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- Interview mit Julie Guittard & Mathieu Raynot
- Senior managers
- Michael Page
„Der Einsatz von KI erfordert eine klare strategische Vision“
Als zentraler Transformationsfaktor im Finanzdienstleistungssektor verändert künstliche Intelligenz Organisationsstrukturen, Berufsbilder und den Arbeitsmarkt grundlegend. Prozessautomatisierung, der zunehmende Stellenwert von Daten und der Wandel der Kompetenzen: Julie Guittard und Mathieu Raynot analysieren die konkreten Auswirkungen dieser Entwicklungen auf den Schweizer Finanzplatz.
Von Jérôme Sicard
Wie lässt sich heute der Einfluss der künstlichen Intelligenz auf die Beschäftigung im Schweizer Finanzsektor beurteilen?
Der Einzug der künstlichen Intelligenz verändert Denk- und Arbeitsweisen in sämtlichen Wirtschaftssektoren tiefgreifend. Wir stehen erst am Anfang bedeutender struktureller Umbrüche, die den Arbeitsmarkt in der Schweiz wie auch international nachhaltig prägen werden. Die Finanzdienstleistungen – Banken, Asset Management und Versicherungen – sind von diesen Entwicklungen besonders betroffen, da sie stark auf repetitive, datengetriebene Prozesse sowie auf ein hohes Volumen an administrativen und unterstützenden Tätigkeiten angewiesen sind.
Gerade in diesen Bereichen entfaltet KI heute ihr Potenzial. Sie ermöglicht die Automatisierung zahlreicher Routinetätigkeiten, verbessert die Datenanalyse erheblich, erstellt personalisierte Zusammenfassungen, erleichtert automatisierte Übersetzungen und passt die Kommunikation an das jeweilige Kundenprofil an. KI verändert zudem die Beziehung zwischen Finanzinstituten und ihren Kundinnen und Kunden, etwa durch rund um die Uhr verfügbare Chatbots oder zunehmend digitalisierte KYC-Prozesse. In der Privatbank unterstützt sie insbesondere die Erstellung von Reportings, die Echtzeitübersetzung sowie eine präzisere und stärker personalisierte Kommunikation.
Bereits heute beobachten wir einen Abbau von Stellen, vor allem in Support-, administrativen und juristischen Funktionen. Diese Entwicklung lässt sich jedoch nicht allein auf KI zurückführen. Sie ist Teil eines umfassenderen Kontextes, der von geopolitischen und wirtschaftlichen Spannungen, Zinsanpassungen sowie einer ausgeprägten Konsolidierung im Schweizer Banken-, Finanz- und Versicherungssektor geprägt ist. In den vergangenen drei Jahren hat sich diese Dynamik deutlich beschleunigt. All diese Faktoren führen zu einem wachsenden Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Finanzarbeitsmarkt. Zwar wird weiterhin rekrutiert, allerdings konzentrieren sich Neueinstellungen zunehmend auf hochspezialisierte Profile. Gleichzeitig verfügen viele verfügbare Kandidatinnen und Kandidaten über zu generalistische oder stark back-office-orientierte Profile, mit begrenzter Erfahrung im Umgang mit KI-Kompetenzen und den heute erforderlichen neuen Tools.
Welche spezifischen Auswirkungen hat KI auf Back-Office-, Operations- und Compliance-Funktionen?
Diese Funktionen gehören zu den am stärksten betroffenen Bereichen. Einerseits steigert KI Qualität, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit dieser Tätigkeiten deutlich und hebt sie auf ein wesentlich höheres professionelles Niveau. Sie trägt damit zu einer stärkeren Institutionalisierung der Prozesse bei, mit klareren Standards, verbesserten Kontrollen und erweiterten technischen Fähigkeiten.
Andererseits erhöht diese Entwicklung den Druck auf die Mitarbeitenden, die heute sowohl ihre fachlichen Kernkompetenzen als auch Kenntnisse in Technologie, Automatisierung und KI beherrschen müssen. Stark segmentierte Back-Office-Positionen, die bereits seit rund zehn Jahren rückläufig sind, wurden schrittweise durch transversalere Funktionen wie Business Analysts oder Project- und Process-Manager ersetzt, was eine deutliche Reduktion der operativen Teams ermöglichte. KI stellt nun eine zweite Transformationsstufe dar, die direkt in die täglichen Aufgaben von Operations und Compliance integriert wird und den daten- und analysegetriebenen Charakter dieser Funktionen erheblich verstärkt.
Handelt es sich eher um eine Transformation der Berufe oder um einen Abbau von Arbeitsplätzen?
Diese beiden Dynamiken stehen nicht im Widerspruch, sondern bestehen parallel. Der Einsatz von KI eröffnet zweifellos neue Lernmöglichkeiten, fördert den Kompetenzaufbau und schafft neue Rollen. Viele operative Funktionen haben bereits Automatisierungs- oder intelligente Analysetools integriert, was zu erheblichen Zeitgewinnen und Leistungssteigerungen führt.
Gleichzeitig geht diese Entwicklung mit einem Abbau von Stellen einher, die hauptsächlich auf manuellen oder stark repetitiven Prozessen basieren. Dieser Trend betrifft mittlerweile auch die IT-Abteilungen. Der Einsatz von Tools, die Code generieren oder die Softwareentwicklung stark unterstützen, reduziert den Arbeitsaufwand bestimmter Entwicklerprofile und stellt die Notwendigkeit grosser Teams zunehmend infrage. In mehreren Institutionen wurden die IT-Teams in den vergangenen zwölf bis vierundzwanzig Monaten deutlich verkleinert, was sich klar im Arbeitsmarkt widerspiegelt – mit einem spürbaren Rückgang entsprechender Stellenangebote.
Welche Kompetenzen sind entscheidend, um im Finanzsektor im Zeitalter der KI beschäftigungsfähig zu bleiben?
Der Arbeitsmarkt wird zunehmend komplex, und es ist unerlässlich, Kompetenzen zu entwickeln, die den neuen technologischen und operativen Anforderungen entsprechen. Dabei zeichnen sich heute zwei Hauptwege ab.
Der erste besteht in der Spezialisierung auf Funktionen mit hoher Wertschöpfung, unterstützt durch kontinuierliche Weiterbildung und berufliche Zertifizierungen, um die durch KI gebotenen Möglichkeiten sinnvoll zu ergänzen. Diese Spezialisierung geht häufig mit einer Hybridisierung der Kompetenzen einher, die finanzielle Expertise, digitale Fähigkeiten und ein solides Verständnis regulatorischer Rahmenbedingungen verbindet.
Der zweite Weg betrifft Profile mit stärkerem Fokus auf Kundenbeziehungen und Geschäftsentwicklung. Die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen, private oder institutionelle Kunden langfristig zu begleiten und komplexe Bedürfnisse zu verstehen, bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor. In diesen Tätigkeiten ist die menschliche Dimension unersetzlich – insbesondere am Schweizer Finanzplatz.
Demgegenüber stellen bestimmte administrative und operative Funktionen heute das am stärksten von mittelfristiger Automatisierung bedrohte Segment dar, mit einem realen Risiko des schrittweisen Wegfalls einzelner Stellen in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren. Dieses „Mittelfeld“ des Arbeitsmarktes sollte sowohl vom privaten Sektor als auch von den öffentlichen Stellen ernst genommen werden.
Entstehen neue Profile oder Berufsbilder im Zusammenhang mit KI im Finanzbereich?
Ja. Besonders gefragt sind heute Fachkräfte mit ausgeprägtem Branchenwissen, die KI-Tools beherrschen und konkret in ihre tägliche Arbeit integrieren können. Zu beobachten ist das Entstehen neuer Rollen, etwa AI Business Analysts innerhalb operativer Teams, Daten- und KI-Spezialisten in den Bereichen Risiko, Compliance oder Investment, Experten für prädiktive Modellierung, Daten-Governance und -qualität sowie Fachkräfte im Bereich Cybersicherheit.
Ein erheblicher Teil der Berufe des Jahres 2030 existiert heute noch nicht. Seit der Covid-Krise haben sich die Transformationszyklen deutlich beschleunigt, wobei KI zu bereits bestehenden Entwicklungen wie Homeoffice oder Prozessdigitalisierung hinzukommt.
Ist die Schweiz im Vergleich zu anderen Finanzplätzen voraus oder im Rückstand?
Die Schweiz befindet sich in einer Zwischenposition. Sie verfügt über solide Grundlagen, mit robusten Infrastrukturen, hohen technischen Kompetenzen und einem qualitativ starken akademischen Ökosystem. Gleichzeitig geht sie oft vorsichtiger vor als andere Finanzplätze – bedingt durch ein anspruchsvolles regulatorisches Umfeld, eine konservativere Risikokultur und Governance-Strukturen, die Innovationen teilweise langsamer integrieren. Andere Finanzplätze werden dabei sehr genau beobachtet. Dieser Ansatz setzt auf Qualität, Zuverlässigkeit und Sicherheit und stellt insbesondere in der Privatbank, der Vermögensverwaltung und der Versicherung einen wichtigen Wettbewerbsvorteil dar.
Erfordert KI spezifische Implementierungsstrategien?
Ja. Der Einsatz von KI erfordert eine klare strategische Vision, eine stringente Daten-Governance sowie ein angepasstes Risikomanagement mit Mechanismen der menschlichen Aufsicht. Zudem setzt er eine kohärente HR-Strategie voraus, die den gezielten Kompetenzaufbau, die Begleitung des Wandels sowie eine verstärkte interne und externe Kommunikation integriert. Auch wenn KI Werkzeuge und Prozesse tiefgreifend verändert, bleiben Investitionen in das Humankapital, in Soft Skills und in die Anpassungsfähigkeit zentraler denn je.
Julie Guittard
Michael Page
Julie Guittard ist Senior Managerin bei Michael Page und auf die Personalvermittlung im Bank- und Finanzdienstleistungssektor in der Westschweiz spezialisiert. Sie verfügt über mehr als 14 Jahre Erfahrung im Talentmanagement. Im Laufe ihrer Karriere hat sie Teams geleitet und eine Vielzahl von Positionen in den Bereichen Risiko, Compliance, Finanzen, Investitionen, Operations und Front Office für Privatbanken, Vermögensverwalter und Vermögensmanager bekleidet.
Mathieu Raynot
Michael Page
Mathieu Raynot kam 2014 zur Abteilung Banking & Financial Services von Michael Page in Genf. Seitdem hat er sich auf technische Berufe in den Bereichen Operations, Risiko & Compliance, Investitionen und Vermögensverwaltung für einen Kundenstamm spezialisiert, der unter anderem Privatbanken, Vermögensverwalter, Family Offices und Asset Managers umfasst. In diesen Finanzberufen begleitet Mathieu Raynot sowohl junge Absolventen wie auch erfahrene Fachkräfte. Darüber hinaus ist er an Schulen und in lokalen Wirtschaftskreisen tätig. Mathieu Raynot hat einen Master-Abschluss in Management mit Spezialisierung auf Geschäftsverhandlungen.
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