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Roman Eggler
Coller Capital
„Das Wachstum des Sekundärmarktes ist grundsätzlich mit der Expansion des Primärmarktes verbunden.“
Während die EZB ihren Zyklus der geldpolitischen Lockerung beendet, verstärkt sich die Desynchronisation mit der Fed. Emmanuel Petit erläutert hier die Auswirkungen.
Wie erwartet hat die EZB bei ihrer Sitzung am 5. Juni zum vierten Mal in diesem Jahr die Zinsen gesenkt. Die für Ende 2025 erwartete Inflation unterhalb des Zielwerts von 2 % in der Eurozone scheint das Ende des im Juni 2024 begonnenen Zinssenkungszyklus anzukündigen. Die europäischen 2-Jahres-Zinsen dürften sich daher stabilisieren. Auch wenn der EZB-Rat in dieser Frage weiterhin gespalten ist, rechnen die Anleger dennoch mit einer fünften und letzten Senkung bis zum Jahresende.
Die abwartende Haltung der EZB lässt sich durch die widersprüchlichen Auswirkungen auf Wachstum und Inflation erklären, die einerseits durch den Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten und andererseits durch die positiven Effekte des deutschen Haushaltsplans, die ab dem nächsten Jahr spürbar werden dürften, verursacht werden. Die langfristigen Zinsen bleiben hingegen unter Druck, da die Finanzierung der Schulden für die Anleger weiterhin Anlass zur Sorge gibt. Diese Misstrauensbewegung ist übrigens immer dann zu beobachten, wenn Bedenken hinsichtlich der Haushaltsentwicklung eines Staates aufkommen.
In dieser Hinsicht gilt Frankreich derzeit als das Schlusslicht der Eurozone. Zwar war zum Zeitpunkt der Parlamentswahlen im vergangenen Jahr ein Anstieg des Spreads1 zwischen OAT und Bund zu beobachten, doch dieser hat sich seitdem allmählich verringert und stabilisiert sich nun bei etwa 70 Basispunkten 2. Die Anleger scheinen der Regierung also weiterhin ein gewisses Vertrauen zu schenken und gehen davon aus, dass sie über zahlreiche Hebel verfügt, um die öffentlichen Finanzen zu sanieren. Dennoch bleibt der französische Zinssatz einer der höchsten unter den 20 Mitgliedsländern. Insgesamt bleibt die Eurozone in einem Szenario schwachen Wachstums stecken. Die Ausfälle nehmen leicht zu, bleiben aber geografisch stark konzentriert, wobei noch keine signifikante Verschlechterung zu verzeichnen ist.
In den Vereinigten Staaten ist die Lage schwieriger. Seit Jahresbeginn wenden sich die Anleger von amerikanischen Vermögenswerten ab. Die berechtigten Fragen zur Entwicklung der Zwillingsdefizite3, das Zögern von Donald Trump und die Zweifel an der Dauerhaftigkeit des amerikanischen Exzeptionalismus haben zu einer Vertrauenskrise und einem Wertverlust des Dollars von mehr als 10 % gegenüber allen Währungen geführt2. Der Zinsvorteil amerikanischer Anleihen reicht nicht mehr aus, um die Währung zu stärken. Dennoch scheint eine Beschleunigung der Abwertung des Greenback in den kommenden Monaten vor dem Hintergrund der wenigen Alternativen zur amerikanischen Währung kaum vorstellbar.
Das Inflationsrisiko und die Fragen zur Tragfähigkeit der Verschuldung bleiben aufgrund der Politik des derzeitigen Bewohners des Weissen Hauses ebenfalls präsent. In diesem Zusammenhang verstärkt der Anfang Juli verabschiedete „One Big Beautiful Bill Act 4” die Befürchtungen hinsichtlich einer Ausweitung des Defizits, mildert jedoch die pessimistischsten Szenarien. Der Verlauf der Verhandlungen über Zölle bleibt das Hauptanliegen der Anleger. Die überraschenden und unangebrachten Ankündigungen sowie die verschiedenen Verschiebungen tragen nur zur Unsicherheit in einem ohnehin schon angespannten geopolitischen Umfeld bei. Vor diesem Hintergrund hält die Fed seit Jahresbeginn am Status quo fest.
Angesichts der bis September erwarteten steigenden Inflation aufgrund von Basiseffekten, der Unsicherheit aufgrund der Zölle und eines sich verlangsamenden, aber nicht zusammenbrechenden Arbeitsmarktes erscheint es logisch, dass die Fed vorsichtig bleibt. Angesichts des aktuellen Leitzinsniveaus ist sich der Markt bewusst, dass die Zentralbank über einen erheblichen Spielraum verfügt, bevor sie den von ihr geschätzten neutralen Zinssatz zwischen 3 % und 3,25 % erreicht. Bis Ende 2026 werden fünf Senkungen erwartet. Dieses Szenario bleibt plausibel, wenn die Inflation wieder auf das Zielniveau zurückkehrt und sich der Arbeitsmarkt stabilisiert. Über die wirtschaftliche Dimension hinaus könnten andere Faktoren wie die Ernennung des nächsten Fed-Präsidenten oder die Zwischenwahlen zu einer Revision dieser Aussichten führen.
Angesichts dieser Situation sind Kredite derzeit die am wenigsten volatile Anlageklasse. Dank ihrer absoluten Renditen und Spreads gegenüber Staatsanleihen können sie die Zinsvolatilität gut verkraften. Das aktuelle Umfeld ist für sie besonders günstig: Die Zinsen sind niedrig und die Wirtschaft bleibt stabil. Die Spreads sind zwar eng, aber die Anleger zeigen weiterhin grosses Interesse, da die Fundamentaldaten der Unternehmen solide sind und die Anlageklasse Carry bietet.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, besonders reaktionsschnell zu sein, und jede Phase der Volatilität sollte als Chance betrachtet werden. Man muss auch selektiv vorgehen, denn obwohl es innerhalb der einzelnen Sektoren nur geringe Streuungen gibt, wird der schwächste Akteur schnell vom Markt abgestraft. Wir passen unsere Portfolios daher schrittweise an. Wir erhöhen die Sensitivität geringfügig, bleiben aber untergewichtet, bis sich die Kurven stärker ansteigen. Wir bevorzugen Unternehmensanleihen mit den besten Ratings und einer Laufzeit von 5 bis 10 Jahren, um von den damit erzielbaren Überrenditen zu profitieren. Auch Finanzwerte bleiben angesichts ihrer Bewertungsniveaus und der Fundamentaldaten der Akteure in diesem Sektor ein bevorzugtes Marktsegment. Schliesslich behalten wir die Absicherung unserer Portfolios über CDS5 bei, um potenzielle Volatilitätsspitzen abzufedern.
Emmanuel Petit
Rothschild & Co Asset Management
Emmanuel Petit begann seine Laufbahn 1998 bei HSBC Asset Management auf dem Gebiet der AIMR-GPIS-Performance-Attribution und war dort ab 2001 als Kredit-Analyst tätig. 2006 geht er als Anleihenmanager (Unternehmensanleihen) zu Rothschild Co Asset Management und wird 2011 zum Leiter Anleihenmanagement ernannt. Emmanuel Petit ist Inhaber eines DESS in „Unternehmensfinanz“ und Mitglied des SFAF (Französischer Verband der Finanzanalysten).
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Die vor zehn Jahren gegründete Krypto-Plattform XBTO verbindet systematischen Handel, Vermögensverwaltung, Infrastruktur und Tokenisierung. In diesem Interview blickt CEO Philippe Bekhazi auf ein Jahrzehnt des Umbruchs und Aufbaus zurück, von der ersten Arbitrage mit Bitcoin über die Erfahrungen aus Krisenzeiten und das Aufkommen der programmierbaren Finanzwelt bis hin zu langfristigen Partnerschaften mit Geldgebern.
Von Jérôme Sicard
Wo sahen Sie sich 2015, als XBTO gegründet wurde, zehn Jahre später?
Als ich zum ersten Mal das Whitepaper von Satoshi las, war mir sofort klar, dass gerade ein Umbruch stattgefunden hatte. Es handelte sich nicht nur um eine Innovation unter vielen. Es war eine komplette Neuerfindung der Art und Weise, wie Finanzen, Wert und Vertrauen funktionieren können. Diese neue dezentrale, transparente und programmierbare Architektur bot die Grundlage für ein völlig anderes System.
Im Jahr 2015 wusste ich noch nicht genau, wohin mich dieser Weg führen würde, aber ich wusste, dass ich im Zentrum dieses Wandels stehen wollte, nicht als einfacher Beobachter, sondern als Mitgestalter. Die Kryptomärkte waren fragmentiert, kaum reguliert und ineffizient. Aber sie steckten voller Potenzial für diejenigen, die Disziplin walten lassen konnten. Ich konzentrierte mich auf zwei Bereiche: quantitative Arbitrage, an der Schnittstelle zwischen Technologie und Volatilität, und Investitionen in die Infrastruktur. Wir investierten früh in Deribit, welches sich zu einem wichtigen Akteur im Bereich der Krypto-Derivate entwickelt hat. Aber ich wusste, dass der Handel nur ein Einstieg war. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, zur Entwicklung einer Architektur beizutragen, die auf Dauer angelegt ist.
Was waren Ihre Ambitionen bei der Gründung von XBTO?
Wir wollten eine Brücke zwischen der traditionellen Finanzwelt, aus der ich kam, und der aufstrebenden Welt der digitalen Vermögenswerte schlagen. Nicht durch Theorie, sondern durch konkrete Systeme, echtes Kapital und kompromisslose Umsetzung. Während viele den historischen Märkten den Rücken kehren wollten, hatte ich die gegenteilige Intuition. Ich glaubte, dass die Institutionen, die sich am meisten gegen Veränderungen sträubten, früher oder später am dringendsten darauf angewiesen sein würden. Die Zukunft der Finanzwelt würde keine Revolution gegen das Bestehende sein, sondern eine anspruchsvolle Konvergenz zwischen alten und neuen Paradigmen.
Wir begannen als Desk für Eigenhandel und entwickelten die Infrastruktur und Modelle, die notwendig waren, um in einem schnelllebigen und instabilen Umfeld bestehen zu können. Das ermöglichte uns nicht nur, Ergebnisse zu erzielen, sondern auch eine gewisse Legitimität zu erlangen. Dann erweiterten wir unser Spektrum auf Vermögensverwaltung, Infrastruktur und Liquiditätsbereitstellung. Wir blieben agil, rigoros und leistungsorientiert, während der Markt reifte. Was als Handelsunternehmen begann, wurde zu einer globalen Plattform. Von Anfang an ist unsere Mission dieselbe geblieben: dieser Branche ein Ausführungs- und Risikomanagementniveau zu bieten, das institutionellen Standards entspricht.
Wie haben sich diese Ambitionen entwickelt?
Zunächst ging es darum, zu beweisen, dass man Kryptowährungen systematisch handeln kann. Danach mussten wir zeigen, dass diese Anlageklasse mit Disziplin, Transparenz und Performance verwaltet werden kann. Heute unterstützen wir institutionelle Anleger, Token-Emittenten und Börsenplätze. Wir haben unsere regulatorische Präsenz von Bermuda bis Abu Dhabi ausgebaut und unsere Vermögensverwaltungssparte gegründet, um den Anforderungen der neuen Generation gerecht zu werden. Dabei sind wir stets denselben Grundsätzen gefolgt: Risikodisziplin, technologischer Vorsprung und eine strategische Interpretation der Marktstrukturen.
Was waren die wichtigsten Meilensteine Ihrer Laufbahn?
Der erste Wendepunkt war 2015, als wir begannen, mit Bitcoin zu handeln. Damals mussten wir ohne Roadmap arbeiten. Es gab keine Infrastruktur, aber in dieser Lücke haben wir unsere Methode entwickelt. Der zweite Meilenstein war die Gründung unserer Vermögensverwaltungssparte. Dadurch konnten wir uns vom reinen Handel lösen und unsere Mission erweitern. Im Jahr 2022, als die Branche ihre grössten Krisen durchlebte, konnten wir uns behaupten. Während einige um jeden Preis weiterwachsen wollten, setzten wir auf Vorsicht, eine solide Positionierung und Risikomanagement. Die Ereignisse um Luna, FTX und die anderen Insolvenzen in Folge haben nur bestätigt, was wir immer vertreten haben: In diesem Umfeld hängt das Überleben nicht von Geschwindigkeit ab, sondern von Klarheit.
Was hat Sie in den letzten zehn Jahren am meisten überrascht?
Am meisten überrascht hat mich die ständige Spannung zwischen der rasanten Innovationsgeschwindigkeit und dem vergleichsweise langsamen Aufbau von Vertrauen. Der Kryptomarkt entwickelt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit: Zyklen verkürzen sich, Technologien folgen Schlag auf Schlag, Kapital strömt ein und wieder ab. Doch Adoption, Legitimität und Referenzstatus brauchen Zeit. Konzepte, die wir von Anfang an vertreten haben – wie programmierbare Liquidität, Tokenisierung oder Bitcoin als Reservewert – galten einst als spekulativ. Heute gelten sie als selbstverständlich. Dieser Markt ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf.
Wie würden Sie die DNA von XBTO definieren?
Quantitativ im Wesen, institutionell aus Überzeugung, langfristig im Kern. Wir haben als reine Trading-Maschine begonnen – heute sind wir ein globaler Marktpartner. Doch unsere DNA ist dieselbe geblieben: Präzision, Resilienz, Disziplin. Wir lassen uns nicht von Modetrends leiten, sondern vom Anspruch, etwas Belastbares, Nützliches und Nachhaltiges aufzubauen. Eine transparente, globale, programmierbare Finanzwelt.
Was haben Sie implementiert, um auf die Entwicklung des Marktes zu reagieren?
Mit der Reifung des Marktes hat sich auch unsere Plattform weiterentwickelt. Wir haben XBTO Hub lanciert – eine integrierte Infrastruktur für Aufbewahrung, Handel und Ausführung. Wir haben aktiv verwaltete Fonds entwickelt, um institutionellen Investoren den asymmetrischen Charakter von Bitcoin mit striktem Risikomanagement zugänglich zu machen. Unser Engagement als Liquiditätsanbieter und unser Angebot an Tokenisierungslösungen haben wir konsequent ausgebaut – mit einem klaren Fokus auf langfristige Partnerschaften. Uns war früh klar: Tokenisierung ist keine Modeerscheinung, sondern eine Gelegenheit, Finanzinstrumente von Grund auf neu zu denken. Ob Fonds, Kredite oder Real-World-Assets – On-Chain-Strukturen ermöglichen mehr Effizienz, Transparenz und Liquidität.
Wie hat sich Ihre Rolle als Liquiditätsanbieter zwischen 2015 und 2025 verändert?
Sie hat sich grundlegend gewandelt. 2015 bedeutete es, Geld auf eine Plattform zu schicken – in der Hoffnung, dass die Assets am nächsten Tag noch da sind. Heute geht es darum, ein verlässlicher Kontrahent für Institutionen auf globaler Ebene zu sein. Aus einem Market Maker ist ein Marktgestalter geworden. Wir wählen die Projekte, mit denen wir zusammenarbeiten, sorgfältig aus – und setzen auf Nachhaltigkeit statt auf kurzfristige Performance. Liquidität ist längst keine Frage mehr von Spreads – sie ist eine Frage des Vertrauens.
Was ist heute das Kerngeschäft von XBTO?
Wir sind ein Asset Manager und Marktteilnehmer im Dienste institutioneller Kunden. Wir betreiben quantitative Strategien, bieten Liquiditätslösungen, Tokenisierung sowie die Strukturierung digitaler Vermögenswerte an.
Welche Hebel setzen Sie für weiteres Wachstum in Bewegung?
Unser Wachstum basiert auf drei Pfeilern: Performance – mit Strategien für institutionelle Investoren. Regulierung – mit soliden Lizenzen in führenden Jurisdiktionen. Und Bildung – um eine Referenz im professionellen Zugang zu Krypto-Assets zu werden.
Wie schätzen Sie das Potenzial der Tokenisierung ein?
Die Tokenisierung wird die Kapitalmärkte tiefgreifend verändern – nicht, weil sie ein neues Produkt einführt, sondern weil sie ein überlegeneres System bietet. Die Chancen liegen in der Fähigkeit, die Finanzinfrastruktur für eine digitale Welt neu zu gestalten: ein Umfeld, in dem Assets programmierbar, Abwicklungen augenblicklich durchgeführt werden und die Distribution wirklich global ist. Das schafft greifbaren Mehrwert – für Emittenten wie für Investoren: geringere Kosten, breiterer Zugang, höhere Liquidität. Besonders viel Potenzial sehen wir bei Anleihen, strukturierten Produkten und tokenisierten Fonds. Mit den richtigen Strukturen und regulatorischen Rahmenbedingungen lassen sich so Billionen an realer Wertschöpfung erschliessen.
Philippe Bekhazi
XBTO Group
Philippe Bekhazi ist CEO der XBTO Group, die in den Bereichen Market Making, OTC-Handel, Venture Capital, Mining und weiteren Segmenten der digitalen Vermögenswerte aktiv ist. Gegründet 2015, war XBTO der erste Liquiditätsanbieter im grossen Stil auf Krypto-Börsen. Vor der Gründung von XBTO entwickelte Philippe Lösungen für Trading, Portfoliomanagement und Risikosteuerung in den Bereichen Aktien, Währungen, Zinsen und Kreditmärkte. Er arbeitete unter anderem bei renommierten Häusern wie Calypso Technology und Citibank. Vier Jahre verbrachte er bei SAC Capital Advisors, wo er beim Aufbau des globalen Macro-Desks mitwirkte.
Philippe ist Absolvent der Syracuse University und hält einen Doppelabschluss (Bachelor of Science) in Finance und Communication.
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Ursprünglich bestehend aus Brasilien, Russland, Indien und China, profitiert das erweiterte BRICS+-Bündnis von einem rasanten Wachstum in wertschöpfungsstarken Sektoren mit einer beeindruckenden Produktivität, wie zum Beispiel Technologie, Energieversorgung und Rohstoffabbau. Seine Fähigkeit, das globale Wachstum zu treiben, ist so stark, dass Investoren gezwungen sind, ihre Strategien grundlegend zu überdenken.
Unser Anlageansatz hat sich in den letzten drei Jahrzehnten auf die Annahme gestützt, dass die Weltordnung der Zeit nach dem Kalten Krieg auf drei Grundpfeilern ruht: ungehinderter Freihandel, Globalisierung und Sicherung des Weltfriedens durch das internationale System unter westlicher Führung. Diese Grundpfeiler standen für den freien Verkehr von Waren, Kapital, Personen und Informationen ohne systemische Konflikte zwischen rivalisierenden Mächten.
Alle drei Prämissen sind heute keine Selbstverständlichkeit mehr und stehen angesichts tiefgreifender Veränderungen der geopolitischen und wirtschaftlichen Weltordnung in Frage.
In diesem Kontext ist auch das Staatenbündnis BRICS+ entstanden. In einer zunehmend polarisierten Welt entwickeln sich die BRICS+ zu einem Gegengewicht zur G7, denn Länder des globalen Südens, die mit dem bestehenden internationalen System hadern, kommen als Mitglied des Bündnisses zu Macht und Einfluss. Darüber hinaus gewinnt auch das Bündnis insgesamt an Dynamik, weil es seine gemeinsamen Ressourcen und Märkte organisiert, um dem internationalen System unter westlicher Führung die Stirn zu bieten.
Der Aufstieg der BRICS+ ist daher ein Grund, innezuhalten und über die Praxis der Vermögensverwaltung nachzudenken. Dies gilt umso mehr, als unsere Analyse darauf hindeutet, dass dieses aufstrebende Staatenbündnis und die zunehmenden Risse der Weltordnung tiefgreifende Auswirkungen darauf haben werden, wie wir das Thema Vermögensanlage angehen und wie wir die Anlageklassen einteilen.
Wir sind gewohnt, zwischen Industrie- und Schwellenländeranlagen zu unterscheiden. Industrieländer gelten allgemein als Märkte mit hoher Liquidität, geringem politischen Risiko, hohem BIP pro Kopf, fortschrittlichen Technologien und breit gefächerter Exportwirtschaft. Schwellenländer dagegen werden meist als Märkte mit hohem Wachstumspotenzial, aber geringerer Liquidität, begrenzteren Anlagemöglichkeiten, höherem politischen Risiko und potenzieller Volatilität angesehen.
In dieser neuen Realität finden sich Anlagemöglichkeiten zwangsläufig dort, wo es um die Schlüsselfaktoren des künftigen Wachstums geht: Technologie, Energieversorgung, Rohstoffe bzw. Ressourcen und Produktivitätsvorteile. Diese Faktoren waren zwar immer schon wichtig, aber ihr Charakter verändert sich. Wachstum im Technologiesektor entsteht zunehmend bei Chips und KI, die Energieversorgung umfasst fossile Brennstoffe, verschiedene grüne Energiequellen und Kernkraft, und zu den Rohstoffen bzw. Ressourcen gehören die gesuchten seltenen Erden und Mineralien, die für wichtige Technologien und die Klimawende benötigt werden. Produktivitätsvorteile ergeben sich heute vor allem durch KI-Fortschritte und Robotik. Dies bedeutet, dass sich der Mix der Wachstumstreiber und deren Bedeutung für die Wachstumsdynamik verändern.
Mit den Wachstumstreibern verändert sich auch die wirtschaftliche Hackordnung der Länder und ihrer Industrien. Daher müssen wir in Themen denken und uns ansehen, wie die einzelnen Länder mit Blick auf die Treiber des künftigen Wachstums aufgestellt sind. Manche Mitglieder von G7 und BRICS+ haben hier klare Vorteile, etwa in Form von Vorkommen an natürlichen Ressourcen, die es in anderen Ländern nicht gibt. Das gilt besonders für China, das die Produktion der für die Klimawende benötigten kritischen Mineralien und seltenen Erden fest in der Hand hat. Weitere Hebel, mit denen die BRICS+ globalen Einfluss ausüben können, sind Seehandelsrouten, Energieressourcen und militärische Fähigkeiten. Gleichzeitig werden nicht alle Industrieländer die Wachstumsquellen bewahren können, die sie dorthin gebracht haben, wo sie heute stehen.
Das Ergebnis ist – zeitgleich mit dem Aufstieg der BRICS+ – ein Wettbewerb zwischen den Wirtschaftsmächten um die Rohstoffe und Ressourcen, die für das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren von entscheidender Bedeutung sein werden. In diesem Zusammenhang ist auch das erneute Interesse von US-Präsident Trump an der Übernahme Grönlands zu sehen. Mit ihren reichen Vorkommen an natürlichen Ressourcen dürften die BRICS+ klar davon profitieren, dass diese künftigen Wachstumsquellen in einer in unterschiedliche Wirtschaftssphären zerfallenen Welt hoch im Kurs stehen werden. Auch die Herrschaft über die Handelsrouten wird in einer polarisierten Welt besonders ins Gewicht fallen. Dies erklärt auch das grosse Interesse der Trump-Administration am Panamakanal, einem der wenigen wichtigen Nadelöhre für den Seehandel, die die BRICS+-Länder – und insbesondere China – noch nicht kontrollieren.
Wenn es den BRICS+ gelingt, die gesamte Palette der Instrumente und Einflussmöglichkeiten effektiv zu nutzen, die ihr zur Verfügung stehen, könnte eine grössere Gruppe von Entwicklungsländern ähnliche Wachstumsgewinne verzeichnen, wie das Bündnis sie einigen seiner Mitglieder bereits beschert hat. Dies würde die Abkehr von westlich orientierten Handelsmustern noch verstärken.
Um die Entwicklung des Bündnisses zu unterstützen, haben die BRICS+ versucht, institutionelle Strukturen zu entwickeln. Dazu gehören die New Development Bank (NDB) – die von den BRICS-Staaten gegründete multilaterale Entwicklungsbank, die den Aufbau der Infrastruktur und die Entwicklung in den Mitgliedstaaten fördern soll, – sowie Zahlungssysteme zur Umgehung der bestehenden Abwicklungsprozesse, die primär auf dem US-Dollar basieren. Dadurch konnten einige Mitglieder des Bündnisses die lähmenden Sanktionen umgehen, die USA und EU gegen sie verhängt hatten.
Der Wandel der wirtschaftlichen Dynamik zwingt uns, neu darüber nachzudenken, wie wir das Thema Vermögensanlage angehen und wie wir verschiedene Anlageklassen abgrenzen und einteilen.
Was den BRICS+ fehlt, und was sich letztlich als Wachstumshemmnis erweisen wird, ist eine eigene Referenzwährung. Bis zur Entwicklung einer solchen Alternative zu den dominierenden westlichen Währungen (USD, EUR, GBP, CHF, JPY) dauert es nach unserer Einschätzung noch mindestens zehn Jahre. Im Mittelpunkt der westlichen Bemühungen, dem Aufstieg der BRICS+ entgegenzuwirken, stehen unterdessen die Zölle. Diese haben jedoch zu einem Substitutionseffekt geführt, weil die Länder nun verstärkt untereinander Handel treiben.
Der oben beschriebene Wandel der wirtschaftlichen Dynamik zwingt uns, neu darüber nachzudenken, wie wir das Thema Vermögensanlage angehen und wie wir verschiedene Anlageklassen abgrenzen und einteilen. Die zunehmende Polarisierung und Fragmentierung der Weltwirtschaftsordnung wird zu höherer Volatilität und geringerer Liquidität führen. Dadurch kann auch die Inflation steigen, weil die konkurrierenden Blöcke versuchen, unabhängig voneinander Kapazitäten aufzubauen, und dafür wohl jeweils dieselben Prozesse und Fachkenntnisse benötigen. Diese Fragmentierung birgt das Risiko, dass Kapital auf beiden Seiten knapper und teurer wird. Es ist ohne Weiteres denkbar, dass Kapital in Zukunft vor allem innerhalb der einzelnen Blöcke und nicht mehr weltweit frei zirkuliert.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Wachstumstreiber immer stärker themenbezogen sind und die Spaltung zwischen den Blöcken zunimmt, könnte für Unternehmen, die ihr geistiges Eigentum schützen wollen, die Notwendigkeit eines Börsengangs abnehmen. Da kotierte und nicht kotierte Unternehmen jeweils Zugang zu unterschiedlichen Marktsegmenten bieten, lassen sich Wachstumschancen mit einem Multi-Asset-Ansatz, der beide Bereiche abdeckt, möglicherweise effektiver nutzen als mit einer getrennten Betrachtung.
All diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass Anleger nicht passiv, sondern themenbezogener und aktiver investieren müssen, um Anlagemöglichkeiten erfolgreich zu nutzen. Dadurch verändern sich die Spielregeln der Kapitalanlage, wie wir sie kennen.
Maria Vassalou
Pictet Research Institute
Maria Vassalou ist im Januar 2024 zur Pictet-Gruppe gestossen, um das Pictet Research Institute aufzubauen und zu leiten. Zuvor war sie Co-Chief Investment Officer des Multi-Asset-Solutions-Teams bei Goldman Sachs Asset Management. Sie war zudem Partnerin und Portfoliomanagerin bei Perella Weinberg Partners, Global-Macro-Portfoliomanagerin bei SAC Capital sowie Leiterin der Global-Macro-Investmentstrategien bei Soros Fund Management.
Vor ihrer Laufbahn im Asset Management war sie Associate Professor of Finance an der Columbia Business School. Maria Vassalou hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre von der Universität Athen sowie einen Doktortitel in Finanzökonomie von der London Business School.
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Das Wiederaufflammen der Handelsspannungen hat den Inflationsdruck wiederbelebt und die Unterschiede in der Geldpolitik zwischen den USA und Europa verstärkt. Auch wenn das Umfeld immer noch von Unsicherheiten geprägt ist, bieten die Renditen am Kreditmarkt und die nach wie vor soliden Fundamentaldaten der Unternehmen den Anlegern weiterhin attraktive Perspektiven.
Die Aussicht auf allgemeine Zinssenkungen wurde durch eine komplexere geopolitische Realität eingeholt. Die Handelsspannungen im Zusammenhang mit der Einführung neuer Zölle durch die USA haben insbesondere den Inflationsdruck wieder angefacht, was zu einem Anstieg der langfristigen Zinsen und zu Befürchtungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Dynamik in den USA geführt hat. Die Inflationserwartungen für das kommende Jahr liegen nun bei über 3,3 %, und angesichts der Volatilität der Wirtschaftsindikatoren nimmt die Unsicherheit zu.
Vor diesem Hintergrund bleibt die US-Notenbank zur grossen Enttäuschung von Donald Trump vorsichtig. Der Bewohner des Weissen Hauses hat sogar beschlossen, sich mit dem Präsidenten der Fed – den er selbst während seiner vorherigen Amtszeit ernannt hatte – auf ein Kräftemessen einzulassen. Dieser bleibt jedoch vorerst unnachgiebig und hält am Status quo fest, da er die wirtschaftliche Lage für eine geldpolitische Lockerung als wenig günstig erachtet. Der US-Arbeitsmarkt ist robust, während die Unternehmen weiterhin gute Ergebnisse veröffentlichen und ihre Lohnpolitik noch nicht geändert haben. Infolgedessen scheint sich eine Preis-Lohn-Spirale dauerhaft zu etablieren, und Investoren, die zu Beginn des Jahres vier Zinssenkungen erwartet hatten, rechnen nun nur noch mit zwei.
Gleichzeitig führen das wachsende Haushaltsdefizit der USA und die seit 2022 von der Fed eingeleitete quantitative Straffung zu einem explosionsartigen Anstieg des Nettoangebots an Staatsanleihen. Fast 30 % der US-Schulden müssen 2025 refinanziert werden, was über dem historischen Durchschnitt von rund 22 % liegt, während das Rating des Landes kürzlich herabgestuft wurde. Bei einem Leitzins der Fed zwischen derzeit 4,25 % und 4,75 % stellt sich die Frage nach der Tragfähigkeit dieser Schulden, und die Anleiherenditen steigen. Ausländische Investoren, allen voran China, scheinen sich von dieser Anlageklasse abzuwenden, und der Druck auf die langfristigen Zinsen nimmt zu, was die Befürchtungen eines umfassenderen Rückzugs internationaler Investoren schürt. Das Vertrauen in die US-Währung könnte selbst schwinden.
Die Divergenz der Geldpolitik hat sich in den letzten Monaten verstärkt, da die EZB ihre Zinsen weiter gesenkt hat und ihr Tempo beibehält. Nach einer letzten Senkung im Juni wird bis Ende des Jahres eine weitere erwartet. Darüber hinaus haben die deutschen und europäischen Konjunkturprogramme zu einem Aufschwung in der Eurozone geführt. Die wirtschaftliche Dynamik in Europa ist zwar schwach, hält aber an. Der Finanzierungsbedarf steigt und stützt die langfristigen Zinsen, was zu einer Steilheit der Zinskurve führt.
Während die Tragfähigkeit der Staatsschulden in Frage gestellt wird, weisen die Unternehmen solide Fundamentaldaten auf, die es ihnen ermöglichen dürften, potenzielle makroökonomische Schocks zu verkraften. Seit Jahresbeginn tendieren die Anleger daher dazu, Unternehmensanleihen zu bevorzugen. Die weiterhin hohen Zinsen in Verbindung mit der spezifischen Prämie ermöglichen ihnen eine höhere Rendite als mit Staatsanleihen.
In diesem Umfeld behalten wir eine vorsichtige und opportunistische Positionierung bei. Der Markt scheint uns angesichts der jüngsten Kehrtwende von Donald Trump hinsichtlich der Verschiebung der Einführung von Zöllen vielleicht zu optimistisch zu sein. Diese sind nach wie vor höher als vor seinem Amtsantritt, und wir warten ab, was nach Ablauf der 90-tägigen Pause geschehen wird. Daher bleiben wir gegenüber den Sektoren, die am stärksten von den Handelsspannungen betroffen sind, wie beispielsweise der Automobilbranche, wachsam. Darüber hinaus behalten wir ein hohes Engagement in Finanzwerten bei, welches wir nach der Korrektur im April tendenziell verstärkt haben. Wir sind angesichts der soliden Fundamentaldaten der Akteure in diesem Sektor weiterhin vom Potenzial dieser Anlageklasse überzeugt.
Wir haben die Sensitivität unserer Portfolios schrittweise gesenkt, als die Zinsen fielen. Darüber hinaus haben wir die Laufzeiten im Zuge der Zeichnungen verlängert, um eine Verwässerung zu vermeiden und von der Steilheit der Kurven zu profitieren. Wir sind der Ansicht, dass innerhalb des Investment-Grade-Segments die am besten bewerteten Anleihen mit einer Laufzeit von 5 bis 10 Jahren dank der damit erzielbaren Überrenditen die besten Chancen bieten. Der Carry macht diese Anlageklasse von Natur aus attraktiv, und die Dekorrelation zwischen Spreads und Zinsen mildert ihre Volatilität, da sich beide Effekte gegenseitig ausgleichen.
Wir betrachten die aktuelle Situation daher als relativ komfortabel. Trotz der Volatilität im April dieses Jahres sind Kredite nach wie vor teuer, aber die Renditen bleiben dank des Zinsniveaus attraktiv. Die Fundamentaldaten der Unternehmen sind stark, es gibt Cashflows, insbesondere im Investment-Grade-Segment, und es ergeben sich punktuell Chancen. Die allgemeine Unsicherheit veranlasst uns zwar zur Vorsicht, insbesondere aufgrund der Risiken einer Eskalation des Handelskriegs, schafft aber auch Chancen. Diese Situation rechtfertigt es, dass wir Liquiditätsreserven vorhalten, um schnell positionieren zu können, wenn die Bewertungen attraktiver werden. In einem Umfeld, in dem Ankündigungen oft den tatsächlichen Auswirkungen vorausgehen, bleiben Disziplin und Reaktionsfähigkeit unsere grössten Stärken.
Emmanuel Petit
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Emmanuel Petit begann seine Laufbahn 1998 bei HSBC Asset Management auf dem Gebiet der AIMR-GPIS-Performance-Attribution und war dort ab 2001 als Kredit-Analyst tätig. 2006 geht er als Anleihenmanager (Unternehmensanleihen) zu Rothschild Co Asset Management und wird 2011 zum Leiter Anleihenmanagement ernannt. Emmanuel Petit ist Inhaber eines DESS in „Unternehmensfinanz“ und Mitglied des SFAF (Französischer Verband der Finanzanalysten).
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Das Interesse an privaten Märkten hat auch im Jahr 2025 nicht nachgelassen, angetrieben durch attraktive Renditepotenziale, eine grössere Diversifizierung sowie durch ein breiteres Spektrum an Anlagemöglichkeiten. Die Frage ist jedoch, wie man eine optimale Gewichtung sicherstellt. Supriya Menon liefert einige Antworten.
Die Faszination für private Märkte ist vor allem auf das Renditepotenzial zurückzuführen, das unter anderem mit ihrer Illiquidität und Komplexität verbunden ist. Diese Vermögenswerte sind schwieriger zu kaufen und zu verkaufen, bieten jedoch historisch gesehen eine höhere Performance als öffentliche Märkte und belohnen somit diejenigen, die bereit sind, die damit verbundenen Risiken einzugehen.
Aber diese Prämie ist nicht der einzige Reiz. Private Vermögenswerte ermöglichen auch Investitionen in Segmente, die normalerweise ausserhalb der Reichweite börsennotierter Märkte liegen, wie Start-ups in der Pre-IPO-Phase oder Unternehmen mit fortgeschrittenem Risikokapital. In einer Zeit, in der börsennotierte Small Caps immer seltener werden, sind diese Möglichkeiten sehr wertvoll. Dennoch ist Vorsicht geboten. Die scheinbar geringe Volatilität privater Vermögenswerte ist nicht unbedingt ein Schutz vor Marktturbulenzen. Sie resultiert hauptsächlich aus der geringeren Häufigkeit der Transaktionen, die mit dieser Art von Vermögenswerten getätigt werden.
Es bleibt also zu klären, wie diese Anlagen am effektivsten in ein Portfolio integriert werden können. In unserem speziellen Fall handelt es sich eher um geschlossene Strukturen als um Evergreen-Strukturen. Dazu ermöglicht ein dreistufiger Ansatz eine optimale Kalibrierung.
Der erste Schritt ist entscheidend. Er besteht darin, die tatsächliche Fähigkeit zur Bewältigung von Illiquidität zu bewerten. Diese hängt direkt von den zukünftigen Cashflows, den regulatorischen Auflagen und der operativen Komplexität der Verwaltung ab. Ein Portfolio, das ständig Liquidität freisetzen muss, um seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, hat natürlich weniger Spielraum als ein Portfolio, das ausschliesslich auf Kapitalwachstum ausgerichtet ist. Regulatorische Anforderungen wie Liquiditätsquoten für Banken oder Eigenkapitalanforderungen für Versicherer erfordern ebenfalls besondere Wachsamkeit. Schliesslich muss auch die operative Komplexität privater Märkte berücksichtigt werden, da diese Investitionen erhebliche interne Ressourcen und eine strenge Governance erfordern.
Sobald die Obergrenze für Illiquidität festgelegt ist, stellt sich die entscheidende Frage nach der Rendite. Benötigt Ihr Portfolio diese Überrenditen? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich fragen, ob die Ziele des Portfolios auch ohne diese privaten Vermögenswerte erreicht werden können. In unseren Modellen gehen wir davon aus, dass diese Vermögenswerte im Vergleich zu gleichwertigen öffentlichen Märkten eine Prämie von 2 % für private Schuldtitel und 3 % für Private Equity bieten können. Die Herausforderung besteht darin, objektiv zu beurteilen, ob diese Prämien realistisch und angesichts des eingegangenen Risikos ausreichend sind.
Der dritte Schritt betrifft schliesslich die konkrete Fähigkeit, effektiv auf diese privaten Anlagen zuzugreifen, sie auszuwählen und zu verwalten. In diesem Bereich macht der Zugang zu den besten Managern den Unterschied, auch wenn er nicht garantiert ist, ebenso wie die Fähigkeit, Allokationen über mehrere Jahrgänge hinweg in grossem Massstab zu strukturieren, zu verwalten und zu diversifizieren. Historisch gesehen variieren die Renditen stark von Manager zu Manager, sodass die Auswahl im Mittelpunkt der Performance steht. Es ist daher entscheidend, über fundiertes internes oder externes Fachwissen zu verfügen, um diese Investitionen zu identifizieren, auszuwählen und streng zu überwachen. Ebenso wichtig ist es, trotz der Schwankungen der Konjunkturzyklen eine langfristige strategische Kohärenz zu wahren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die richtige Dimensionierung einer Allokation in privaten Märkten nicht nur eine Frage finanzieller Berechnungen ist: Es handelt sich um eine subtile Gleichung, die Illiquiditätsbeschränkungen, präzise Renditeziele und die tatsächlichen Fähigkeiten in Bezug auf Management und Auswahl berücksichtigt.
Dieser strukturierte Ansatz, der auf die Besonderheiten professioneller Anleger zugeschnitten ist, ermöglicht es die Allokationen in privaten Märkten bestmöglich auf langfristige strategische Ziele abzustimmen. Das Ziel ist klar: Maximierung der Performance bei gleichzeitiger Risikokontrolle, um private Investitionen zu einem nachhaltigen strategischen Vorteil zu machen.
Supriya Menon
Wellington Management
Supriya Menon ist Leiterin der Multi-Asset-Strategie EMEA bei Wellington Management. In dieser Funktion berät sie Kunden zur strategischen Allokation und entwickelt massgeschneiderte Multi-Asset-Anlagelösungen. Bevor sie 2022 zu Wellington Management kam, war sie fast 10 Jahre lang als Senior Multi-Asset-Strategin bei Pictet Asset Management tätig, wo sie die Asset-Allokationsstrategie für institutionelle und Wholesale-Fonds leitete. Supriya hatte ähnliche Positionen bei Aviva Investors und Lehman Brothers inne, nachdem sie ihre Karriere bei Morgan Stanley begonnen hatte.
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Während sich die nachhaltige Finanzwirtschaft trotz einiger Rückschläge unbestreitbar durchsetzt, bleibt eine wichtige Ressource überraschenderweise ausser Acht: Wasser. Der zunehmende Druck auf diese Ressource – zwischen Wasserstress, Verschmutzung und Nutzungskonflikten – stellt jedoch ein systemisches Risiko für Unternehmen und Investoren dar. Eine Analyse von Brewen Latimier.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut dem World Resources Institute leben bereits 2,4 Milliarden Menschen unter starkem Wasserstress. Das Weltwirtschaftsforum geht davon aus, dass 50 % des weltweiten BIP direkt von einem sicheren Zugang zu Wasser abhängt. Und die vom Carbon Disclosure Project befragten Unternehmen schätzen die finanziellen Verluste im Zusammenhang mit Wasser allein für das Jahr 2023 auf über 15 Milliarden Dollar. Wenn sich nichts ändert, werden bis 2030 40 % des weltweiten Wasserbedarfs nicht gedeckt sein.
Für Vermögensverwalter bedeutet dies, dass bestimmte Investitionen – selbst solche, die als klimaresistent gelten – in Wirklichkeit erheblichen Wasserrisiken ausgesetzt sein können, mit direkten Auswirkungen auf die finanzielle Performance und die langfristige Wertentwicklung.
Auch die Schweiz bleibt davon nicht verschont. Nestlé Waters sieht sich derzeit mit einer strafrechtlichen Untersuchung im Zusammenhang mit seiner Wasserbewirtschaftung in Henniez konfrontiert und unterliegt in Frankreich zunehmenden Betriebsbeschränkungen. Im weiteren Sinne erlebt Europa bereits wiederkehrende Wasserstressphasen, die sich auf die Lieferketten wichtiger Sektoren auswirken: Agrar- und Lebensmittelindustrie, Chemie, Halbleiter, Energie oder Immobilien.
Zur Erinnerung: Die Überschwemmungen im Wallis im Jahr 2024 haben die Geschäftstätigkeit eines Zulieferers von Porsche beeinträchtigt und zu einem geschätzten Verlust von einer Milliarde Euro geführt. Diese Beispiele zeigen, dass Wasser nicht mehr nur eine Frage der Umweltphilanthropie ist: Es ist zu einer strategischen Variable des Risikomanagements geworden, auch für börsennotierte Konzerne, die sich im Portfolio privater Kunden befinden.
Die Schweiz, eine Hochburg des nachhaltigen Vermögensmanagements, hat hier eine Vorreiterrolle zu spielen. Angesichts von Kunden, die zunehmend auf ESG-Risiken und die Robustheit ihrer Portfolios achten, ermöglicht die Einbeziehung des Faktors Wasser in die Vermögensanalyse eine Differenzierung bei gleichzeitigem Schutz der Performance.
Dies erfordert eine dreifache Entwicklung:
Erstens müssen die physischen, regulatorischen und reputationsbezogenen Risiken im Zusammenhang mit Wasser in die Due Diligence integriert werden. Zweitens müssen die bereits verfügbaren Messinstrumente – Satellitendaten, CDP-Berichte, Water Risk Atlas, Wasserknappheitsszenarien – genutzt werden, um die Bewertung der Vermögenswerte zu verfeinern. Und drittens müssen Unternehmen identifiziert werden, die nicht nur widerstandsfähig, sondern auch innovativ im Bereich Wassermanagement oder -aufbereitung sind und die die Marktführer von morgen sein werden.
Die Daten sind vorhanden, aber es fehlt eine Strukturierung dieser Daten in den Analyse- und Bewertungsmodellen. Die Kosten für Wasser – oder dessen Fehlen – in die Cashflow-Prognosen einbeziehen, die Anlagestrategie und die Wasserresilienz aufeinander abstimmen oder Unternehmen identifizieren, die nachhaltige Lösungen anbieten: Das sind die Wege, die es zu erkunden gilt, damit Wasser zu einem echten Leistungshebel wird.
Chief Investment Officers und Vermögensberater müssen Wasser heute nicht mehr nur als einfache Umweltbelastung betrachten, sondern als einen grundlegenden wirtschaftlichen Parameter. Ein Unternehmen, das stark vom Zugang zu Wasser abhängig ist und keine nachhaltige Managementstrategie hat, ist ein risikobehaftetes Unternehmen – auch wenn seine aktuellen Ergebnisse solide erscheinen.
Hier kommt dem Chief Sustainability Officer eine strategische Rolle zu. Der CSO ist nicht mehr nur für die Einhaltung der ESG-Kriterien oder die nichtfinanzielle Berichterstattung zuständig, sondern wird zu einem wichtigen Partner bei der Bewertung materieller Risiken, die in direktem Zusammenhang mit Investitionsentscheidungen stehen. In Zusammenarbeit mit den CIOs kann er Bereiche mit Wasseranfälligkeit identifizieren, neue Vorschriften vorhersehen, Stressszenarien in die Vermögensallokation integrieren und Kapitalströme in Unternehmen lenken, die in der Lage sind, diese Einschränkung in einen Wettbewerbsvorteil umzuwandeln.
Im Schweizer Kontext, wo Präzision, Sorgfalt und Vorausschau zentrale Werte der privaten Vermögensverwaltung sind, wird dieses Tandem aus CSO und CIO zu einem Hebel für eine differenzierte Performance werden. Denn morgen wird die Robustheit eines Portfolios nicht mehr nur an seiner Rentabilität gemessen, sondern auch an seiner Widerstandsfähigkeit gegenüber systemischen Schocks, wie denen im Zusammenhang mit Wasser.
Schliesslich ist die Einbeziehung von Wasser in die Portfolios auch eine Antwort auf die Erwartungen der vermögenden Kunden der neuen Generation. Diese suchen nach Anlagen, die ihren Werten entsprechen, ihnen aber auch ermöglichen, die bevorstehenden grossen systemischen Veränderungen zu antizipieren. Das Wasserrisiko ist eindeutig Teil davon.
Wasser kann nicht mehr nur als Umweltproblem betrachtet werden. Für Schweizer Vermögensverwalter, die heute als führend im Bereich der nachhaltigen Vermögensverwaltung gelten, ist die strategische Integration von Wasser in die Finanz- und Vermögensanalyse eine Gelegenheit, Performance, Risikovorsorge und Exzellenz im Bereich verantwortungsbewusster Investitionen in Einklang zu bringen. Seine Knappheit oder schlechte Bewirtschaftung kann ganze Geschäftsmodelle ins Wanken bringen. In Zeiten des Klimawandels bedeutet nachhaltiges Wassermanagement auch nachhaltiges Vermögensmanagement.
Brewen Latimier ist als Manager bei Colombus Consulting tätig, wo er für den Finanzdienstleistungssektor in der Schweiz zuständig ist. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in diesem Sektor. Nach einer anfänglichen Karriere in der Finanzabteilung einer Bank wechselte er in die Beratungsbranche, in der er an zahlreichen Projekten zur digitalen Transformation in ganz Europa und der Schweiz für Finanzinstitute beteiligt war. Zuletzt hat er für seine Kunden verschiedene Digital- und Datenstrategien umgesetzt.
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