests.

Wie erklären Sie Ihren Kunden nach den genannten Ereignissen Ihre Herangehensweise an Private Credit?

Unsere Vorgehensweise war von Beginn an vorsichtig und ist seit Lancierung unserer Strategie im Jahr 2018 unverändert geblieben. Ziel ist es, in qualitativ hochwertige Transaktionen zu investieren, und diesen Ansatz verfolgen wir konsequent weiter. Das wird zunehmend wichtiger. Wir raten unseren Kunden, mit Bedacht zu investieren und nicht ausschliesslich auf die Rendite zu schauen, sondern auch die Risiken der zugrunde liegenden Anlagen sorgfältig zu analysieren.

Kann Private Credit Ihrer Ansicht nach skaliert werden, ohne Risiken für die Finanzstabilität zu schaffen, obwohl attraktive private Anlagemöglichkeiten naturgemäss begrenzt sind?

Der Private-Debt-Markt wächst und wird zunehmend attraktiver, dennoch ist Vorsicht geboten. Der Markt dürfte weiter expandieren und dabei genügend qualitativ hochwertige Transaktionen bieten. Entscheidend ist aus Sicht des Asset Managers die Erfahrung, um Chancen und Risiken richtig einzuordnen. Die Beurteilung der Qualität eines Managers ist für Retail-Kunden möglicherweise weniger einfach, doch die Ausweitung dieses Angebots dürfte auch zu einer verstärkten Aufmerksamkeit seitens der Regulatoren für diese Produktkategorie führen.

Ein weiteres Risiko für Retail-Kunden ist die Liquidität, insbesondere bei Produkten mit Laufzeiten von acht bis zehn Jahren. Es ist zentral, dass Kunden klar über die Risiken informiert sind und die Illiquidität der zugrunde liegenden Anlagen verstehen. Semi-liquide Lösungen wie ELTIF 2.0 wurden eingeführt, um diesen Aspekten Rechnung zu tragen.

Wäre es für das Shadow Banking nicht besser, im «Schatten» zu bleiben?

Das ist eine berechtigte Frage, die auch aus regulatorischer Sicht gestellt werden sollte. Auf der Seite der Debt-Funds ist zunehmend Fremdkapital im Einsatz, wobei der Leverage häufig von Banken bereitgestellt wird. Das kann systemische Risiken schaffen. Dieser Markt ist längst kein Nischenmarkt mehr, sondern gewinnt stetig an Bedeutung, was auch ein stärkeres Engagement von Akteuren wie Regulatoren oder insbesondere Zentralbanken nach sich ziehen dürfte.

Markus Geiger

Oddo BHF

Markus Geiger ist seit 2018 bei Oddo BHF tätig und fungiert als Managing Director. Er präsidiert das Advisor Credit Committee und verantwortet die Verwaltung sowie die Weiterentwicklung des Private-Debt-Geschäfts innerhalb der Gruppe. Er promovierte an der Universität zu Köln und verfügt über einen Masterabschluss der ESCP Europe.

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    The Swiss Financial Arena

    Seit der Gründung im Jahr 2016 unterstützt und vernetzt SPHERE die Community der Schweizer Finanzbranche. SPHERE ermöglicht den Austausch, sei es mit dem vierteljährlich erscheinenden Magazin, den beiden Sonderausgaben für institutionelle Anleger, der Website, den Newsletter und den Veranstaltungen, die das ganze Jahr hindurch durchgeführt werden. Toutes les parties prenantes de la finance, l’un des plus importants secteurs économiques de Suisse, ont ainsi à leur disposition une plateforme où il leur est possible d’échanger, de s’informer et de progresser.

    Kredit

    Die komplette Reihe

      • Guillermo Felices
      • Global investment strategist, fixed income
      • PGIM

    „USA vs. Europa – Zwei unterschiedliche Märkte, zwei unterschiedliche Dynamiken“

    Markttiefe, Investorenstruktur, Spread-Dynamik und Refinanzierungsrisiken: Die Unterschiede zwischen den USA und Europa waren für die Allokation selten so prägend wie heute. In diesem dritten Teil unserer dem Kredit gewidmeten Serie analysiert Guillermo Felices die Triebkräfte der Widerstandsfähigkeit des europäischen Kreditmarkts, die Kräfteverhältnisse auf beiden Seiten des Atlantiks sowie die sich abzeichnenden Chancen in einem Umfeld wieder attraktiver Renditen.

    Von Jérôme Sicard

    Was sind die wichtigsten strukturellen Unterschiede zwischen den US- und europäischen Kreditmärkten ?

    Der US-Kreditmarkt ist deutlich grösser als der europäische. Beide sind liquide, aber der US-Markt ist rund dreimal so gross. Die europäischen High-Yield- und Kreditmärkte sind jünger und kleiner. Die wichtigsten Kennzahlen sind in der nachfolgenden Tabelle dargestellt.

    Wie haben die divergierenden geldpolitischen Massnahmen der Fed und der EZB die Credit Spreads die beiden Seiten des Atlantiks beeinflusst?

    Die Fed hat die Zinsen mehrfach gesenkt, hat aber noch einen gewissen Spielraum, bevor sie das von ihr als neutral betrachtete Zinsniveau zwischen 3–3,25 % erreicht. Die Märkte preisen bereits ein, dass dieses Niveau innerhalb der nächsten zwölf Monate erreicht wird. Diese Erwartungen haben zur Kompression der Corporate Spreads beigetragen.

    Im Euroraum hat die EZB schneller gesenkt und mit einem Einlagesatz von 2 % bereits ein neutrales Niveau erreicht. Dies hat ebenfalls zu einer Spread-Kompression in Europa geführt und die Wachstumsaussichten deutlich gestützt, was die Fundamentaldaten von Unternehmen stärkt – und folglich zu engeren Spreads führt.

    Wie vergleichen sich die Refinanzierungsrisiken zwischen Emittenten in den USA und in Europa heute?

    Weltweit hat sich das High-Yield-Segment seit der globalen Finanzkrise schrittweise hin zu höherer Ratingqualität entwickelt – CCC-Titel machen nur noch 8 % des globalen Marktes aus, gegenüber nahezu 15 % im Jahr 2007. Dafür waren mehrere Faktoren ausschlaggebend, darunter die zunehmende Verlagerung von Kapitalstrukturen im Single-B-Bereich in den Kreditmarkt, die Bereinigung eines Teils der älteren CCC-Emissionen durch Ausfälle sowie eine seit dem Zinsregimewechsel im Jahr 2022 deutlich geringere Emission von CCC-Papieren.

    Infolgedessen handelt es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Emittenten um solide Unternehmen, die Cash generieren, Zugang zu den Kapitalmärkten haben und konjunkturelle Abschwächungen bewältigen können. Entsprechend sind Stressquoten relativ niedrig: nur 5,5 % des europäischen HY-Marktes und knapp unter 6 % des US-HY-Marktes handeln auf Distressed-Niveaus (Spread > 750 Basispunkte). Die meisten dieser Titel zeichnen sich durch überhöhte Verschuldung alter Kapitalstrukturen, schwächere Geschäftsmodelle – oder beides – aus.

    Wir sehen keinen wesentlichen Unterschied zwischen den USA und Europa: Solide Unternehmen mit angemessenen Kapitalstrukturen (also die grosse Mehrheit beider Märkte) haben Zugang zu den Kapitalmärkten, und die Refinanzierungsrisiken sind gering. Unternehmen mit schwachen Profilen haben deutlich schwierigere Refinanzierungsperspektiven – unabhängig von ihrer geografischen Zugehörigkeit.

    Was erklärt die Verengung der europäischen Spreads trotz eines schwächeren Wachstumsausblicks?

    Schwächeres Wachstum muss Spreads nicht belasten, weil es niedrigere Leitzinsen durch die EZB induziert. Solange das Wachstum nicht so schwach ist, dass die Ausfälle steigen, ist ein „weiches“ Umfeld positiv für Fixed Income.

    Die Verengung der europäischen Spreads ist zudem auf starke Carry-Nachfrage der Anleger, günstige Kreditfundamentaldaten und Erwartungen weiterer Unterstützung durch die EZB zurückzuführen. Europäische Spreads bleiben auch aufgrund technischer Faktoren und Anlegerpositionierung eng. Zuflüsse waren stark im Vergleich zum begrenzten Angebot, was enge Spreads begünstigt.
    Ein Blick auf historische Phasen anhaltend enger Spreads – wie 1992–1997 und 2004–2007 – zeigt, dass Spreads auch bei moderatem Wachstum eng bleiben können.

    Wo sehen Sie derzeit die attraktivsten Chancen im Kreditmarkt – in den USA oder in Europa?

    In beiden Regionen ergeben sich Chancen, wobei europäische Kreditmärkte als besonders attraktiv gelten. Europäisches High Yield und Leveraged Loans erzielten im 4. Quartal 2024 sowie im Gesamtjahr höhere Renditen als ihre US-Pendants.

    Europäische Kreditmärkte bieten überzeugende Carry-Möglichkeiten, insbesondere im High-Yield-Bereich und bei CLOs, wo die Spreads im Vergleich zu den USA weiterhin relativ ausgeweitet sind. Die Streuung zwischen Sektoren und Emittenten eröffnet ein fruchtbares Umfeld für aktives Management.
    In den USA bevorzugen wir Front-End-Carry in Segmenten wie Corporate HY, strukturierten Produkten und Agency/MBS, wo die erwarteten Renditen im Verhältnis zur Volatilität höher sind als bei Spread-Produkten mit längerer Laufzeit.

    Wie hat die wirtschaftliche Erholung in Europa zu Beginn des Jahres die Anlegernachfrage nach europäischen Kreditmärkten beeinflusst?

    Die Widerstandsfähigkeit der europäischen Konjunktur war ein eindeutiger positiver Faktor für Kreditmärkte. Zu Jahresbeginn übertraf das Wachstum in der Peripherie dasjenige im Kern. Nach den Meldungen im März, dass Deutschland mehr in Infrastruktur und Verteidigung investieren wolle, stiegen die Wachstumserwartungen für Deutschland deutlich und stützten das Sentiment im Corporate-Credit-Segment.

    Trotz dieser Robustheit blieb das Wachstum unter dem Trend, sodass die EZB die Zinsen senken konnte, während die Inflation sich der 2 %-Marke näherte. Dies stärkte das Vertrauen in risikobehaftete Anlagen, einschliesslich Kredit.

    Guillermo Felices

    PGIM

    Guillermo Felices ist Principal und Global Investment Strategist im Bereich Fixed Income bei PGIM mit Sitz in London. Bevor er im August 2021 zum Unternehmen kam, war Felices Head of Investment Strategy und Mitglied des Multi-Asset Investment Committee bei BNP Paribas Asset Management. Früher in seiner Karriere leitete er die Asset-Allocation-Forschung für Europa bei Barclays, wo er 2011 eingetreten war. Er arbeitete zudem für Citi und bei der Bank of England. Guillermo Felices hat einen PhD und einen Master in Wirtschaftswissenschaften der New York University (Fulbright-Stipendiat) und einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften der Universidad del Pacifico in Lima, Peru.

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      SPHERE

      The Swiss Financial Arena

      Seit der Gründung im Jahr 2016 unterstützt und vernetzt SPHERE die Community der Schweizer Finanzbranche. SPHERE ermöglicht den Austausch, sei es mit dem vierteljährlich erscheinenden Magazin, den beiden Sonderausgaben für institutionelle Anleger, der Website, den Newsletter und den Veranstaltungen, die das ganze Jahr hindurch durchgeführt werden. Toutes les parties prenantes de la finance, l’un des plus importants secteurs économiques de Suisse, ont ainsi à leur disposition une plateforme où il leur est possible d’échanger, de s’informer et de progresser.

      Kredit

      Die komplette Reihe

        • Cathy Hepworth
        • Head of Emerging Markets Debt
        • PGIM

      „Die neuen globalen Handelsdynamiken haben ausgewählten Schwellenmärkte geholfen.“

      Trotz globaler Unsicherheiten sind Anleihen aus Schwellenländern weiterhin ein Renditetreiber. Während ein schwächerer Dollar und sinkende Inflation die finanziellen Bedingungen entspannen, deutet die Kombination aus stabilem Wachstum, robuster Zahlungsbilanz und attraktivem Carry darauf hin, dass Schwellenländer weiterhin eine Outperformance erzielen werden.

      Von Jérôme Sicard

      Wie würden Sie das aktuelle Risiko-Rendite-Verhältnis für Anleihen aus Industrie- und Schwellenländern beschreiben?

      Mittelfristig sind die Schwellenländer nach wie vor eine der wenigen Regionen mit robustem Wachstumspotenzial. Ein schwächerer Dollar und eine rückläufige Inflation dürften zu einer Lockerung der finanziellen Rahmenbedingungen führen, während eine starke Zahlungsbilanzdynamik und eine Reihe positiver Reformen das Wachstum der Schwellenländer auf rund 4 % ankurbeln und damit ihre Widerstandsfähigkeit unterstreichen dürften. Auch die Qualität des Wachstums verbessert sich leicht, da es weniger kreditgetrieben ist und stärker durch Exporte und Investitionen gestützt wird. Gleichzeitig stärken verbesserte institutionelle Rahmenbedingungen das Vertrauen der Anleger.

      Die Kombination aus strengeren makroökonomischen Ankern, gesünderen externen Puffern und besseren Schuldenstrukturen deutet auf eine grössere Widerstandsfähigkeit der Schwellenländer hin. Ratingagenturen haben diese Dynamik in den letzten Jahren mit Aufwertungen belohnt, während nur wenige Länder herabgestuft wurden. Das positive Wachstumsumfeld stützt somit die Gesamtrenditen innerhalb des Sektors. Das Wachstumsgefälle zwischen Industrie- und Schwellenländern dürfte auch weiterhin dafür sorgen, dass Schwellenländeranleihen eine Outperformance gegenüber ihren Pendants aus den Industrieländern erzielen.

      Was sind die wichtigsten Unterschiede in der Liquidität zwischen Staatsanleihen und Unternehmensanleihen in Schwellenländern?

      Die Fundamentaldaten der Unternehmen in Schwellenländern sind grundsätzlich weiterhin robust. Die Fähigkeit zur Schuldentilgung hat sich verbessert, da die Emittenten proaktiv Schuldenrückkäufe durchgeführt und Laufzeiten verlängert haben. Darüber hinaus wird die Bedienungen der Auslandschulden für Unternehmen durch die Stärke der jeweiligen Länderwährungen erleichtert. Desweiteren haben die lokalen Finanzmärkte mehr Möglichkeiten für Refinanzierungen eröffnet. Dies hat zu einer gewissen Stabilität im Unternehmenssektor geführt, auch wenn die operativen Margen unter Druck stehen.

      Staatsanleihen hingegen profitieren von einer soliden Zahlungsbilanz und makroökonomischen Ankern, wodurch ihre Liquidität insgesamt höher und stabiler erscheint. Unternehmensanleihen sind hingegen stärker von den Marktbedingungen, globalen Kapitalströmen und sektorspezifischen Risiken abhängig. Der Markt ist auch kleiner, was die Händlergemeinschaft für Titel unterhalb der Investment-Grade-Kategorie betrifft. Infolgedessen wirken sich negative Nachrichten stärker auf die Preise aus, oft über das Mass hinaus, das der fundamentale Wert vermuten lassen würde.

      Wie wirken sich politische Risiken derzeit auf die Kreditspreads in Schwellenländern aus?

      Politische Entwicklungen spielen eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Kreditspreads. Die Wahlkalender in Ländern wie Argentinien, Brasilien und Kolumbien zeigen, wie politische Ereignisse sowohl Stressszenarien auslösen können als auch Chancen bieten. Anleger müssen diese Faktoren einberechnen, um Risiken angemessen bewerten zu können.

      Gleichzeitig führt das derzeit günstige makroökonomische Umfeld – mit stabilen Wachstumsraten und der Einleitung des Zinssenkungszyklus durch die US-Notenbank – zu einer allmählichen Verringerung der Spreads. Dennoch bleiben die Märkte vorsichtig positioniert, insbesondere angesichts der politischen Unsicherheit in den USA. Wenn das globale Umfeld stabil bleibt, dürften die Spreads in einem begrenzten Bereich bleiben, während politische Risiken weiterhin selektive Anpassungen erfordern.

      Wie hat sich der stärkere US-Dollar auf die Kreditkosten für Emittenten aus Schwellenländern ausgewirkt?

      Die Fed hat ihren Zinssenkungszyklus wieder aufgenommen, um dem schwächelnden Arbeitsmarkt entgegenzuwirken, was einen möglichen Aufwärtstrend des US-Dollars begrenzen dürfte. Das Nachlassen jener Kräfte, welche die bisherige Ausnahmestellung der USA gestützt haben, sowie das angeschlagene Vertrauen in die US-Politik wirken sich dämpfend auf den Dollar aus.

      Dies ist positiv für Emittenten aus Schwellenländern: Ein stabiler oder schwächerer Dollar erleichtert die Bedienung ausländischer Schulden und senkt somit die Kreditkosten. Gleichzeitig unterstützt die Stärke der lokalen Währungen die Fähigkeit der Unternehmen, ihre Schulden zu bedienen. In einem Umfeld ohne Rezession in den USA und mit Zinssenkungen durch die Fed bleiben die Kreditkosten für Emittenten aus Schwellenländern überschaubar und tendieren nach unten.

      Welche Regionen bieten derzeit die attraktivsten Chancen für Kredite in Schwellenländern?

      Insbesondere Lateinamerika sticht derzeit als attraktive Region hervor. Der Währungsmarkt der Schwellenländer hat sich in letzter Zeit robust entwickelt, wobei Lateinamerika erneut die beste Performance erzielte. Angesichts des aktuellen globalen Strebens nach Rendite haben sich EMFX mit hohem Carry tendenziell gut entwickelt – insbesondere rohstoffsensitive Währungen. Auch die sich verändernde globale Handelsdynamik, einschliesslich einer Deeskalation der maximalistischen Zölle und Handelsabkommen seitens der USA, welche zu niedrigeren effektiven Zöllen geführt haben als ursprünglich befürchtet, haben ausgewählten Schwellenländern geholfen. Ebenso konnten viele Länder ihre geopolitische Lage, ihre natürlichen Ressourcen und ihre Lieferkettendynamik zu ihrem Vorteil nutzen. Dazu gehören Länder wie Mexiko, Argentinien, Brasilien und Kolumbien in verschiedenen Schwellenländer-Sektoren.

      Werden Anleihen in Lokalwährung aus Schwellenländern zu einer attraktiveren Option?

      Anleihen in Lokalwährung werden zunehmend attraktiver. Die Zinsen in den Schwellenländern sind zuletzt leicht gesunken, insbesondere in Brasilien und Chile. Gleichzeitig rechnen wir mittelfristig mit einer weiteren Abwertung des US-Dollars, insbesondere wenn die Fed angesichts des schwachen Arbeitsmarktes die Zinsen weiter senkt.
      Diese Kombination aus sinkenden lokalen Zinsen, einer stabilen makroökonomischen Lage und einem schwächeren Dollar schafft ein günstiges Umfeld für Anleihen in lokaler Währung. Anleger können von hohen Carry-Erträgen und zusätzlichen Kursgewinnen durch Währungsaufwertungen profitieren. Insgesamt bleibt das Umfeld für selektive Engagements in Schwellenländerwährungen und lokalen Anleihen positiv, sofern die Fundamentaldaten und relativen Bewertungen sorgfältig berücksichtigt werden.

      Cathy Hepworth

      PGIM

      Cathy Hepworth, CFA, ist Managing Director und Head of Emerging Markets Debt im Bereich Fixed Income bei PGIM. Hepworth war 1995 Mitbegründerin des Emerging Markets Debt Management Teams des Unternehmens. Zuvor war sie als Analystin in der Kreditabteilung der Capital Management Group des Unternehmens tätig, wo sie sich auf verschiedene Staats-, Finanz- und Unternehmenssektoren konzentrierte. Bevor sie 1989 zu PGIM kam, war sie als Analystin bei Bankers Trust, Merrill Lynch und Golembe Associates tätig. Hepworth hat einen BSFS-Abschluss der Georgetown University, School of Foreign Service. Sie ist Chartered Financial Analyst (CFA).

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        SPHERE

        The Swiss Financial Arena

        Seit der Gründung im Jahr 2016 unterstützt und vernetzt SPHERE die Community der Schweizer Finanzbranche. SPHERE ermöglicht den Austausch, sei es mit dem vierteljährlich erscheinenden Magazin, den beiden Sonderausgaben für institutionelle Anleger, der Website, den Newsletter und den Veranstaltungen, die das ganze Jahr hindurch durchgeführt werden. Toutes les parties prenantes de la finance, l’un des plus importants secteurs économiques de Suisse, ont ainsi à leur disposition une plateforme où il leur est possible d’échanger, de s’informer et de progresser.

        Kredit

        Die komplette Reihe

          • Guillermo Felices
          • Global investment strategist, fixed income
          • PGIM

        „Die Spread-Compression lässt sich durch die solide Fundamentaldaten der Unternehmen erklären.“

        Nach fünfzehn Jahren historisch niedriger Zinsen wird der Kreditmarkt wieder zu einem echten Spielfeld. Doch wo sollte man heute Risiken eingehen: bei Staatsanleihen oder bei Unternehmensanleihen? Angesichts steigender Renditen, enger Spreads, zunehmender Volatilität und einer Rückkehr zum „Flight to Quality“ war die Abwägung zwischen Staats- und Unternehmensschulden noch nie so strategisch. Erster Teil einer vierteiligen Interviewreihe zum Kreditmarkt: das neue Duell zwischen Staatsanleihen und Unternehmensanleihen.

        Von Jérôme Sicard

        Wie hat die Rückkehr der höheren Renditen die relative Attraktivität von Staatsanleihen gegenüber Unternehmensanleihen verändert?

        Das Wiederaufleben höherer Renditen hat die Landschaft der festverzinslichen Wertpapiere neu kalibriert. Staatsanleihen, die einst wegen ihrer geringen Renditen vernachlässigt wurden, bieten nun wettbewerbsfähige Erträge und interessante Renditeaussichten. Letzteres basiert darauf, dass Renditen selbst nun einen wichtigen Teil der Gesamtrenditen ausmachen. Unternehmensanleihen – insbesondere Investment-Grade-Anleihen – sind ebenfalls attraktiv, da sie einen Renditeaufschlag (Spread) gegenüber Staatsanleihen bieten und über solide Fundamentaldaten verfügen. Staatsanleihen sind in der Regel sicherer, insbesondere angesichts von Schocks, die zu einer höheren Wahrscheinlichkeit von Leitzinssenkungen durch die Zentralbanken führen, sowie angesichts höherer Risikoaversion, was die Nachfrage nach sicheren Anlagen erhöht. Unternehmensanleihen sind risikoreicher, da sich die Spreads im Falle solcher negativen Schocks in der Regel ausweiten.

        Welche Faktoren treiben derzeit die Verengung oder Ausweitung der Kreditspreads in Investment-Grade-Märkten an?

        Die Spreadverengung wurde durch starke Unternehmensfundamentaldaten (einschliesslich robuster Unternehmensgewinne), die Aussicht auf Zinssenkungen durch die Zentralbanken und Zuflüsse in Unternehmensanleihen angetrieben. Umgekehrt kommt es in der Regel zu einer Ausweitung, wenn negative Schocks eintreten. Dazu können geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit oder sich verschlechternde Fundamentaldaten der Emittenten gehören. Technische Faktoren wie Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage sowie Liquiditätsbedingungen spielen ebenfalls eine Rolle. Während die Spreads weiterhin eng gehalten sind, unterstreicht die Streuung über Sektoren und Emittenten hinweg die Bedeutung einer aktiven Auswahl und Risikodifferenzierung.

        Wann werden Staatsanleihen in einem Umfeld der „Flucht in Qualität” wieder attraktiv?

        Staatsanleihen gewinnen in Zeiten von Marktstress, die mit schwächeren Wachstumsaussichten und niedrigerer Inflation einhergehen, wieder an Bedeutung. In diesem Fall erhöht das Potenzial für Zinssenkungen die Attraktivität von Staatsanleihen mit längerer Laufzeit, insbesondere für Anleger, die sich gegen Kursverluste absichern möchten. Ihre Attraktivität wird noch verstärkt, wenn die Renditen hoch sind und sowohl Kapitalerhalt als auch Erträge versprechen. In volatilen Umfeldern, insbesondere wenn Risikoanlagen schwächeln, werden die Liquidität und Bonität von Staatsanleihen entscheidend. Beachten Sie, dass Anleihen auch in Zeiten von Marktstress abverkauft werden können, insbesondere wenn ein Anstieg der Inflation erwartet wird. In diesen Fällen bieten Anleihen nicht den gleichen Schutz und sind daher möglicherweise nicht die beste „Flucht in Qualität”.

        Wie positionieren Sie Portfolios entlang der Durationskurve im aktuellen Zinsumfeld?

        Wir tendieren derzeit zu einer leicht verlängerten Duration. Dies spiegelt unsere Einschätzung wider, dass die Zentralbanken, insbesondere die Fed, Spielraum für Zinssenkungen haben. Wir legen auch grossen Wert darauf, welchen Teil der Kurve wir über- oder untergewichten. Investitionen am kurzen Ende der Kurve erfordern eine Einschätzung der Zentralbankpolitik im Vergleich zu den bereits vom Markt eingepreisten Erwartungen. Das lange Ende der Kurve erfordert eine Bewertung der Risiken für die Laufzeitprämien, sprich die erforderliche Vergütung für das Eingehen von Durationsrisiken. Die Form der Kurve ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, da es in verschiedenen Teilen der Kurve zu Roll-Down-Effekten kommen kann. So kann beispielsweise eine selektive Verlängerung der Duration von Vorteil sein, wenn Zinssenkungen erfolgen und die Renditen attraktiv sind, doch angesichts der anhaltenden Inflation und der geopolitischen Risiken ist Vorsicht geboten. Taktische Flexibilität – die Anpassung der Duration auf der Grundlage sich verändernder makroökonomischer Signale und der Steilheit der Kurve – kann das Gesamtrenditepotenzial optimieren, ohne sich zu sehr auf ein einziges Zinsszenario festzulegen.

        Wo sehen Sie das beste Gleichgewicht zwischen Rendite und Risiko bei Staats- und Unternehmensanleihen?

        Unternehmen aus Schwellenländern und ausgewählte Emittenten von Hochzinsanleihen bieten derzeit ein überzeugendes Rendite-Risiko-Verhältnis. Trotz engerer Spreads profitieren diese Segmente von sich verbessernden Fundamentaldaten, globaler Diversifizierung und disziplinierten Emissionen. Staatsanleihen aus Regionen mit höheren Renditen bieten ebenfalls Chancen, insbesondere dort, wo sich die Geldpolitik stabilisiert. Eine detaillierte Kreditanalyse und eine länderspezifische Risikobewertung bleiben jedoch wichtig. Im Investment-Grade-Bereich bleiben Sektoren mit starken Cashflows und geringer Verschuldung attraktiv, insbesondere wenn sie durch eine gründliche Analyse der spezifischen Risiken gestützt werden.

        Wie hat sich der Primärmarkt in letzter Zeit entwickelt und was sagt uns das über die Stimmung der Anleger?

        Der Primärmarkt hat sich als widerstandsfähig erwiesen, mit stabilen Emissionen und einer robusten Nachfrage sowohl im Investment-Grade- als auch im Hochzins-Segment. Die Nachfrage der Anleger ist weiterhin hoch, was das Vertrauen in die Fundamentaldaten der Kreditmärkte und eine konstruktive Einschätzung der Zinsentwicklung widerspiegelt. Neue Emissionen wurden gut aufgenommen und oft überzeichnet, was auf die Bereitschaft hinweist, trotz makroökonomischer Unsicherheiten Kapital einzusetzen. Dies deutet darauf hin, dass sich die Anleger auf ein stabiles Zinsumfeld einstellen und mit den aktuellen Bewertungen zufrieden sind. Allerdings bleibt Selektivität weiterhin entscheidend, da die Streuung zwischen den Emittenten weiter zunimmt.

        Wie widerstandsfähig werden Hochzinsemittenten Ihrer Meinung nach angesichts höherer Refinanzierungskosten sein?

        Hochzinsemittenten haben sich dank solider Erträge, proaktiver Refinanzierung und disziplinierter Kapitalstrukturen als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird, auch wenn steigende Zinskosten schwächere Emittenten unter Druck setzen könnten. Während die Fundamentaldaten insgesamt weiterhin fest sind, wird das Umfeld zunehmend zweigeteilt. Emittenten mit robustem Cashflow und Zugang zu Liquidität sind gut positioniert, während diejenigen mit kurzfristigen Fälligkeiten und begrenzter Flexibilität vor Herausforderungen stehen könnten. Die Auswahl der Emittenten und die Sektorrotation sind entscheidend, um sich in diesem Umfeld erfolgreich zu behaupten.

        Guillermo Felices

        PGIM

        Guillermo Felices ist Principal und Global Investment Strategist im Bereich Fixed Income bei PGIM mit Sitz in London. Bevor er im August 2021 zum Unternehmen kam, war Felices Head of Investment Strategy und Mitglied des Multi-Asset Investment Committee bei BNP Paribas Asset Management. Früher in seiner Karriere leitete er die Asset-Allocation-Forschung für Europa bei Barclays, wo er 2011 eingetreten war. Er arbeitete zudem für Citi und bei der Bank of England. Guillermo Felices hat einen PhD und einen Master in Wirtschaftswissenschaften der New York University (Fulbright-Stipendiat) und einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften der Universidad del Pacifico in Lima, Peru.

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            • Arnaud Dubois
            • Mitbegründer und Investmentdirektor
            • Matis

          Zeitgenössische Kunst festigt ihren Status als sicherer Hafen

          In einem globalen Umfeld, das weiterhin von wirtschaftlicher, geopolitischer und finanzieller Unsicherheit geprägt ist, bestätigt das High-End-Segment des Marktes für zeitgenössische Kunst seine Widerstandsfähigkeit und seine treibende Rolle. Die Schweiz hingegen vermittelt Zuversicht. Mit der Art Basel, die sich zu einem der einflussreichsten Termine im internationalen Kalender entwickelt hat, etabliert sie sich als unverzichtbarer Standort für den Kunstmarkt.

          Die Schweiz verfügt zwar nicht über die gleiche Markttiefe wie die grossen Kunstzentren, weiss aber internationale Sammler anzulocken, die eine neutrale und effiziente Plattform suchen. Mit der Art Basel – ebenso wie mit den grossen Auktionen im Mai und November – trägt sie sogar dazu bei, das Tempo des globalen Kunstmarktes vorzugeben.

          Die Ausgabe 2025 der Art Basel, die im Juni dieses Jahres in einem Klima der Erwartung stattfand, hat gezeigt, dass die Galerien zunehmend auf Kohärenz in ihren Angeboten achten. Es hat sich eine Neuausrichtung auf sichere Werte durchgesetzt, mit hochwertigen Werken zu angemessenen Preisen, die sich an ein selektiveres, manchmal diskretes oder zurückhaltendes Sammlerpublikum richten. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf andere Veranstaltungen, insbesondere die Art Basel Paris im Oktober. Diese Entwicklung spiegelt eine neue Marktlogik wider: weniger Fokus auf kontinuierlich steigende Preise, sondern mehr auf Qualität – sowohl bei den Werken als auch beim Einkaufserlebnis.

          Vor dem Termin in der Rheinmetropole begann die Auktionssaison im Mai in New York. Mit einem Gesamtumsatz von 1,19 Milliarden Dollar für die beiden führenden Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s bleibt der Markt stabil, zwar leicht rückläufig gegenüber 2024 (1,27 Mrd. Dollar), aber weit über den Erwartungen vieler.

          Anstatt eines einfachen konjunkturellen Rückgangs zeigt diese Saison eine deutliche Neuausrichtung des Marktes. Sammler bevorzugen nun anerkannte und etablierte Blue-Chip-Werke und zeigen sich gegenüber dem Red-Chip-Segment vorsichtiger. In diesem selektiven Klima fanden mehr als 90 % der von Christie’s und Sotheby’s angebotenen Lose einen Käufer – eine Quote, welche deutlich über dem historischen Durchschnitt von fast 70 % liegt. Dieses Ergebnis spiegelt das anhaltend grosse Interesse an sorgfältig ausgewählten Werken wider.

          In diesem stets mit Spannung verfolgten Duell hat sich Christie’s deutlich gegen Sotheby’s durchgesetzt. Mit einem Umsatz von 693 Millionen Dollar verzeichnet Christie’s ein Wachstum von 8 % gegenüber dem Vorjahr, getragen von der aussergewöhnlichen Riggio-Sammlung, die allein fast 272 Millionen Dollar einbrachte. Sotheby’s hingegen verzeichnet einen Rückgang von 21 % und liegt trotz einer höheren Anzahl von angebotenen Losen (650 gegenüber 550 bei Christie’s) knapp unter der 500-Millionen-Marke.

          Mehrere Faktoren erklären den Unterschied zwischen den beiden Auktionshäusern. Christie’s setzte auf eine gezieltere Auswahl mit emblematischen Losen und ambitionierten, aber glaubwürdigen Schätzungen. Sotheby’s profitierte hingegen vom „Sammlereffekt” durch die Versteigerung der Werke von Barbara Gladstone, was einmal mehr die entscheidende Bedeutung dieses Hebels für die Verkaufsdynamik bestätigt.

          Einer der wichtigsten Hebel für die Performance dieser Auktionen ist mittlerweile bekannt: das Garantiesystem. Es ist in den Vereinigten Staaten gängige Praxis und ermöglicht es einem Auktionshaus oder einem Dritten, sich auf einen Mindestpreis festzulegen und so den Verkäufer abzusichern. Im Mai profitierten fast 70 % der Lose der Abendauktionen bei Sotheby’s und Christie’s von diesem Mechanismus. Es bietet eine erhöhte Vorhersehbarkeit und verdeutlicht die zunehmende Finanzialisierung des Kunstmarktes: ein erster Schritt zur Absicherung im Vorfeld, gefolgt von einem Wettbewerb im Saal, um eine mögliche Marge zu erzielen. Ein subtiles Gleichgewicht, das sich jedoch oft auszahlt.

          Der Markt wird strategischer und äusserst selektiv. Die Nachfrage konzentriert sich nun auf Blue-Chip-Künstler, große Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, wobei Calder, Lichtenstein oder Hockney weiterhin im Vordergrund stehen. Es ist dennoch eine gewisse Rationalisierung zu beobachten: Die Preise erzielen keine spektakulären Rekorde mehr, sondern orientieren sich stärker an ihrem Wert. Ein Gemälde von Rothko wurde so für 37 Millionen Dollar verkauft – ein solides Ergebnis, das jedoch mit seiner Geschichte im Einklang steht. Ein Werk von Calder erzielte über 8 Millionen, während ein anderes, obwohl von hoher Qualität, nicht über 1,8 Millionen hinauskam. Die Zeit der Euphorie und der systematischen Rekorde scheint vorbei zu sein. Die Käufer zeigen sich vorsichtiger und bevorzugen Stücke mit realistischen Schätzungen. Das Ergebnis: Verkäufer, die bereit sind, in einem glaubwürdigen Preisbereich zu bleiben, gehen als Gewinner hervor. Mit anderen Worten: Der Markt will nicht mehr zu viel bezahlen.

          Er scheint nun einen begrenzten Kreis von etwa hundert bedeutenden Künstlern zu bevorzugen, darunter Impressionisten und Moderne. Die Logik des Sammelns setzt sich durch: Die grossen Häuser setzen auf Sicherheit und auf historische Werte, welche von Museen und internationalen Galerien bestätigt werden.

          Am Ende dieser Saison zwischen Basel und New York drängt sich eine Schlussfolgerung auf: Der Kunstmarkt verliert nicht an Schwung, er wandelt sich. Er ist übersichtlicher, transparenter, aber auch anspruchsvoller geworden und bietet Sammlern wie Fachleuten die Möglichkeit, sich auf Langfristigkeit, Qualität und Kohärenz zu konzentrieren. In einer instabilen Welt bleibt Kunst ein sicherer Hafen – vorausgesetzt, man weiss, wo man suchen muss.

          Arnaud Dubois

          Matis

          Arnaud Dubois ist Mitbegründer von Matis, wo er heute für Investitionen zuständig ist. Als Spezialist für den Markt für zeitgenössische Kunst begleitet Arnaud Dubois seit einem Jahrzehnt Sammler und Investoren und unterstützt sie bei der Verwaltung ihrer Kunstwerke. Seit 2014 unterrichtet Arnaud im Rahmen des Masterstudiengangs Privatrecht mit Spezialisierung auf den Kunstmarkt und die Verwaltung von Kunstvermögen an der Universität Assas in Paris das Fach Verwaltung privater Kunstvermögen.

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            Konfrontation

            Investment Lösungen

              • Olivier de Berranger
              • CEO
              • La Financière de l’Echiquier

            Die Gerüchte über den Tod der EU sind stark übertrieben.

            Unter dem Druck Trumps hat Europa schliesslich eine beispiellose Erhöhung der Zölle akzeptiert und sich verpflichtet, Energie und Rüstungsgüter in grossem Umfang zu importieren. Dieses unausgewogene Abkommen legt die strategische Schwäche der Union offen, die durch ihre eigenen Blockaden noch verschärft wird. Ohne dass damit jedoch ihr Ende besiegelt wäre.

            Gemäss der Liste der Willensmängel in Artikel 1137 des französischen Zivilgesetzbuchs liegt eine arglistige Täuschung vor, wenn ein Vertragspartner die Zustimmung des anderen durch manipulative Handlungen oder Lügen erlangt.

            Donald Trump stellt sich selbst als König der Verhandlungskunst dar, Europa hingegen scheint ein Meister der Unterwerfung zu sein. Die „Handelsgespräche“ mit den USA bestanden im Prinzip darin, dass Ursula von der Leyen mitten im Sommer auf einen der privaten Golfplätze des US-Präsidenten in Schottland zitiert wurde, wo sie über die Erhebung von Zöllen in Höhe von 15 % informiert wurde. Zwar solle es Ausnahmen geben, wie die Luftfahrt oder bestimmte strategische Rohstoffe, aber diese stehen noch nicht einmal fest.
            Bei einigen sorgte dies für Erleichterung, da diese Zölle niedriger sind als die 20 %, die am Liberation Day im April angekündigt worden waren, und insbesondere niedriger als die 30 %, die für den Fall angedroht wurden, dass man keine Einigung erzielt. Dennoch ist diese Zahl im Vergleich zu den bis dahin geltenden 1-2 % extrem hoch und stellt den höchsten Zollsatz seit fast einem Jahrhundert dar.

            Als ob das noch nicht genug wäre, verpflichtet sich die Europäische Union ferner, in den nächsten drei Jahren Brennstoffe (LNG und Öl) im Wert von 750 Milliarden US-Dollar zu importieren. Des Weiteren hat sie zugesagt, mehr Computerchips und Rüstungsgüter zu kaufen. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, verpflichtet sich die EU zu Investitionen in Höhe von 600 Mrd. US-Dollar in den USA – als ob sie auf heimischem Boden nicht schon genug Investitionsbedarf hätte. Anstatt also seine Überschüsse für die Finanzierung seiner eigenen Unternehmen zu nutzen, investiert Europa weiter auf der anderen Seite des Atlantiks. Im „Gegenzug“ sollen die europäischen Importzölle auf US-Produkte auf 0 % gesenkt werden…

            In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung versuchte Ursula von der Leyen, sich mit der Aussage zu rechtfertigen, das Abkommen sei „ein starker, wenn auch nicht perfekter Deal“. Die „Stärke“ dieses Deals ist allerdings zweifelhaft angesichts der Unberechenbarkeit und Launenhaftigkeit, die der 47. Präsident der USA bei seinen Entscheidungen an den Tag legt. Es stimmt jedoch auch, dass Europa sehr gut darin ist, sich selbst zu blockieren. Nach Ansicht Mario Draghis behindern die durch Regeln und Normen bedingten internen Barrieren in Europa den Handel stärker als die US-Zölle. Der IWF schätzt, dass die wirtschaftliche Belastung, die durch interne, nicht zollbedingte Handelsbarrieren in der EU verursacht wird, Zöllen in Höhe von 44 % für das verarbeitende Gewerbe und sogar 110 % für den Dienstleistungssektor entspricht. Vor diesem Hintergrund beträgt der Handel zwischen den EU-Mitgliedstaaten weniger als die Hälfte des Handels zwischen den US-Bundesstaaten. Mario Draghi merkt ferner an, dass die Umsetzung der DSGVO in Europa die Gewinne von kleinen, mittleren und Midcap-Unternehmen um 12 % reduziert habe!

            Die Schweiz ihrerseits wird mit 39 % Zöllen und einigen wenigen sektoralen Ausnahmen einer Schocktherapie unterzogen. Aber ist es höchste Zeit, dass Europa reagiert und mit wiedererlangter Stärke seine Rolle als weltweit führender Binnenmarkt behauptet. Wenn, in Anlehnung an Mark Twain, die Gerüchte über den Tod der EU stark übertrieben sind, dann ist jetzt die Zeit zum Handeln gekommen. Ansonsten würde ein mögliches zukünftiges Abkommen zum Wiederaufbau der Ukraine ebenfalls in einem Fiasko enden.

            Olivier de Berranger

            La Financière de l’Echiquier

            Olivier de Berranger ist CEO und Co-CIO von La Financière de l’Echiquier. Er bekleidete seit 1990 Posten als Trader sowie als Trading Desk-Verantwortlicher für Zinsprodukte, Cash und Derivate beim Crédit Lyonnais und dann bei Calyon. Anschliessend war er für den Bereich Capital Markets bei First Finance verantwortlich. Im März 2007 kam er als Anleihenmanager zu La Financière de l’Echiquier. Nachdem er die Verantwortung für den Bereich Zins-, Kredit- und Diversifizierungsmanagement übernommen hatte, wurde er 2017 zum Direktor der Vermögensverwaltung ernannt und trat in den Vorstand ein. Im Dezember 2023 wird er zum Generaldirektor von LFDE ernannt. Olivier de Berranger ist HEC-Absolvent.

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