Investment-Lösungen
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- Interview mit Grégory Raymond
- Redaktionsleiter
- The Big Whale
« Die Schweiz nimmt in diesem Blockchain-Ökosystem eine ganz besondere Stellung ein. »
Anlässlich des von SPHERE und The Big Whale am 29. Januar in Genf organisierten Events Digital Assets zeichnete Grégory Raymond ein präzises Bild des Blockchain-Ökosystems jenseits der reinen Kryptowährungen. Im Gespräch mit Jérôme Sicard beleuchtet er das tatsächliche Gewicht des Sektors in Europa und in der Schweiz, seine wichtigsten Wachstumstreiber, den Aufstieg der Tokenisierung sowie die Entwicklung der Geschäftsmodelle.
Von Jérôme Sicard
Wenn man den reinen Kryptowährungssektor ausklammert: Wie viele Unternehmen sind heute im Blockchain-Bereich in Europa und in der Schweiz aktiv?
Bei Zahlen ist Vorsicht geboten, doch es gibt eine verlässliche Basis: die Zahl der regulierten Anbieter von Dienstleistungen im Bereich digitaler Assets in Europa. In diesem Rahmen sprechen wir von rund 3’000 Unternehmen. Dazu gehören Plattformen, Broker und verschiedene regulierte Dienstleister.
Diese Zahl deckt jedoch nicht das gesamte Ökosystem ab. Viele Unternehmen sind in den Bereichen Infrastruktur, Software, Sicherheit oder technische Dienstleistungen tätig, ohne eine spezifische Lizenz zu benötigen. Rechnet man diese Akteure hinzu, liegt die realistischste Schätzung eher bei rund 5’000 Unternehmen in Europa.
Die Schweiz nimmt in diesem Umfeld eine sehr besondere Stellung ein. Hier gibt es rund 1’200 Blockchain-Unternehmen, was das Land zu einem wichtigen Zentrum macht. Das Ökosystem ist stark in der Crypto Valley zwischen Genf, Zug und Lugano konzentriert. Rund 5’000 hochqualifizierte Fachkräfte arbeiten in diesem Bereich. Auf europäischer Ebene gehört die Schweiz klar zu den wichtigsten Schwerpunkten der Branche.
In welchen Bereichen sind diese Unternehmen hauptsächlich tätig?
Der erste grosse Bereich ist weiterhin der Handel und die Vermittlung digitaler Assets. Diese Plattformen ermöglichen den Kauf, Verkauf und Handel digitaler Vermögenswerte. In der Schweiz gibt es mehrere führende Akteure wie Bitcoin Suisse oder SwissBorg, die zu den solidesten in Europa zählen. Bitstamp, ursprünglich aus Luxemburg, gehört ebenfalls zu den wichtigsten Plattformen in Europa.
Der zweite Pfeiler ist die Verwahrung digitaler Vermögenswerte. Dies ist heute vermutlich das reifste Segment, insbesondere weil es den Bedürfnissen institutioneller Investoren entspricht. Schweizer Unternehmen wie Taurus oder Metaco sind zu globalen Marktführern im institutionellen Custody-Bereich geworden. International spielen auch Akteure wie Ledger oder Fireblocks eine zentrale Rolle.
Der dritte Schwerpunkt liegt auf Tokenisierung und Stablecoins. Stablecoins stellen eine Form der Tokenisierung von Geld dar, während Tokenisierung im weiteren Sinne bedeutet, reale Vermögenswerte — Wertpapiere, Fonds oder Anleihen — auf die Blockchain zu übertragen. Traditionelle Banken engagieren sich zunehmend in diesem Bereich, etwa mit dem Euro-Stablecoin von Société Générale Forge oder Initiativen von Häusern wie Oddo. Hinter diesen Projekten stehen umfangreiche Infrastruktur- und B2B-Softwarelösungen.
Haben Sie eine Vorstellung vom aktuellen Gesamtumsatz dieser Unternehmen?
In Europa belaufen sich die Schätzungen für den kumulierten Umsatz von Krypto- und Blockchain-Unternehmen im weiteren Sinne auf rund 9 Milliarden US-Dollar. Das bleibt im Vergleich zur traditionellen Finanzindustrie relativ bescheiden.
Allerdings erfasst diese Zahl nicht die gesamte Wertschöpfung. Ein erheblicher Teil entsteht auf Protokollebene — also in den Software-Layern — sowie durch Netzwerkeffekte. Betrachtet man ausschliesslich klar identifizierbare kommerzielle Unternehmen, liegt die Grössenordnung in diesem Bereich. Das zeigt, dass das Ökosystem noch jung ist, aber bereits strukturiert.
Wo könnten die kumulierten Umsätze bis 2030 liegen?
Es gibt mehrere Prognosen. Eine der glaubwürdigsten stammt von BCG, die für das gesamte Tokenisierungs-Ökosystem bis 2030 jährliche Umsätze von rund 400 Milliarden US-Dollar erwartet.
Diese Schätzung basiert auf einem Szenario, in dem bis dahin reale Vermögenswerte im Wert von etwa 10 Billionen US-Dollar tokenisiert sein könnten. Sollte sich diese Entwicklung durchsetzen — und viele grosse Finanzakteure arbeiten bereits daran — entstehen daraus erhebliche Einnahmeströme für Infrastrukturen, Plattformen, Verwahrungslösungen und Software-Layer.
Bereits heute ist eine klare Bewegung erkennbar: Börsen, Asset Manager und Banken lancieren tokenisierte Versionen von Geldmarktfonds, Aktien oder Anleihen. Das Thema ist längst nicht mehr experimentell, sondern ein industrielles Projekt.
Beobachten Sie viele Liquidity Events?
Der Sektor ist noch jung, und Börsengänge bleiben selten. Coinbase in den USA ist ein bekanntes Beispiel, doch in Europa sind IPOs weiterhin begrenzt.
Dagegen nehmen Übernahmen zu. Grosse Gruppen erwerben spezialisierte Anbieter, um schnell regulatorische Lizenzen und Kundenbasen zu erhalten. Ein aktuelles Beispiel ist die Übernahme von Bitstamp durch Robinhood für rund 200 Millionen US-Dollar, mit dem klaren Ziel, den Zugang zum regulierten europäischen Markt zu beschleunigen.
Auch die Einführung des europäischen Regulierungsrahmens MiCA führt zu einer Konsolidierungsdynamik. Lizenzen sind teuer und komplex zu erhalten. Viele kleinere Anbieter werden zu Übernahmezielen grösserer Gruppen, die ihr Lizenzportfolio rasch erweitern wollen. Entsprechend sieht man mehr M&A-Transaktionen als klassische Börsenexits.
Wie bewertet man Token-basierte Projekte?
Lange Zeit basierten Token-Investments vor allem auf Narrativen — etwa KI, Web3 oder Infrastruktur — ohne echtes Analysemodell. Das war stark spekulativ.
Heute professionalisieren sich die Ansätze. Zunächst muss die Fähigkeit eines Protokolls analysiert werden, Einnahmen über Nutzungsgebühren zu generieren. Danach gilt es zu verstehen, wie dieser Wert verteilt wird. Lange Zeit flossen Einnahmen vor allem an die Unternehmen hinter den Protokollen, nicht an Token-Inhaber, unter anderem aus regulatorischen Gründen.
Zunehmend werden indirekte Wertverteilungsmechanismen eingeführt: Token-Rückkäufe, Burn-Programme zur Reduktion des Umlaufs oder ökonomische Anreize für Token-Holder.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Emissionsstruktur. Nicht alle Tokens sind von Beginn an im Umlauf. Es gibt Vesting-Zeitpläne für frühe Investoren. Diese Freigaben erhöhen das Angebot und können die Preise beeinflussen. Die Analyse eines Tokens erfordert heute eine detaillierte Betrachtung von Cashflows, Governance und Angebotsdynamik — fast wie bei einer Aktie.
Tether hat 13 Milliarden Gewinn erzielt. Wie ist das möglich?
Tether ist ein Sonderfall. Das Unternehmen emittiert den weltweit grössten Stablecoin mit rund 130 Milliarden Dollar Umlaufvolumen. Das operative Modell ist extrem schlank, da die Emission eines Stablecoins nur wenig Personal erfordert.
Die Einnahmen stammen aus den Reserven, die die Tokens decken. Diese werden insbesondere in US-Staatsanleihen investiert. Mit dem starken Zinsanstieg in den Jahren 2023 und 2024 explodierten die Erträge — daher die 13 Milliarden Gewinn. Der Umsatz pro Mitarbeitenden übertrifft den vieler Investmentbanken.
Die Einnahmen sind mit sinkenden Zinsen zurückgegangen, bleiben aber sehr hoch. Zudem profitiert Tether von einer Goldexponierung. Das Unternehmen versucht derzeit Kapital zu einer sehr ambitionierten Bewertung aufzunehmen. Trotz kontroverser Reputation und Debatten über die Qualität der Reserve-Audits hat es alle Marktzyklen überstanden. Wäre es nicht robust, wäre es verschwunden. Es bleibt ein zentraler Akteur — auch wenn der regulatorische Druck steigen wird.
Grégory Raymond
The Big Whale
Grégory Raymond ist Co-Gründer und Editorial Director von The Big Whale, einer Market-Intelligence-Plattform für digitale Assets und die finanzielle Transformation durch Blockchain. Als Journalist hat er sich als einer der profiliertesten Beobachter des Krypto-Ökosystems in Frankreich und Europa etabliert. Mit The Big Whale begleitet er Investoren, Finanzinstitute und Entscheidungsträger bei der Analyse von Web3-Dynamiken, Blockchain-Infrastrukturen und der Entwicklung digitaler Asset-Märkte.
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